Analysten-Interview Schlechte Karten für Chrysler
SPIEGEL ONLINE:
Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der DaimlerChrysler-Aktie?
Pia-Christina Schulze: Ich glaube nicht, dass der Boden bereits gefunden ist. Es ist nach wie vor eine sehr große Unsicherheit im Markt bezüglich des vierten Quartals und auch des kommenden Jahres. DaimlerChrysler hat ja eine sehr nebulöse Gewinnwarnung herausgegeben, aus der man überhaupt nichts herauslesen kann. Die Unternehmensführung muss offenbar selbst erst einmal ausloten, wie schlimm die Lage tatsächlich ist.
SPIEGEL ONLINE: Welche Zukunftsaussichten gibt es für die US-Sparte Chrysler?
Schulze: Meine Schätzungen für den Verlust von Chrysler im vierten Quartal liegen bei 200 Millionen Euro. Einige Broker befürchten, dass es noch schlimmer kommen könnte. Erste Schätzungen für den November gehen von einem sehr schwachen Autoabsatz in den USA aus. Damit konnten die amerikanischen Autobauer offenbar ihre hohen Lagerbestände nicht abbauen. Deshalb erwarte ich eine Verschärfung des Preiskampfes in den USA. General Motors bietet momentan immer bessere Konditionen für den Autokauf an. Außerdem wird Chrysler in den Bereichen, wo sie am besten verdient haben, wie zum Beispiel bei den Jeeps, Pick-ups und Minivans zunehmend von der Konkurrenz angegriffen. All das drückt auf die Margen.
SPIEGEL ONLINE: Wird sich Daimler wieder von Chrysler trennen?
Schulze: Das ist meiner Ansicht nach momentan noch nicht aktuell. Ich glaube, dass man Chrysler die Chance gibt, durch Dieter Zetsche noch den Turnaround zu schaffen. Aber auch der neue Chrysler-Chef kann nichts an der Marktsituation ändern. Wenn er auch weiterhin den Marktanteilsverlust nur dadurch aufhalten kann, Chrysler-Modelle immer günstiger anzubieten, wird er das Ruder nicht herumreißen können. Denn die geplanten Kosteneinsparungen könnten möglicherweise nicht ausreichen, um den Negativtrend zu stoppen. Außerdem hat Chrysler ein noch relativ veraltetes Produktprogramm. Es sieht also keineswegs rosig aus.
SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn auch das neue Management die Rettung nicht schafft?
Schulze: Sollten sich innerhalb eines Jahres keine Erfolge abzeichnen, dann könnten Teile des Unternehmens herausgelöst werden, andere Bereiche könnten komplett geschlossen werden. In letzter Konsequenz wäre auch eine komplette Trennung von Chrysler möglich, ähnlich wie es bei Fokker gelaufen ist.
SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von dem Gerücht, Toyota könnte sich für den Deutsche-Bank-Anteil an DaimlerChrysler interessieren?
Schulze: Natürlich ist die Marke Mercedes hochinteressant, aber auch Teile von Chrysler wie zum Beispiel die Marke Jeep. Toyota hat ja weder in Europa noch in den USA eine zufrieden stellende Marktpräsenz.
SPIEGEL ONLINE: Kann sich Toyota eine solche Beteiligung überhaupt leisten?
Schulze: Bei den momentanen Kursen von DaimlerChrysler und dem starken Yen wäre das schon denkbar. Allerdings kann sich die Situation bis 2002 komplett ändern. Vorher wird die Deutsche Bank ihren Anteil sicherlich nicht verkaufen, denn erst ab 2002 können die Unternehmen ihre Beteiligungen steuerfrei veräußern. Hier auf einen feindlichen Übernahmeversuch zu spekulieren, wäre verfrüht.
Das Interview führte Carsten Matthäus