Pharmaindustrie Alte Mär
Der Festakt in Paris fand weltweit Beachtung. Verliehen wurde der Prix Galien, ein Preis für herausragende Pharmaforschung. Die Wahl des »besten Medikaments des Jahres« fiel auf das Präparat TPA, ein Mittel zur Bekämpfung von Herzinfarkten, von Boehringer Ingelheim.
Die Preisverleihung liegt gut zwei Jahre zurück, und sie wird für deutsche Pharmafirmen eine Sternstunde bleiben. Denn die heimische Arzneimittelbranche, einst als »Apotheke der Welt« gepriesen, verliert international an Bedeutung.
Betroffen ist einer der erfolgreichsten deutschen Industriezweige. Traditionsreiche Weltfirmen wie Hoechst und Bayer, Schering und Merck prägen den internationalen Ruf der Branche.
Die offiziellen Daten sind immer noch eindrucksvoll. Die deutschen Hersteller von Pillen und Pulvern, Säften und Seren sind mit einem Volumen von 10,6 Milliarden Mark die Weltmeister im Pharmaexport. Auch die Gewinne sind ansehnlich.
Doch der schöne Schein trügt. Gemessen an der Produktion, liegen die Deutschen auf Rang drei, aber der Abstand zu den Spitzenreitern USA und Japan nimmt seit Jahren deutlich zu. Selbst die dritte Position ist den Deutschen nicht mehr sicher. Die beiden Rivalen Frankreich und England sind auf einigen Feldern längst vorbeigezogen.
Es bestehe die Gefahr, warnten bereits Ende der achtziger Jahre die Marktforscher Günter Kießling und Wolfgang Kühn, daß die deutsche Arzneimittelindustrie noch weiter absacken oder gar ganz vom Weltmarkt verschwinden werde.
Das Szenario der beiden Boehringer-Manager ist sicherlich überzogen. Es war wohl hauptsächlich als Attacke gegen Bundesarbeitsminister Norbert Blüm und seine Pläne zur Kostendämpfung gedacht.
Die Tendenz allerdings stimmt. Die bundesdeutschen Pharmaunternehmen verlieren vor allem im Bereich Forschung, dem Gradmesser für künftiges Wachstum, kräftig an Boden.
In dieses düstere Bild paßt eine Untersuchung der amerikanischen Wirtschaftsberatungsfirma McKinsey. Zwischen 1975 und 1986 wurden weltweit 54 Spitzenpräparate, die wissenschaftlich als Durchbruch gewertet werden, eingeführt. Nicht ein einziges dieser Mittel stammt aus den Labors deutscher Firmen. Die meisten (66 Prozent) wurden in den USA, der Rest in Frankreich, Großbritannien und in der Schweiz entwickelt.
Schlechte Noten bekommen die Deutschen auch von den französischen Wissenschaftlern der Fondation Rhone-Poulenc Sante. Ihre vergleichende Studie über 15 Jahre weltweite Arzneimittelforschung belegt, daß die deutsche Pillenindustrie vor allem in den letzten Jahren stark zurückgefallen ist.
In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre noch, so die Studie, stammten rund 14 Prozent aller neuen Medikamente aus deutschen Fabriken, zehn Jahre später waren es nur noch 8,6 Prozent.
Die deutsche Pharmaindustrie rutschte in dieser Rangliste der Innovationen auf den fünften Platz ab. Die Japaner aber konnten im gleichen Zeitraum ihren Anteil sogar mehr als verdoppeln (siehe Schaubild).
Klasse haben die Deutschen offenbar nur noch bei Massenprodukten. Bei den weltweit vermarkteten sogenannten Metoo-Präparaten, den Imitationen anderer Medikamente, haben sie nach wie vor eine Spitzenstellung.
Quantität hat auch weiterhin Vorrang. Von den 1421 im vorigen Jahr in der Bundesrepublik neu zugelassenen Medikamenten sind, wie der Kölner Pharmakologe und Toxikologe Uwe Fricke feststellte, nur vier »von der Struktur oder dem Wirkprinzip« her als »wirklich neuartig zu bezeichnen«.
Es sind weitgehend die Erfolge früherer Jahre und die im internationalen Vergleich hohen Arzneimittelpreise hierzulande, die Deutschlands Pharmamanager so behäbig gemacht haben. Bestes Beispiel dafür ist Hoechst.
Anfang der achtziger Jahre noch rangierte der Frankfurter Pharmamulti vor dem US-Konzern Merck & Co. auf Platz eins in der Welt. Inzwischen haben ihn englische und amerikanische Konkurrenten überrundet.
