Alles oder nichts - DER SPIEGEL
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UNTERNEHMEN Alles oder nichts

Hoechst-Chef Dormann muß die Fusion mit dem französischen Konzern Rhône-Poulenc beschleunigen - ein riskanter Kraftakt.
Von Heiko Martens
• aus DER SPIEGEL 12/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jürgen Dormann ist immer wieder für eine Überraschung gut. Der Mann, der sich zum Ziel gesetzt hat, seinen Konzern zu zerschlagen und den Traditionsnamen Hoechst zu tilgen, überraschte vergangene Woche mit einer neuen Variante.

Die Hoechst-Aktionäre erwarteten, erläuterte der Vorstandschef vorigen Dienstag seinem Aufsichtsrat, »daß wir schneller, direkter und stärker in Richtung Life-science gehen«. Im Klartext: Das Geschäft mit Pharma und Pflanzenschutz soll im Rekordtempo neu geordnet werden. Bereits zum Jahresende sollen diese Kernbereiche der Hoechster mit dem französischen Partner Rhône-Poulenc zur Holding Aventis mit Sitz in Straßburg verschmolzen werden. Dormann wollte sich damit ursprünglich zwei bis drei Jahre Zeit lassen.

Schweigend lauschte Chalid Buhamra dem Vortrag. Der Vertreter des mit 24,5 Prozent größten Hoechst-Aktionärs, der Kuwait Petroleum Corp. (KPC), widersprach auch nicht, als Dormann versicherte, die Kuweitis würden die deutsch-französische Ehe nunmehr gutheißen. »Kuweit macht mit«, sagt Rainer Kumlehn, für die Chemie-Gewerkschaft BCE im Aufsichtsrat, »das ist eindeutig.«

Das ist so ungefähr das einzig Eindeutige, was von Dormanns ursprünglichen Fusionsplänen noch übriggeblieben ist.

Einst sollten in der zukünftigen Celanese AG, so die erst wenige Monate alte bisherige Planung, die Industriechemie-Töchter von Hoechst, Celanese und Ticona zusammengefaßt werden. Ein Vorstand wurde bereits bestellt, im neuen Unternehmen sollte schnell ein Wir-Gefühl entstehen.

Nun aber sei es vonnöten, referierte Dormann im Aufsichtsrat, auch das Celanese-Projekt erneut »zu betrachten«. Den Vorstand der geplanten AG traf die Volte völlig unvorbereitet. »Die sind mächtig enttäuscht«, so ein Dormann-Mitarbeiter.

Selbst dem Hoechst-Chef ist noch nicht recht klar, was mit dem Rest seines Imperiums geschehen soll, der nicht zur großen Life-science-Strategie paßt.

Binnen weniger Wochen müssen die Beteiligungen an Messer Griesheim, Wacker Chemie und Clariant entsorgt werden. Ohne diese Bereinigung hätte Hoechst in dem Pakt mit den Franzosen sonst ein Übergewicht von rund zehn Milliarden Mark Umsatz - und der »merger of equals«, den Dormann zugesagt hat, wäre nicht möglich.

Völlig im unklaren ließ der Hoechst-Chefstratege seine Aktionäre vorige Woche auch darüber, wie sie vom eventuell anfallenden Verkaufserlös der nicht mehr benötigten Beteiligungen profitieren sollen. Dormann unbestimmt: »Da gibt es mehrere Optionen.«

»Alles hängt wieder in der Luft«, klagte ein Banken-Analyst, nachdem er von Dormann informiert worden war - »und alles soll in ein paar Wochen geklärt sein.« Denn spätestens im Juli soll eine außerordentliche Hauptversammlung Dormanns Deals absegnen.

Unter dem Druck der Kuweitis, die nicht hinnehmen wollten, daß ihre Beteiligung während einer mehrjährigen Fusionsphase unwägbaren Risiken ausgesetzt wird, hat sich der Konzernchef für va banque entschieden, für alles oder nichts.

Scheitert er, zerbricht auch sein Lifescience-Traum. Dann stehen Aufkäufer bereit, die den gesamten Hoechst-Konzern übernehmen wollen. In dem Fall, kommentierte Bayer-Chef Manfred Schneider die Turbulenzen, würde man auch in Leverkusen »neu nachdenken«.

Die Börse nahm solche Möglichkeiten schon vorweg. Gegen den Trend stieg das Hoechst-Papier. Die Börsianer spekulierten auf das mögliche Kaufinteresse ominöser Dritter. Alle angebotenen Aktien werden deshalb aufgesammelt, so ein Händler.

Für Dormann, den umstrittensten deutschen Manager, ist die Beschleunigung der Fusion mit Rhône-Poulenc ein Spiel mit höchstem Einsatz: Es geht auch um sein Schicksal.

HEIKO MARTENS

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