SPESEN An Verzehr
Die Aufsichtsratssitzung der Neuen Heimat (NH) war vorbei, der Vorsitzende Heinz Sippel zusammen mit dem Kollegen Hans Matthöfer schon auf dem Rückflug nach Frankfurt. Die drei NH-Geschäftsführer blieben im Sitzungszimmer zurück.
Belegte Brötchen aus der Kantine waren noch da und Flaschenbier. Das war nicht so recht nach dem Geschmack der NH-Chefs Manfred Müller, Wilfried Bundt und Manfred Dornseifer. So beschlossen
die Herren, einen angenehmeren Ort aufzusuchen.
Von der NH-Zentrale in der Lübecker Straße ließen sie sich nach Hamburg-Rahlstedt chauffieren. In einem Lokal hofften sie bessere Verpflegung und netteres Ambiente zu finden.
Es fiel wohl auch alles zu ihrer Zufriedenheit aus. Bundt blieb bis zum frühen Morgen. Und da es nun einmal so Brauch ist, übernahm Bundt - als letzter der Gäste - die Rechnung: 4300 Mark.
Noch am selben Tag, es war der 3. September, reichte er in seiner Firma die Spesenquittung ein, ausgestellt von der Rapho Bewirtungsgesellschaft mbH. Zusammen mit seinen beiden Kollegen von der Geschäftsführung und »diversen Teilnehmern« habe er - Anlaß der Bewirtung - über »Regionalisierung, Hamburg« diskutiert.
Über Probleme der Regionalisierung des gescheiterten Gewerkschaftsunternehmens wurde mit Sicherheit nicht gesprochen, aber diverse Teilnehmer waren wohl dabei - vorwiegend weibliche. Das Lokal nämlich, das unter dem Namen Rapho neutrale Bedienungsbelege ("An Verzehr") ausstellt, ist der »Sauna-Club Aphrodite«, ein stadtbekanntes Etablissement.
Eine Kopie der Puff-Rechnung zirkulierte alsbald unter NH-Mitarbeitern. Die Beschäftigten der Firma, denen ein scharfer Sparkurs verordnet worden ist, zeigten wenig Verständnis für den abendlichen Eifer der Manager. Daß ihre Chefs - jeder verdient rund 30000 Mark im Monat - bei Arbeitsessen gern gut und teuer speisen, störte sie am wenigsten. Der Besuch im Sauna-Klub aber sorgte für Unmut. »Uns«, maulte ein NH-Mann, »sind die Gehälter gekürzt und Sozialleistungen gestrichen worden - die da oben gehen auf Firmenkosten in den Puff.«
Doch nie und nimmer, beteuern die drei, hätten sie das Etablissement aus eigenem Antrieb aufgesucht. Zwar sei dort nicht über die Regionalisierung des Rest-Konzerns verhandelt worden. Aber ein Immobilienkäufer - er möchte, versteht sich, »ungenannt bleiben« - habe zu dem Treffen in Rahlstedt gebeten und da könne die verkaufswillige NH doch nicht nein sagen. Leider, leider ist dann aber aus dem geplanten Verkauf von Wohnungen an den Klub-Freund nichts geworden. Auch sonst hat der Mann die NH-Manager enttäuscht.
Selbstverständlich, so versichert Manfred Müller, der Vorsitzende der Geschäftsführung, seien er und seine Kollegen davon ausgegangen, daß der angebliche Käufer die Rechnung begleichen werde: »Wir dachten, daß die von dem der sie verursacht, bezahlt wird.«
Besprechungen in einem Bordell seien, so Müller, keineswegs unüblich: »So etwas kommt im Geschäftsleben vor.«
Der Sauna-Club Aphrodite allerdings, wo sich zuweilen auch Entscheidungsträger von Kernkraftwerken bewirten lassen, hat schon manchem Gastgeber Ärger eingehandelt: Einige Finanzämter erkennen die Rechnungen der Rapho Bewirtungsgesellschaft nicht an.
Die Neue Heimat wird indes keine Auseinandersetzung mit dem Finanzamt führen müssen, ob sich jener Abend als Bewirtungsaufwand nach 4 Absatz 5 Ziffer 2 Einkommensteuergesetz steuermindernd berücksichtigen läßt. Vergangene Woche nämlich entschlossen sich die NH-Geschäftsführer, nachträglich für Schampus und Mädels aus eigener Tasche aufzukommen. Müller: »Ich kann Ihnen versichern, daß es letztlich nicht bei der Firma hängenbleibt.«