Android-Offensive: Googles neue mächtige Gegner - DER SPIEGEL
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Android-Offensive Googles neue mächtige Gegner

Google geht mit seiner Koalition der Willigen für ein völlig neues Handy-Betriebssystem ein Risiko ein. Denn der Konzern schafft sich viele neue Konkurrenten - und verschärft die Konflikte mit altbekannten Rivalen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Der Androide ist entfesselt. Gestern präsentierte Google   der IT-Welt sein Konzept für ein auf Linux basierendes Betriebssystem für mobile Endgeräte. Der Name des Systems: Android. Im Gegensatz zu den etablierten Betriebssystemen für Handys, Handhelds und PDAs wie Symbian oder Microsofts Windows Mobile 6 verfolgt Android den Open-Source-Ansatz - es kann also jeder an der Gestaltung mitwirken. Und das tun viele.

Ein Konglomerat aus derzeit 33 Endgeräteherstellern, Netzbetreibern und Online-Dienstleistern (siehe Tabelle im zweiten Teil des Artikels) wird zusammen mit Google Geräte, Chips, Schnittstellen und Software-Dienste für das mobile Internet der Zukunft entwickeln.

In dem soll es für die breite Masse der Nutzer so gut wie alles geben: mobile Bürodienste und Online-Rollenspiele, flash-animierte Karten, auf denen zu sehen ist, wo sich die Freunde gerade aufhalten - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Die Branchen Telekommunikation, Informationstechnologie, Medien und Entertainment wachsen durch Android ein weiteres Stück zur Superbranche TIME zusammen. Am Erfolg des Betriebssystems könnten ebenso viele Branchen gleichermaßen partizipieren.

Android-Projekt: Die Vorteile von Googles Handysystem

Ungeachtet all dieser Vorteile gibt es auch Skeptiker, die bislang nicht am Projekt Android mitwirken. Zu den Unwilligen zählen große Softwarehersteller wie Microsoft  , Apple   und Research in Motion  , europäische Mobilfunkunternehmen wie Nokia   und Vodafone   sowie die US-Telekommunikationskonzerne Verizon   und AT&T  .

Viele dieser Firmen sind durch Android plötzlich auf dem Mobilfunkmarkt zu Googles Rivalen geworden. Denn da Android von Text über Kommunikation und Social Networking bis hin zu MP3 und Video alle Web-Anwendungen einschließen soll, hat Google mit einem Schlag nicht nur viele neue Partner, sondern ebenso viele neue Konkurrenten.

Respektvoller Argwohn von Symbian

Für die Hersteller anderer mobiler Betriebssysteme wird Google nun zum direkten Konkurrenten. Branchenexperten erwarten, dass Android sehr konsumentenorientiert ausfallen wird. Derzeitiger Hauptkonkurrent auf diesem Gebiet: der britische Software-Hersteller Symbian, dessen Betriebssystem derzeit fast drei Vierteln aller Smartphones weltweit zugrunde liegt.

Vorerst geben sich Googles neue Rivalen gelassen: "Wir haben miterlebt, wie ein Dutzend neue Plattformen mit viel Pomp als neue Bedrohung angekündigt wurden", sagt Symbian-Strategiechef John Forsyth der Nachrichtenagentur Reuters . Angst vor Google habe man nicht. Forsyth verweist auf den eigenen Kompetenzvorsprung: "Wir arbeiten seit neun Jahren an mobilen Betriebssystemen und verfügen über Endgeräte, Betriebssysteme und über Jahre aufgebaute Erfahrung."

Seinen neuen Konkurrenten betrachtet Symbian dennoch mit einer Mischung aus Respekt und Argwohn: "Wäre nicht Google in dieses Projekt involviert, hätte die Branche über den Ansatz wohl nur müde gegähnt", sagt Forsyth.

Selbstbewusste Gleichgültigkeit von Microsoft

Von Microsoft erntet Google für sein neues Produkt vor allem selbstbewusste Gleichgültigkeit. Es sei "interessant, aber nicht überraschend", dass Google diesen Weg gehe, heißt es in der offiziellen Stellungnahme. Der geräteunabhängige Ansatz sei "weder neu noch revolutionär". Windows-Mobile-Marketing-Sprecher Scott Horn: "Es klingt wahrlich so, als ob Google einen Haufen Partner zusammensammelt, um ein Telefon zu bauen - das tut Microsoft seit fünf Jahren."

Das Unternehmen wies zudem darauf hin, bis Juni 2008 wolle man rund 20 Millionen mobile Endgeräte verkaufen, die Windows Mobile verwenden - fast doppelt so viele wie im vergangenen Geschäftsjahr.

