Analyse: Deutschland und die japanische Krankheit - DER SPIEGEL
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Analyse Deutschland und die japanische Krankheit

Die Bundesregierung und die Europäische Zentralbank haben sich mit ruhiger Hand in eine fast ausweglose Situation manövriert. Die Angst vor einer Deflation wird größer.
Von Carsten Matthäus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin/Frankfurt am Main - Es werde sich zeigen, "dass wir unseren Konsolidierungskurs sehr klar einhalten", sagte Bundesfinanzminister Hans Eichel. Zur Belebung des Wachstums, so der Minister, werde der strikte Sparkurs allerdings etwas gelockert.

Wie genau die deutsche Wirtschaft angekurbelt werden soll, das wollte aber weder Eichel noch irgendein anderer Teilnehmer der Koalitionsrunde genau sagen. Ein paar Steuerschlupflöcher sollen gestopft werden, ein paar Subventionen will die Koalition kürzen und mehr in Bildung, Forschung, Arbeit und Verkehr investieren. Man sprach von einer "moderaten Kurskorrektur".

Dass dies angesichts der dramatischen konjunkturellen Situation nicht genug ist, war wohl auch den rot-grünen Verhandlungspartnern bewusst, denn man startete gleich noch einen Hilferuf: "Diese Politik bedarf auf europäischer Ebene allerdings einer geldpolitischen Ergänzung, die zu mehr Investitionen und damit zu mehr Wachstum führt", heißt es in dem Entwurf des Koalitionsvertrages.

Weniger gewählt ausgedrückt bedeutet dieser Satz nichts anderes als eine Schuldzuweisung. Die Europäische Zentralbank und ihr Chef Wim Duisenberg hätten die Zeichen der Zeit wohl noch nicht erkannt und müssten nun endlich die Leitzinsen senken.

Der Appell aus Berlin wird am Frankfurter Euro-Tower allerdings abtropfen - die EZB ist schon satzungsmäßig dazu verpflichtet, ihre Entscheidungen unabhängig von politischen Begehrlichkeiten zu treffen. Letzte Woche hatte Duisenberg die Hoffnung auf schnelle Zinssenkungen auch noch einmal zerstreut: "Die Geldpolitik ist keineswegs ein Hindernis für die Rückkehr zu mehr Wachstum", sagte der EZB-Chef, die momentanen Zinssätze halte er für angemessen. Und er vergaß es auch diesmal nicht, "mit Besorgnis" auf die schleppenden Strukturreformen in einigen Euro-Ländern hinzuweisen und diese als die eigentliche Wachstumsbremse hinzustellen.

Gegenseitige Schuldzuweisungen und Untätigkeit waren schon einmal dafür verantwortlich, dass eine große Volkswirtschaft in eine lang anhaltende Krise rutschte: Als der japanische Aktienmarkt 1990 um rund 40 Prozent einbrach, reagierten Politiker und Notenbanker zu spät und trieben das Land damit in die Deflation, aus der die Wirtschaft seitdem nicht mehr herauskommt.

Nach Ansicht des "Economist" ist die Gefahr, dass auch Amerika und Europa von der japanischen Krankheit heimgesucht werden, so hoch wie seit 1930 nicht mehr. Ein besonders hohes Deflations-Risiko sieht das britische Wirtschaftsmagazin für Deutschland, aus drei Gründen:

  • Die Zinssätze der EZB sind zwar für die Euro-Zone angemessen, nicht aber für Deutschland. Während Duisenberg seine Zinspolitik an einer Inflation von 2,2 Prozent (Durchschnitt aller Euro-Länder) orientiert, lag die Teuerungsrate in Deutschland gerade noch bei 1,0 Prozent. Nach Berechnungen des "Economist" läge ein angemessener Leitzins für Deutschland bei rund zwei Prozent und nicht bei den 3,25 Prozent der EZB.
  • Der europäische Stabilitäts- und Wachstumspakt lässt der deutschen Bundesregierung zu wenig Spielraum. Angesichts der rigiden Spar-Vorgaben, die deutsche Politiker maßgeblich durchgesetzt haben, ist an eine stärkere Verschuldung wie beispielsweise in den USA nicht zu denken. Auch einer Abwertung der eigenen Währung ist seit der Einführung des Euro der Weg verstellt.
  • Das Wirtschaftswachstum in Deutschland ist in Gefahr. Die Prognosen für dieses Jahr bewegen sich zwischen 0,1 Prozent und 0,5 Prozent Wachstum. Allerdings ist selbst diese zarten Zunahme der Wirtschaftsaktivität nicht sicher. Schuld daran ist die Produktionslücke. Diese volkswirtschaftliche Maßzahl gibt an, wie stark die tatsächliche Auslastung der Produktionsfaktoren von der möglichen Auslastung abweicht. Ein positiver Wert bedeutet, dass die Produzenten auf Überkapazitäten sitzen. Nach Angaben des "Economist" liegt Deutschland hier mit rund 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hinter Japan an zweiter Stelle der sieben größten Industrieländer. Zum Vergleich: Die Produktionslücke der USA liegt bei etwa einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
  • Auch deutsche Ökonomen sind angesichts der massiven Konjunkturprobleme alarmiert. Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener ifo-Instituts hält den geldpolitischen Kurs der EZB für "zu restriktiv". Er hält eine schnelle Zinssenkung der EZB für geboten, um die Gefahr eine Deflation abzuwenden. Rüdiger Pohl vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle befürchtet ein endgültiges Abwürgen der Konjunktur, wenn der Staat weiter spart. Unter der Parole "Der Pakt ist tot" forderte er ein Ablegen der wirtschaftspolitischen Daumenschrauben aus Brüssel.

    Gegen die Sorge, dass es in Deutschland ganz so schlimm kommen kann wie in Japan, sprechen jedoch auch drei gewichtige Argumente. So ist erstens nicht zu erkennen, dass die Löhne in Europa in naher Zukunft sinken werden. Steigen sie weiter - wie mehrheitlich erwartet - so wird dies auch wieder die Teuerung anheizen. Zweitens ist die Situation der Europäischen Banken zwar schlecht, von einem Desaster japanischen Ausmaßes sind sie jedoch noch weit entfernt. Drittens wird es voraussichtlich nicht zu einer massiven Konsumzurückhaltung kommen, wenn das Aktienvermögen sinkt. Eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung ergab, dass die Einzelhandelsumsätze in Deutschland bei einem Rückgang des Aktienvermögens um 10 Prozent gerade mal um 0,5 Prozent sinken.

    Ein weiterer Lichtblick kommt von der EZB. Guy Quaden, Belgiens Zentralbankchef und EZB-Ratsmitglied hält eine baldige Leitzinssenkung für denkbar. Er sagte im Gespräch mit der belgischen Tageszeitung "Le Soir": "Wenn es so aussähe, dass eine Senkung der EZB-Zinsen bei der Reduzierung des vorhandenen Pessimismus helfen könnte, dann würde ich sie nicht ausschließen."