American Apparel Kaliforniens Trigema-Mann
Los Angeles - Nur mit einem rosafarbenen Unterhöschen und einem gelben Poloshirt bekleidet sitzt Dov Charney auf dem Sofa seiner Stadtvilla und zitiert Ronald Reagan. "Ich habe gehört, Reagan kränkelt etwas", frotzelt der Gründer von American Apparel und grinst breit. "Egal, er hat ein paar echt gute Sachen gesagt, zum Beispiel: 'Was für Menschen werden wir in vierzig Jahren sein? Mögen wir freie Menschen sein, fest in der Überzeugung, dass Freiheit nicht das Vorrecht weniger ist, sondern das universelle Recht aller Kinder Gottes.'" Der drahtige kleine Mann mit dem Buffalo-Bill-Bart wirft die Arme nach vorne, krallt seine Hände in den Bezug des Fauteuils. "Universalität, Alter. Darum geht es."
In der Branche gilt der aus Montreal stammende Charney als Sonderling, und das liegt nicht nur an seinem Auftreten. Seine Firma American Apparel (AA) ist der letzte Mohikaner der US-Textilwirtschaft. Mit nur 83 Millionen Dollar Jahresumsatz ist das Unternehmen inzwischen der größte heimische T-Shirt-Hersteller - weil der Rest der Branche die Fertigung komplett nach Asien und Mittelamerika verlagert hat. Charney hingegen ist nicht nur geblieben, er hat seine Fabrik zudem von South Carolina ins teure Los Angeles verlegt. "Hier gibt es haufenweise kreative Designer und Modeleute, das ist wichtig für uns", sagt er. Ein wenig erinnert Charney an Wolfgang Grupp. Dessen deutscher Sportartikelhersteller Trigema lässt auch nicht in Übersee fertigen. Und der "König von Burladingen" gilt in der Branche ebenfalls als schräger Vogel.
Gut fürs Gewissen ist gut fürs Geschäft
Im heruntergekommenen Industriegebiet an der Alameda Street sticht die Fabrik von American Apparel sofort ins Auge. Die pinkfarbene Außenfront hat das Management mit riesigen Transparenten behängen lassen. Auf denen steht "Industrial Revolution" oder "American Apparel es un compañia rebeled". Am Haupteingang herrscht reger Betrieb - dort drängeln sich Dutzende Bewerber, die ihre Unterlagen abgeben möchten. Unter den Mexikanern von LA hat sich herumgesprochen, dass American Apparel mehr zahlt als die Konkurrenz. Viel mehr: Der kalifornische Mindestlohn liegt bei 6,25 Dollar pro Stunde, Charney zahlt im Schnitt 12,50 Dollar. Außerdem bietet er kostenlosen Englischunterricht sowie die Möglichkeit, sich krankenversichern zu lassen. Ein harter Job ist es dennoch: Die Näher schuften im Akkord, gezahlt wird nach abgelieferten Shirts. Weil sich der Umsatz nach Charneys Schätzung kommendes Jahr verdoppeln wird, stellt American Apparel zusätzlich zu den aktuell etwa 2000 Mitarbeitern gerade weitere 500 ein.
Etwa 90 Prozent seines Umsatzes macht das Unternehmen, indem es seine Ware an Modelabels weiterverkauft. Die versehen Charneys Blankoshirts dann mit Aufdruck oder Logo. Die restlichen zehn Prozent erwirtschaftet die Firma mit eigenen Läden in Nordamerika. Vor kurzem hat American Apparel seine erste europäische Boutique eröffnet, in Frankfurt. Die Shops sind ähnlich minimalistisch gestaltet wie die T-Shirts: Schlichte Regale und ein paar großformatige Fotos, kein Schnickschnack. Mit Profimodels arbeitet das Unternehmen grundsätzlich nicht, sondern ausschließlich mit Amateuren, weil die laut Charney "wie richtige Menschen aussehen". Außerdem arbeiten sie für 50 Dollar je Session. Statt mit Glamour wirbt AA damit, dass alle Textilien "sweatshop free" seien. "Vor allem junge Leute haben keinen Bock mehr auf diesen Markenkult", glaubt Axel Brake, der für American Apparel von Düsseldorf aus den europäischen Markt betreut. "Sie kaufen lieber ein hochwertiges T-Shirt, das nicht irgendwo in Asien von Kindern zusammengenäht worden ist".
Kanadischer Vorzeigeamerikaner
Charney hat derzeit mächtig Oberwasser. In den USA ist Wahlkampf, und die Auslagerung von US-Jobs nach Übersee ist eines der heißesten Themen. CNN-Starmoderator Lou Dobbs prangert in seiner Show allabendlich jene vaterlandslosen Großkonzerne an, die ehrlichen amerikanischen Arbeitern die Jobs wegnehmen. Als Beweis dafür, dass es auch anders geht, berichtet der Stars-and-Stripes-Wickert regelmäßig über Unternehmen, die noch in Amerika produzieren. American Apparel wurde kürzlich als Paradebeispiel präsentiert. Dobbs hyperpatriotisches Gehabe war Charney, der sich als Weltbürger versteht, etwas unangenehm. Mitgespielt hat er dennoch. "Diese Nummer", freut sich ein Manager des Unternehmens, "war unser dreiminütiger Gratis-Superbowl-Spot".
Lesen Sie im zweiten Teil, welche Vorteile American Apparels lokale Fertigung hat - und warum Dov Charney auch den Chinesen den US-Mindestlohn zahlen will.