Verständlich, denn weit mehr als die Hälfte aller Hoechst-Präparate sind älter als 20 Jahre. Das älteste Hoechst-Medikament, das Schocktherapeutikum Suprarenin, wurde bereits 1906 eingeführt. Einer der letzten Marktrenner, das Antibiotikum Claforan, kam 1980 auf den Markt. Es entstammt nicht einmal den Forschungslabors von Hoechst, sondern war von der französischen Tochterfirma Roussel Uclaf abgezogen worden.
Zur Schließung seiner Sortimentslücken mußte Hoechst zukaufen. Das Antibiotikum Tarivid beispielsweise, eines der erfolgreichsten Präparate der Hoechster, ist ein Lizenzprodukt aus Japan.
»Generell brauchen wir bei Merck«, beklagte bereits Ende der achtziger Jahre der damalige Personalchef Klaus Gruber den Zustand des Darmstädter Pillenkonzerns, »mehr Initiative, mehr Ideen, mehr Begeisterung, mehr Schwung.«
Die Sorgen sind verständlich. Das erfolgreichste Medikament des Merck-Konzerns, ein Magen-und-Darm-Mittel mit dem Wirkstoff Ranitidin, wurde beim englischen Konkurrenten Glaxo entwickelt.
Mit mehr als 20 Jahre alten Präparaten bestreitet die deutsche Pharmaindustrie heute rund die Hälfte ihres Umsatzes. Sie hat nach Berechnungen des Londoner Finanzhauses Shearson, Lehman, Hutton unter den führenden Herstellern mit das älteste Sortiment.
An mangelnden Forschungsaufwendungen kann das nicht liegen. Rund 14 Prozent ihres Gesamtumsatzes in Höhe von rund 30 Milliarden Mark gibt die Branche durchschnittlich für Entwicklung und Forschung aus - ein internationaler Spitzenwert.
Viel Aufwand, wenig Nutzen. Das Klotzen mit Milliarden, stellte die US-Zeitschrift Financial World fest, sei noch lange keine Garantie für den Markterfolg.
Die deutschen Pillenfirmen stecken beispielsweise die größten Beträge in die Entwicklung von Molekülvarianten erfolgreicher Präparate oder in die zahllosen Imitationen, für die es keinen medizinischen Bedarf gibt. Die Entwicklung innovativer Präparate aber vernachlässigen sie.
Auch da können die Deutschen von der japanischen Konkurrenz, die noch Anfang der achtziger Jahre auf dem Weltmarkt kaum vertreten war, eine Menge lernen. Nippons steiler Aufstieg zur Pharmagroßmacht ist das Ergebnis konsequenter Forschung.
Japan forcierte die Entwicklung von Spitzenarzneien - mit großem Erfolg. Immer häufiger müssen sich die trägen deutschen Firmen dort mit Lizenzen eindecken.
Das japanische Beispiel widerlegt allerdings eindrücklich eine von heimischen Pharmamanagern stereotyp wiederholte alte Mär. Staatliche Reglementierungen, so verbreitet seit Jahren die Pillenlobby, reduzieren angeblich die Gewinne und beschneiden damit die Forschungs-Milliarden.
Japan hat schon vor Jahren drastische Preiskontrollen eingeführt. Auch die sonstigen Maßnahmen zur Kostenreduzierung im Gesundheitswesen sind schärfer als die der Bundesregierung.
Nahezu alle Dutzend-Arzneien und sämtliche Me-toos sind vom japanischen Markt verbannt. Anerkannt und erstattet werden, wie auch in Frankreich und Großbritannien, nur therapeutisch sinnvolle Mittel. Auf die äußerst einträglichen Präparate hat sich daher die Pharmaforschung in den drei Ländern konzentriert.
Solche Vorbilder beeindrucken die deutsche Pharmaindustrie offenbar wenig. Sie macht sich dafür stark, daß selbst die medizinisch umstrittensten Medikamente auch weiter in das bequeme Erstattungssystem der Krankenkassen einbezogen werden - zur Freude der internationalen Konkurrenz.
Die Japaner, resümierte der Duisburger Wirtschaftswissenschaftler Dieter Cassel in einer Untersuchung über Nippons Pharmaindustrie, könnten nun »die Früchte ihrer jahrzehntelangen Forschungsanstrengungen ernten«. Die »Innovationsschwäche« der Deutschen wird ihnen den Erfolg leichtmachen.