Alte Oper - DER SPIEGEL
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GEWERKSCHAFTEN Alte Oper

Rudolf Sperner, der strammste unter Deutschlands Gewerkschaftsführern, tritt ab.
• aus DER SPIEGEL 42/1982
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nur zu gern hätte Rudi Sperner sich Präsident nennen lassen. So ein Titel, pflegte er seinen Wunsch zu begründen, mache sich für den Boß einer Bauarbeiter-Gewerkschaft einfach besser als die schlichte Bezeichnung »Vorsitzender«. Da plaudere es sich lockerer beim Bundeskanzler oder bei Besuchen im Ausland.

Doch die kleine Freude hat die Gefolgschaft ihrem Anführer nicht gegönnt. Ganz zurückweisen wollten sie ihren titelsüchtigen Chef allerdings auch nicht.

Seit 1975 darf er sich doch ein wenig von den Kollegen in den anderen Gewerkschaften abheben. Die sind nämlich alle nur Vorsitzende, Sperner aber ist seither der einzige Bundesvorsitzende.

Dies ehrenvolle Amt hätte der Dienstälteste unter den Arbeiterführern gern noch ein paar Jährchen behalten. Die Bauwirtschaft stecke in der tiefsten Krise seit Kriegsende, meinte der Gewerkschaftsvorsitzende, und da sei er doch eigentlich unentbehrlich.

Doch niemand bat den 63jährigen zu bleiben. Der Gewerkschaftsbeirat empfahl vielmehr Konrad Carl, 52, zweiter Mann der IG Bau, Steine, Erden (BSE), als Nachfolger. Und so zelebriert Sperner nun in dieser Woche, piekfein in der Alten Oper zu Frankfurt, auf dem S.136 BSE-Gewerkschaftstag die Amtsübergabe.

Unter dem neuen Mann wird wohl alles beim alten bleiben. Konrad Carl ist von Rudi Sperner groß gemacht worden. 1969 holte Sperner ihn vom bayrischen Bezirksleiterposten in die Frankfurter Gewerkschaftszentrale. In den Jahren des Sperner-Regiments blieb das Vorstandsmitglied Carl, für Personal und Recht zuständig, artig im Hintergrund.

Nur in der Gewerkschaftspolitik, meinen Eingeweihte, werde die Baugewerkschaft nun gelegentlich Position beziehen. Denn »Conny« Carl nehme auch schon mal ein Buch zur Hand.

Das kann man vom Vorgänger nicht behaupten. Dem Sudetendeutschen Sperner, der seine Gewerkschaftskarriere nach dem Krieg als Bauhelfer im westfälischen Rheine begann, sind Intellektuelle immer suspekt gewesen.

Sein Tarifgeschäft allerdings verstand Rudi Sperner hervorragend. Dank seiner Taktik, zu der auch Kungelei mit der Gegenseite gehörte, endeten die Lohnrunden in der Bauwirtschaft meistens in bestem Einvernehmen. Auf Streiks wollte es der Chef nicht ankommen lassen, dafür ist die Organisation zu schwach. Von den 1,1 Millionen Beschäftigten ist nicht einmal die Hälfte organisiert.

Das enge Einvernehmen zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen hat Tradition in der Baubranche. Schon Sperners Vorgänger Georg Leber, der 1966 ins Bundeskabinett überwechselte, schätzte Vertraulichkeiten mit der anderen Seite.

Treu dem alten Zunftgedanken haben die Tarifpartner gemeinsame Sozialkassen für Urlaubsausgleich beim Stellenwechsel, für Lohnausfälle im Winter und für eine Zusatzversorgung im Alter. Die höheren Kosten waren in den Jahren des Baubooms ja leicht auf die Bauherren zu überwälzen.

Gilt es die Interessen der Branche zu wahren, finden sich beide Seiten, Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, stets Seite an Seite. So beschwert sich Sperner, im Gleichklang mit den Bauverbänden, unermüdlich über die unliebsame Konkurrenz aus dem Ausland: »Schluß muß sein mit den Firmen aus den Ostblockstaaten«, aber auch mit »Illegalen und Asylanten«.

Und wie die Lobby der Baufirmen führt auch die Baugewerkschaft unermüdlich Klage, daß die öffentlichen Hände nicht mehr so konsequent wie früher Autobahnen, Schulen und Rathäuser bauen.

Die Projekte mögen noch so umstritten, noch so sinnlos sein, Sperners IG Bau ist dafür. Ob Schneller Brüter oder Wiederaufbereitungsanlagen, ob Startbahn West oder Rhein-Main-Donau-Kanal - alles muß gebaut werden. Die IG Bau will es nicht länger hinnehmen, daß die »Realisierung von Bauvorhaben durch Bürgerinitiativen weiter verhindert wird«. S.137

Abweichungen von seiner zielstrebigen Interessenpolitik hat Sperner, wegen seines rüden Führungsstils in der IG-Bau-Zentrale auch mit dem Spitznamen Idi Amin versehen, nie geduldet - schon gar nicht, wenn die Widersacher links stehen.

In der Frankfurter IG-Bau-Verwaltung wurde die Datentypistin Ute Nanay kurzerhand entlassen, weil sie ihre Lochkartenmaschine mit einer Anti-Strauß-Plakette beklebt hatte.

In Berlin schloß die Gewerkschaft zwei Mitglieder aus; die hatten in einem Flugblatt an der Gewerkschaftsbehauptung gezweifelt, daß ihre Kollegen arbeitslos würden, weil 160 Häuser instand besetzt würden.

Hausbesetzer, jedenfalls, sind für Männer wie Sperner nur »Krawallmacher und Chaoten«, die zu Lasten des Gemeinwohls die Modernisierung von Wohnungen verhindern.

Ausgeschlossen wurde daher vor einem Jahr der Berliner Claus Wagner. Der hatte als Mitglied der gewerkschaftlichen Aktionsgruppe »Für eine Wende in der Wohnungspolitik« den gewerkschaftseigenen Baukonzern Neue Heimat wegen »Kahlschlagsanierung und Luxusmodernisierung« attackiert.

Nicht immer allerdings sind die Baugewerkschafter mit dem Rausschmiß so schnell bei der Hand. So forderte schon im April das DGB-Wochenblatt »Welt der Arbeit«, die wegen ihrer Strohmanngeschäfte von der Neuen Heimat entlassenen Neue-Heimat-Geschäftsführer Albert Vietor, Harro Iden und Wolfgang Vormbrock auszuschließen.

Bislang vergeblich: »Vietor und seine beiden Raffer« ("Welt der Arbeit") gehören nach wie vor Sperners Gewerkschaft an.

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