Banken Am langen Hebel
Der Brief, den Heinz Gerlach aus Halle »im Namen von Herrn Bundesminister Möllemann« bekam, war freundlich und sollte Mut machen.
Gerlach möchte eine Firma gründen und wollte vom Bundeswirtschaftsminister wissen, warum die notwendigen Kredite so schwer zu haben seien. »Die Förderung von Existenzgründungsvorhaben«, teilte ihm daraufhin ein Bonner Ministerialer mit, sei keineswegs »abhängig von dem Vorhandensein von Kreditsicherheiten«.
Tatkräftige Unternehmensgründer würden gebraucht, um die Wirtschaft im Osten in Schwung zu bringen. Wer ein vernünftiges Konzept vorlege, könne Fördermittel des Bundes deshalb ohne weiteres erhalten, erfuhr Gerlach aus Bonn.
Doch die Wirklichkeit, das mußten bereits viele tausend Existenzgründer in den neuen Bundesländern erfahren, sieht anders aus. Zwischen den Milliarden, die Bonn ausgelobt hat, und den rührigen Jung-Unternehmern steht eine Hürde, die viele nicht überwinden können: die Banken, denen Tatkraft allein nicht genügt. Die wollen Sicherheiten.
So verhandelte Gerlach mit der Deutschen Bank in Halle über einen Kredit. Gerlach will Hotels, Restaurants und Behörden mit Reinigungsmitteln, Seifenspendern und Papierhandtuch-Boxen beliefern. Die Banker fanden Gefallen an dem Konzept, aber die gewünschte Kreditsumme von 485 000 Mark wollten sie nicht bewilligen: Sie sei durch Gerlachs Eigenheim nicht ausreichend abgesichert.
Auch die Commerzbank war wegen fehlender Sicherheiten nicht interessiert. In der Dresdner Bank hörte Gerlach drei Tage lang Lob und Ermutigung. Dann empfahlen die Kreditexperten dem Möchtegern-Unternehmer, doch lieber Mitarbeiter einer Westfirma zu werden, als sich selbständig zu machen.
Der Berliner Bank in Leipzig gefielen Gerlachs Pläne ebenfalls. Leider, leider habe das schöne Projekt eine zu geringe Dimension für ihr Haus, entschieden die Herren im dunklen Anzug. Bei Kreditsummen von unter einer Million sei für die Bank schließlich kaum etwas zu verdienen.
Weil die Banken nicht mitmachten, kam Gerlach auch nicht an die Bonner Fördermittel. Viele Milliarden aus dem ERP-Sondervermögen und der Eigenkapitalhilfe stehen für Investoren zur Verfügung - aber die dürfen sich darum nicht direkt bewerben.
Der Dienstweg ist genau vorgeschrieben. Erst muß die Privatbank das Unternehmenskonzept prüfen und für gut befinden, dann muß sie ihren eigenen Kredit genehmigen. Und dann erst kann sie bei der Deutschen Ausgleichsbank den Antrag auf Zuteilung der Fördermittel stellen.
»Fatalerweise entscheiden die Banken über das Schicksal der Existenzgründer«, klagt Klaus Brandenburg, Chef der ostdeutschen Sektion des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft (BVMW). Und die hätten ganz andere Interessen, als den Aufschwung-Ost zu organisieren. Deshalb würden die Banken viele Unternehmenskonzepte gar nicht erst bearbeiten, die Anträge auf Fördermittel nicht einreichen oder, so Brandenburg, »völlig unrealistische Forderungen an die Jung-Unternehmer stellen«.
Beschwerden liegen zuhauf vor. Manche Banken haben ein halbes Jahr lang nicht auf das eingereichte Gründungskonzept reagiert. Ein Rostocker Institut forderte den Nachweis eines zehnjährigen Gewerbemietvertrages als Vorbedingung für die Kreditbearbeitung. Die Magdeburger Filiale einer deutschen Großbank akzeptiert grundsätzlich keine von ostdeutschen Unternehmensberatern ausgearbeiteten Konzepte, sondern läßt eigenes Personal neue Unterlagen erarbeiten.
In Cottbus forderte eine Bank vom Antragsteller sogar die Vorlage von Kundenaufträgen, obwohl der Mann die Firma erst noch gründen wollte. Bei der Berliner Bank gibt es eine schwarze Liste, die unter anderem Videotheken, Restaurants, Lebensmittelgeschäfte und Drogerien von der Förderung ausschließt - solche Unternehmen sind dem Institut zu riskant.
Das geringe Interesse der Banken, den Existenzgründern zum Start zu helfen, hat noch einen anderen Grund: Es ist nicht viel dran zu verdienen.
»Einigen Jung-Unternehmern hat man es offen ins Gesicht gesagt«, berichtet Mittelstands-Förderer Brandenburg. »Das eine Prozent, das die Bank für die Auszahlung der öffentlichen Mittel erhalte, sei zuwenig, um sich die viele Arbeit mit den Konzepten zu machen.«
Viel mehr als die Vermittlung der Staatsgelder bleibt den Banken in der Tat nicht. Die Hälfte des Startkapitals wird in der Regel als zinsgünstiges ERP-Darlehen aufgenommen, bis zu 40 Prozent macht dann noch die für drei Jahre zinsfreie Eigenkapitalhilfe aus. Gerade 10 Prozent gibt die Bank als Kredit.
Um die ungeliebten Antragsteller abzublocken, nutzen die Banken unterschiedliche Strategien. Besonders beliebt und auch wirksam ist der bürokratische Kleinkrieg um Formulare und Dokumente.
»Mein Gründungskonzept wurde abgelehnt, weil die Beitragskosten für die Berufsgenossenschaft fehlten«, erzählt ein entnervter Mittelständler aus Nauen. »Dabei legt die Genossenschaft den Beitrag erst nach einem Jahr fest, und dann beträgt er weniger als 0,5 Prozent des Umsatzes.«
Die pingelige Bank will der Mann aber nicht beim Namen nennen, weil er sie vielleicht noch braucht: »Die sitzen doch am längeren Hebel.«
Viele Unternehmer im Osten haben den Eindruck, den Banken gegenüber ohnmächtig zu sein. »Was nutzen den Leuten die schönen Worte aus Bonn«, sagt BVMW-Regionalchef Brandenburg, »wenn die Banken viele Kreditanträge mit der Forderung nach immer mehr Sicherheiten abblocken?«
Heinz Gerlach aus Halle hat inzwischen die Hoffnung auf ein ordentliches Startkapital aufgegeben. Er fing einfach an. Mit seinem Privatwagen fuhr er Restaurants in Halle und Umgebung an, um sie mit Seife, Handtüchern und Reinigungsmitteln zu versorgen. Die Ware bekam er auf Kommissionsbasis, das Geschäft lief gut.
Gerlach wollte Wagen kaufen und Vertriebsfahrer einstellen. Doch erst nach einjähriger Wanderschaft von Bank zu Bank fand er bei der Hypo-Bank einen Banker, der ihm den notwendigen Kredit verschaffte.
Zu dem Zeitpunkt hatte Gerlach schon 100 000 Mark Umsatz gemacht.