Analysten-Interview "Es kann noch weiter runtergehen"
SPIEGEL ONLINE:
Heute hat die Telekom den Wert ihres Immobilienbesitzes um zehn Prozent nach unten korrigiert. Waren Sie überrascht?
Joachim Koller: Diese Entwicklung war nicht abzusehen. Immobilienwerte nach unten zu revidieren, ist schon ungewöhnlich. Ich denke aber nicht, dass da noch etwas nachkommt. Die Änderung ist auch nicht wirklich wesentlich; sie hat mit dem operativen Geschäft nichts zu tun. Für die Anleger zählt jedoch die unmittelbare Reduzierung des gesamten Unternehmensgewinns.
SPIEGEL ONLINE: Jetzt will Ron Sommer durch den Verkauf der Sprint-Anteile Schulden abbauen. Ist das eine reine Verzweiflungstat oder ein erster Schritt in die richtige Richtung?
Koller: Dieser Schritt kam überhaupt nicht überraschend. Sprint passt nicht in die Kernstrategie der Telekom. Der Verkauf wurde schon längere Zeit diskutiert - er kann rund zwei Milliarden Euro bringen.
SPIEGEL ONLINE: Sollte die Telekom jetzt noch mehr verkaufen?
Koller: Zusätzlich zu der Sprint-Beteiligung sollte das Unternehmen alle nicht geschäftsnotwendigen Immobilien und die Kabelnetze verkaufen. Insgesamt könnten so die Schulden mittelfristig um rund zehn Milliarden Euro reduziert werden. Die Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's haben in der vergangenen Woche die Telekom auf ihre Watchlist gesetzt. Das heißt, dass eine Herabstufung droht. Ein Schuldenabbau bewahrt die Telekom vorerst vor einem solchen Schritt, was sich positiv auf die Bewertung der Aktie auswirken wird.
SPIEGEL ONLINE: Das Vertrauen der T-Aktionäre ist erschüttert. Was muss jetzt geschehen, damit die Telekom wieder positiv gesehen wird?
Koller: Bei der GSM-Konferenz in Cannes sollen neue Gimmicks für UMTS vorgestellt werden. Sollte es dort bahnbrechende Neuigkeiten geben, also Produkte, die großen Anklang in der Bevölkerung finden könnten, würde das der Telekom helfen.
SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist der Kauf von VoiceStream für die Telekom-Aktie?
Koller: Wenn dieser Deal durchfällt, kann es sein, dass es noch weiter runtergeht. VoiceStream bedeutet für die Telekom ein großes Potenzial an Mehreinnahmen. Aber auch wenn der Kauf zustande kommt, könnte die Aktie weiter fallen. Denn viele amerikanische Fondsmanager werden nach dem Aktientausch aus der Telekom-Aktie rausgehen müssen, da sie ihren Anteil ausländischer Aktien niedrig halten müssen.
SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie dem Anleger?
Koller: Ein Einstieg in die T-Aktie ist momentan nicht anzuraten. Von einem Ausstieg ist aber auch abzuraten. Dafür wären die Verluste momentan zu groß.
Das Interview führte Annegret Loges