Analysteninterview Rausch der Tiefe
SPIEGEL ONLINE:
Welche Gründe gibt es für das Desaster am Neuen Markt?
Peter Dombeck: Das wichtigste Argument ist wohl, dass sich viele institutionelle Anleger die Finger verbrannt haben und jetzt gegen Jahresende ihre Titel abstoßen. Das trifft sogar die Unternehmen, deren Aktien sich bisher noch positiv entwickelt hatten wie Aixtron und Qiagen. Diese werden jetzt kräftig abgestoßen und es fehlen einfach Käufer. Außerdem gibt es keine Unterstützungslinien mehr. Früher gab es die 4000 Punkte-Marke an der sich die Anleger orientiert hatten. Der Neue Markt ist aber mittlerweile auf Niveaus, die unter den Tiefständen von Herbst 1999 liegen.
SPIEGEL ONLINE: Warum ist der Markt gerade heute so abgerutscht?
Dombeck: Dafür gibt es eigentlich keine spezifischen Gründe. Die Aussichten an der Wall Street sind nicht besonders rosig, das hält sich aber in Grenzen. Am Neuen Markt wurde in den letzten Tagen jeder Versuch einer Gegenbewegung binnen weniger Stunden im Keim erstickt. Wenn die Anleger so oft merken, dass es immer wieder abwärts geht, dann sorgt das für eine Flucht aus den Aktien.
SPIEGEL ONLINE: Ist die Krise am Neuen Markt hausgemacht?
Dombeck: Natürlich ist die Nasdaq immer noch die Leitbörse. Man sieht aber über die letzten Wochen und Monate, dass der Neue Markt längst noch nicht die Stabilität der Nasdaq hat. In Frankfurt waren die Übertreibungen nach oben deutlich stärker, jetzt sind wir in einer Übertreibung nach unten.
SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie Zeichen der Besserung?
Dombeck: Kurzfristig könnte das Thanksgiving-Wochenende für Beruhigung sorgen, da die Amerikaner dann nicht handeln. So kommen wenigstens keine neuen Negativmeldungen. Eine Trendwende sehe ich allerdings nicht, nur ein Atemholen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es Branchen, die sich dem Rausch der Tiefe entziehen können?
Dombeck: Da sieht es eher schlecht aus. Man hat jetzt gerade in dieser Woche gesehen, dass selbst die Biotech-Branche stark geschwächt wurde. Am Montag hat der amerikanische Biotech-Index mit einem Minus von rund zehn Prozent geschlossen, dem konnten sich die europäischen Werte natürlich auch nicht entziehen. Dieser war die letzte Bastion, die sich bisher noch relativ gut gehalten hatte. Jetzt sehen wir aber auch hier viele Investoren, die ihre Gewinne einsammeln.
Das Interview führte Carsten Matthäus