Im fünften Stock des Firmengebäudes schaut Fertigungsleiter Marty Bailey seinen Arbeitern zu. Hinter jedem Näherteam hängt eine Tafel, auf der man Produktion und Stundenlohn ablesen kann. Zuvor hat Bailey 18 Jahre lang für den T-Shirt-Riesen Fruit of the Loom gearbeitet. "Damals habe ich in North Carolina Tausende von Jobs geschaffen, das war ein gutes Gefühl", sagt er mit breitem Südstaaten-Akzent. "Und später habe ich sie dann alle nach Lateinamerika verlagert, das war der unschöne Teil." Jetzt schwärmt Bailey von den Vorteilen dessen, was im Managerlatein vertikale Integration genannt wird. "Wir haben hier alles unter einem Dach. Wenn morgens eine Order reinkommt, ist das Zeug bis 15.30 Uhr produziert", erklärt er. "Wenn wir heute beschließen, ein Design zu verändern, können wir es morgen fertigen. Falls ihre Fabrik in Asien steht, können sie das vergessen - 90 Tage Vorlauf, und die Qualitätskontrolle ist auch schwierig. Ich hingegen sehe meine Ware, jede Minute, jeden Tag."
American Apparels Vorteil ist, dass die Firma ein Nischengeschäft betreibt. "Wenn wir mit den Produzenten von 98-Cent-Shirts konkurrierten, bekämen wir schon Probleme mit der Kostenstruktur", so Bailey. "Müssen wir aber nicht, wie machen hochwertige Hemden für 3,25 Dollar und man reißt sie uns trotzdem aus den Händen." Der Südstaatler glaubt, dass Hersteller wie Hanes oder Fruit of the Loom auch lieber in den USA produzierten. Aber sie hätten keine Wahl. Schuld seien die großen Discountketten. "Wenn sie auf Wal-Mart als Vertriebspartner angewiesen sind, dann zieht Wal-Mart die Fäden. Dann werden sie zu einer Marionette".
Adam Smith für alle
Angefangen hat Charney als kleiner T-Shirt-Krämer. "In Kanada gab es in den Siebzigern keine Hanes-Hemden, das waren die besten", erinnert sich der Montrealer. "Ich fuhr über die Grenze und kaufte welche." T-Shirts in allen Formen und Farben sind Charneys Passion. "Das hat mich nie wieder losgelassen." Seine andere Leidenschaft ist die Kunst. Der Hobbyfotograf hat sein Firmengebäude mit Drucken, Fotos und Skizzen zugepflastert - kein Gang und keine Wand, an der nicht etwas hängt. Ein Mitarbeiterteam tauscht die Bilder im Monatsrhythmus aus. Neben den Kunstbeauftragten gibt es übrigens auch ein Fahrradteam - das wartet die Drahtesel der Belegschaft. Die Fahrräder schenkt Charney seinen Mitarbeitern neuerdings, weil die Busfahrer in Los Angeles andauernd streiken.
Trotz solcher Extras legt Charney wert darauf, dass er kein Sozialromantiker ist. "Ich glaube an Adam Smith, ich glaube an die unsichtbare Hand, die den Markt regelt." Der Kanadier schaut es seinem Wohnzimmerfenster, blickt auf die versmogte Skyline der Stadt. "Ich mache das hier, um Geld zu verdienen." Der Verzicht auf Outsourcing sei in erster Linie eine Managemententscheidung. "Outsourcing hat ja auch Vorteile, dadurch wird die Dritte Welt industrialisiert", so Charney. "Aber andererseits könnte man viele Fertigungsprozesse hier vor Ort verbessern. Wenn man Löhne von 20, 30 Dollar hat, dann muss man automatisieren." Von einem Auslagerungsverbot hält er nichts. "Alle Grenzen sind künstlich", so Charney. "Ich finde, wenn ein Chinese in Deutschland eine Firma aufmachen möchte, dann sollte man ihn das tun lassen. Jeder sollte überall hingehen dürfen. Ich glaube fest an das Prinzip der Universalität."
Alles geht nach Asien
In der Textilindustrie werden demnächst die letzten Grenzen fallen, und es ist fraglich, ob sich Charney darüber freuen sollte. Noch gelten die von Washington in den sechziger Jahren zum Schutz der Branche eingeführten Importquoten. Ab Januar 2005 darf dann jedes Drittland so viele Klamotten in die USA liefern, wie es möchte. Bob Zane vom Modelabel Liz Clairborne erwartet einen Erdrutsch: "Alles geht nach Osten", so der Outsourcing-Experte. Derzeit kämen 13 Prozent aller Kleidungsstücke aus China, 2010 würden es 80 Prozent sein, so Zane. Das wird American Apparels hohe Löhne im Vergleich noch höher erscheinen lassen.
Charney will mittelfristig auch Fabriken in China und Europa aufbauen, um die dortigen Märkte zu bedienen. "Und wir werden auch dort jedem den US-Mindestlohn zahlen, Universalitätsprinzip". Eine reichlich verwegene Vorstellung. In Haiti oder China arbeiten Näher derzeit für 15 Dollar pro Woche, und Charney will ihnen das Zwanzigfache bieten? Dass seine chinesischen Arbeiter dann mehr verdienten, als die örtlichen Parteifunktionäre, ficht ihn nicht an. "So what - dafür haben wir dann aber die verdammt besten Näher ganz Chinas."
Dem mehr um die Kosten als um das Prinzip der Universalität besorgten Produktionschef Bailey kann man ansehen, dass ihm die Idee Kopfschmerzen bereitet. "Das ist Dovs Idee, nicht meine", sagt er und grinst gequält. Wegen diesem und anderen schrägen Plänen gerät der bodenständige Bailey des Öfteren mit seinem kauzigen Chef aneinander. "Viele seiner Ideen klingen", er stockt, "sehr ... unkonventionell. Aber ich habe gelernt: Das bedeutet keinesfalls, dass Dov sie nicht durchziehen wird."