Am Leben und am Lecken - DER SPIEGEL
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FUSIONEN Am Leben und am Lecken

Der originellsten Eiscremekette der USA, Ben & Jerry's, droht eine feindliche Übernahme durch gewöhnliche Multis. Aktionäre und Aktionisten wehren sich.
• aus DER SPIEGEL 8/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Demonstranten zogen mit lustigen Kuh-Plakaten vor der Eisdiele in Burlington auf, doch ihre Stimmung war düster. Vor wenigen Wochen erst, im Vorfeld der Welthandelstagung in Seattle, waren sie gegen die Allmacht der Unternehmen zu Felde gezogen. »Stop WTO!«, hatten sie an Häuserwände der 38 500-Einwohner-Stadt im US-Staat Vermont gesprüht und sich später diebisch über das Scheitern des Treffens gefreut.

Und nun bekamen sie plötzlich die Urgewalt der Wall-Street-Welt am eigenen Leib zu spüren. Zwei Großunternehmen kämpfen um die Übernahme der in South Burlington ansässigen Eiscremefabrik Ben & Jerry's Homemade. Für Vermonter ist das gleichbedeutend mit dem Einmarsch feindlicher Truppen.

Denn mit nichts identifizieren sich die Ostküstler mehr als mit der skurrilen Eiscremefabrik der Althippies Ben Cohen und Jerry Greenfield. Und mit nichts werden sie so sehr identifiziert. Vermont ist Ben & Jerry's-Land und will es bleiben.

Die Geschichte begann, wie so viele Storys vom amerikanischen Traum, mit zwei Freunden und einer Garage. Die Schulkumpels Ben und Jerry beschlossen, nach einigen erfolglosen Karrieren, eine Eisdiele mit fettem, selbst gemachtem Eis zu eröffnen.

Heute, 22 Jahre später, ist aus dem gemütlichen Garagen-Start-up ein Eisimperium geworden, mit landesweit 170 Filialen, Vertretungen im Ausland und einem Börsenwert von über 190 Millionen Dollar. Vor allem aber haben die beiden eine Firma geschaffen, die so umweltfreundlich ist wie sozialverantwortlich, die sich einsetzt für Kinder und Obdachlose und die mit der Region lebt.

Jährlich gibt Ben & Jerry's 7,5 Prozent ihres Bruttogewinns an ihre Stiftung für soziale Zwecke ab. Die Firma zahlt überdurchschnittliche Löhne, bietet Krankenversicherung, Erziehungsurlaub und für jeden Mitarbeiter drei Becher Eis am Tag. Sie kämpft für den Regenwald, benutzt hormonfreie Öko-Milch von örtlichen Bauern und verpackt ihr Eis in ungebleichten Pappbechern.

Ben und Jerry also sind gut - vor allem aber haben sie sich eine doppelte Portion anarchischen Witz erhalten, streng nach ihrem Motto: »Wenn etwas keinen Spaß macht, warum sollten wir es machen?«

Der Jahresbericht ist so regenbogenbunt wie das Greenpeace-Magazin, und die jährlichen Aktionärsversammlungen sind kaum mehr als ein Vorwand für anschließende Open-Air-Konzerte mit Alt-Stars wie Carlos Santana und Arlo Guthrie. Hippie-Größen werden als Geschmacksrichtungen verewigt, etwa »Cherry Garcia«, inzwischen verstorbener Gitarrist der Rockband Grateful Dead, oder »Wavy Gravy«, der legendäre Woodstock-Organisator. Selbst in den Fabrikhallen dröhnt die Rockmusik.

Statt TV-Spots fahren die Gründer mit dem Eiswagen auf »Roadshow« und verteilen kostenlose Proben. Am »Dogs Day« kriegen alle Hunde eine Kugel umsonst. Und gegen ein Atomkraftwerk protestierte Ben & Jerry's mit dem Slogan: »Haltet unsere Kunden am Leben und am Lecken.«

Diese Firmenphilosophie hat aus dem Eisladen das fünftangesehenste Unternehmen der USA gemacht - und einen lukrativen Übernahmekandidaten. Jede der 6,91 Millionen Aktien kostet 28 Dollar.

Der kalifornische Eishersteller und Konkurrent Dreyer's bietet nun 31 Dollar, der Nahrungsmittel-Multi Unilever will die Aktionäre gar mit 40 Dollar pro Aktie für sich gewinnen.

Cohen und Greenfield, die 1985 an die Börse gingen, um einen Fabrikbau zu finanzieren, sitzen in der Zwickmühle. Lehnen sie höhere Angebote einfach ab, droht dem Vorstand eine Klage von wütenden Aktionären. Stimmen sie zu, könnten Kunden und Mitarbeiter vergrault werden.

»Die Globalisierung nimmt Städten und Firmen die Eigenkontrolle«, klagt Burlingtons Bürgermeister Peter Clavelle, »Wall Street bestimmt statt Main Street.« Charles Hafter, Stadtverwalter von South Burlington, glaubt: »Multis haben doch kein Verhältnis zu der Region, zu der Geschichte, nur eins zum Eigentum.«

Nun kämpfen die Gründer um ihre Firma - mit allen Tricks ihrer Gegner. Sie informierten ihr Netzwerk sozialverantwortlicher Unternehmer, vergangene Woche nun legte eine »alternative Investorengruppe« ihr eigenes Übernahmeangebot vor, mit 32 Dollar pro Aktie, 268 Millionen Dollar total. Die Gruppe, zu der unter anderem auch Body-Shop-Chefin Anita Roddick gehört, will die soziale und ökologische Ausrichtung des Unternehmens beibehalten.

Dazu müsste es wieder von der Börse genommen werden: Ben & Jerry's soll nach diesem Rettungsplan wieder in einen Privatbetrieb umgewandelt werden, um in Zukunft von feindlichen Übernahmeversuchen verschont zu bleiben. Getreu dem Firmenmotto: Make ice, not war. MICHAELA SCHIEßL

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