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Internet Alles oder nichts

Mit großen Erwartungen startete Verleger Burda seinen Datendienst Europe Online. Die Zahlen aber sind düster.
• aus DER SPIEGEL 15/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wann immer Hubert Burda über die neuen Medien spricht, gerät er ins Schwärmen: Bei den neuen Datendiensten sieht er »faszinierende Chancen«, wittert »völlig neue Herausforderungen«, spricht von einer »logischen Ergänzung« seines Stammgeschäftes, das er mit der Herstellung und dem Verkauf von Magazinen wie Bunte, Elle oder Super Illu bestreitet.

Mutig wurde Burda zum Internet-Verleger, gründete einen Datendienst nach dem anderen: Traxxx für Reiselustige, Uni Online für Studiosi, Mediziner sollen sich in der geschlossenen Benutzergruppe von Health Online austauschen und informieren, Focus Online bietet bunte News. Und dann ist da noch sein liebstes und größtes Multimedia-Baby: Europe Online.

Mit hochkarätigen Informationen bestückt, wollte Burda bei Europe Online »ein neues Archivsystem« mit »vollkommen frischem Wissen« bieten. Der Verleger sah schon im Herbst 1994 »ein neues Medium« entstehen.

Mittlerweile ist Ernüchterung eingekehrt. Die neue Datenwelt ist bunt und schillernd - nur profitabel ist sie derzeit nicht. Burdas Europe Online steckt in der Krise.

In einer internen Bestandsaufnahme, adressiert an den Geschäftsführer der Burda-Holding, Gerd Bolls, wird die Vision des Verlegers im Detail zerpflückt. Bis März habe der Verlag gut 34 Millionen Mark in den Online-Dienst gesteckt, darunter 24,6 Millionen Mark in Form von Darlehen. Im April wären weitere 6 Millionen fällig.

Ein Ende der Kapitalzufuhr, so die Schlußfolgerung der Experten, sei nicht in Sicht. Die Burda-Manager müssen erkennen: Das Internet hat große Maschen, da bleibt so leicht nichts hängen.

Europe Online war schon von Anfang an ein Problemkind. Konzipiert als paneuropäischer Datendienst, fand sich auch nach monatelangen Verhandlungen keiner der Wunschpartner bereit, Elternpflichten zu übernehmen. Der Springer-Verlag sprang trotz unterschriftsreifer Verträge in letzter Minute ab, die Handelskette Metro und der Kommunikationskonzern Vebacom mochten sich ebenfalls nicht engagieren.

Zwölf Mitgesellschafter kamen schließlich zusammen, darunter allein sechs aus Luxemburg: zwei Kreditinstitute und vier Finanzierungsgesellschaften.

Um die Anteile nicht noch weiter zu zerstreuen, stockte die Burda-New-Media-Tochter Online International Beteiligungs GmbH ihren 24,5prozentigen Anteil auf 29,17 Prozent auf. Der Mutterkonzern Burda GmbH, so enthüllt das interne Papier, »hält treuhänderisch noch 6,97 Prozent« an der Europe Online Holding in Luxemburg (EOL).

Entsprechend wird das Haus zur Kasse gebeten, trägt fast zwei Fünftel der Kosten. Nennenswerte Einnahmen stehen dem nicht gegenüber.

Heute besuchen pro Tag rund 110 000 Datensurfer den Dienst, ohne einen Pfennig zu bezahlen. Etwa 300 neue Kunden melden sich täglich, um zehn kostenlose Probestunden im Internet verbringen zu dürfen. Die ersten bezahlten Werbeschaltungen sind gebucht.

Doch das reicht nicht, frisches Kapital muß akquiriert werden. So beschloß Europe Online, im Sommer an die Börse zu gehen. Nächste Woche soll der von Merrill Lynch vorgelegte Prospekt verabschiedet werden.

In dem internen Strategiepapier ließ Vorstandsmitglied Bolls Alternativen durchspielen - von der Übernahme der Mehrheit bis zum Verkauf der von Burda gehaltenen EOL-Anteile.

Szenario Nummer eins: Zur Entlastung der Burda-Konzernkasse wird Europe Online Deutschland wie zuvor schon die Dependancen in Frankreich und Großbritannien ganz von der Luxemburger EOL-Holding übernommen. Einige der Münchner Mitarbeiter müssen dann gehen, für die »Übernahme von Entlassungskosten« sind eine Million Mark vorgesehen.

Szenario Nummer zwei wäre das Ende mit Schrecken: »Schließung bzw. Vergleich«. Burda verkauft seine Anteile, der Verlag könnte sich auf andere Aktivitäten im Bereich Neue Medien konzentrieren. Der finanzielle Schaden für Burda wäre dabei auf etwa 40 Millionen Mark begrenzt.

Die Nachteile des Totalausstiegs verschweigen die Strategen nicht: Burda müßte nach den großen Ankündigungen der letzten Jahre mit einem »sehr starken Image- und Glaubwürdigkeitsverlust in der Industrie« rechnen und hätte den »Verlust der Gesamtinvestition« zu verkraften.

Der dritte Lösungsversuch sieht die Trennung von der Luxemburger Holding vor. »Da 66 Prozent der Europe-Online-Nutzer aus Deutschland stammen, könnte die Europe Online Deutschland eventuell auf eigenen Beinen stehen.«

Der Imageverlust würde so »begrenzt«, die »Schuld an die Luxemburger« weitergereicht. Die Wahrscheinlichkeit, einen Finanzpartner in Deutschland zu finden, steige. Die Trennung biete den Vorteil, sich auch von unrentablen Online-Teilen zu verabschieden. Die Experten fragen: »Gibt es eine Möglichkeit, die Rosinen aus der Vergleichsmasse zu nehmen?«

Dies hätte negative Folgen für die Bilanz. Rund 22 Millionen Mark Investitionsgelder für die Holding in Luxemburg müßten als »Verlust« weggebucht werden. Und: Ein »Image-Schaden für unser internationales Auftreten« sei zu befürchten.

Als vierte Möglichkeit bieten die Burda-Experten ihrem Vorstand das »alles oder nichts": »Durch die Umwandlung des bestehenden Darlehens könnten wir mit einem verbündeten Gesellschafter die absolute Mehrheit bei EOL erreichen.« Das ganze Projekt würde so an Stabilität gewinnen, Burda besäße endlich die »Managementkontrolle«, eine Führung »ohne unnötige interne Reibereien wird ermöglicht«.

Dieser Weg, heißt es in dem Papier, erfordere vom Konzern viel Mut und Risikobereitschaft. Bis zum Börsengang wären weitere Investitionen nötig. Die Strategen sprechen von bis zu 26 Millionen Mark. Es sei die einzige Chance, die investierten Gelder zurückzuverdienen. Für Europe Online hieße das: »Double or Nothing«.

[Grafiktext]

Burdas Beteiligungen an Europe Online

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