Analyse Abstieg vom Olymp
Frankfurt am Main - Erst kam der geschäftliche Fehlstart ins Jahr 2001 mit einem massiven Gewinneinbruch, nun sieht sich Unternehmenschef Jürgen Weber mit einem Pilotenstreik der Vereinigung Cockpit konfrontiert. Steigende Treibstoffpreise, eine erlahmende Weltwirtschaft und die Forderungen der Piloten nach über 30 Prozent mehr Gehalt gefährden den langjährigen Höhenflug des Kranichs.
Wie lange der teure Streik dauert, ist offen. Beide Seiten sagen, sie wollen wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren. Doch am Freitag wird der Flugverkehr der Gesellschaft auf den großen deutschen Flughäfen wohl erst einmal zusammenbrechen. Bei den Verhandlungen wird sich alles um die Frage drehen, wo die Schmerzgrenze der Lufthansa liegt.
Dabei befindet sich Weber in einer unangenehmen Zwangslage: Gibt er den Forderungen nach, soll das angeblich mehrere hundert Millionen Mark kosten. Bleibt er hart, könnten die begehrten Flugzeugführer zur Konkurrenz abwandern. Noch vor einer Woche auf der Bilanzpressekonferenz peilte Weber einen operativen Gewinn in Höhe des Vorjahres an. Im Jahr 2000 hatte die Lufthansa mit einem Konzerngewinn von knapp zwei Milliarden Mark das zweitbeste Ergebnis ihrer 75-jährigen Geschichte erzielt. Weber gab sich optimistisch, obwohl der Gewinn im ersten Quartal 2001 massiv von 200 Millionen Mark im Vorjahr auf nur noch gut zehn Millionen Mark einbrach.
Mit der positiven Grundstimmung dürfte es vorerst vorbei sein, denn die Piloten haben deutlich gemacht, dass es ihnen mit ihren Gehaltsforderungen ernst ist. 96,2 Prozent der 4200 zur Urabstimmung aufgerufenen Piloten stimmten für den Arbeitskampf. Der Streik wird tiefe Kratzer in der Bilanz hinterlassen. Schon 1996 soll ein zweistündiger Warnstreik von Piloten, Flugbegleitern und Technikern nach LH-Angaben 20 Millionen Mark gekostet haben. Aktuelle Schätzungen über Verluste bei einem Streik wollte das Unternehmen nicht abgeben.
Für viele Geschäftsreisende und Urlauber wird zunächst ein Alptraum wahr, den sie bisher meist nur aus Fernsehberichten über andere Länder kennen: Warteschlangen vor den Abfertigungsschaltern, ungeduldige Fluggäste, die auf Anschlüsse warten, und ratlose Helfer auf den Flughäfen. Schon ein Warnstreik der Piloten im März zeigte, wie empfindlich der Flugverkehr ist. Es fielen 112 Flüge aus, knapp 10.000 Passagiere waren betroffen.
Von Rolf Westermann, dpa