Branchenexperten rechnen Android gute Chancen aus

Branchenkenner sind sich jedoch nicht so sicher, ob sich der derzeitige Erfolg von Microsoft bei veränderten Konkurrenzverhältnissen fortsetzen wird. "Vor allem Windows Mobile 6 weist eine Ausrichtung auf den Businessbereich auf", sagt Candid Wüest von der Firma Symantec SPIEGEL ONLINE. Den Konsumentenmarkt habe Microsoft noch nicht hinreichend abgedeckt. Sollte sich das nicht ändern, könnte Google den alten Rivalen im mobilen Segment schon bald überflügeln.

Selbst Symbian, dem Platzhirsch in Sachen mobile Betriebssysteme, drohe ein Verlust an Marktanteilen - vorausgesetzt, Android-Handys bieten den Nutzern irgendwann mehr attraktive Funktionen als vergleichbare Symbian-Geräte. Da via Open Source praktisch jeder neue Funktionen schaffen kann, sei dies nicht unwahrscheinlich. Wüest: "Besondere Bedeutung im mobilen Netz wird die Leistungsfähigkeit des Browsers einnehmen."

Auch die Hersteller spezieller Anwendungen bekommen durch Android wohl ernstzunehmende Konkurrenz. Eine Bedrohung dürfte Googles Betriebssystem für den Software-Entwickler Research in Motion sein, der mit den Blackberrys die bisher beste mobile E-Mail-Applikation anbietet. "Google verfügt mit dem Programm GMail bereits heute über eine gute Push-Lösung", sagt Wüest.

Nokia schließt Partnerschaft nicht aus

Im Bereich der Endgerätehersteller zeigen sich selbst jene Unternehmen Android gegenüber aufgeschlossen, die über Beteiligungen zum Kreise der Konkurrenten zählen. Vor allem der weltgrößte Telekommunikationskonzern Nokia, mit 48 Prozent Hauptaktionär bei Symbian, hält sich derzeit alle Optionen offen: Es sei "nicht ausgeschlossen", sich an Googles Open Handset Alliance zu beteiligen, sagt ein Sprecher . Googles Vorstoß sehe man "nicht als Bedrohung".

Der Mobilfunkkonzern Vodafone, ebenfalls nicht in Googles Koalition der Willigen, hält sich da stärker zurück. "Wir geben heute und auch in nächster Zeit keinen Kommentar zum Thema Android ab", sagt ein Sprecher SPIEGEL ONLINE.

Ein Punkt, der potentielle Partner abschrecken könnte, sind die recht hohen Investitionskosten. Googles Koalition der Willigen besteht keineswegs aus passiven Partnern. Wer mitverdienen will am Google-Projekt, muss zunächst investieren, sprich: Android-kompatible Dienste, Chips oder Geräte entwickeln.

Sicherheitsbedenken der Netzbetreiber

Mit Betreibern der US-Mobilfunknetze wie AT&T und Verizon könnte Google bald an einer anderen Front im direkten Konkurrenzverhältnis stehen. Der IT-Gigant hat mehrmals angekündigt, in einer kommenden Auktion der Federal Communications Commission mit um Sendefrequenzen zu bieten.

Das Zögern der Netzbetreiber, an Googles Open Handset Alliance teilzunehmen, ist jedoch laut "Wall Street Journal"  eher auf Sicherheitsbedenken zurückzuführen. Manche der Betreiber sagten der Zeitung, sie wollten erst sicher gehen, dass über Android keine kritischen Informationen in falsche Hände geraten können, ehe sie einsteigen.

Sicherheitsexperte Wüest hält diese Zweifel für überzogen: "Richtig ist sicher, dass bei Android wie bei jedem neuen Betriebssystem etwaige Sicherheitslücken erst aufgespürt und gestopft werden wüssen." Da Android auf dem bereits bewährten Linux-System aufbaue, sollte es jedoch möglich sein, "sehr schnell einen hohen Sicherheitsstandard zu erreichen".

34 Freunde: Googles Partner in der Handy-Allianz

34 Freunde: Googles Partner in der Handy-Allianz

Firma Branche
Aplix  Software (Java-Umgebung für Handys)
Ascender Corporation  Software (Schriften für Mobilgeräte)
Audience  Hardware (Audio-Verarbeitung)
Broadcom  Chiphersteller (GPS, VoiP, W-Lan)
China Mobile  Netzbetreiber (China)
eBay  E-Commerce
Esmertec  Software (Java-Umgebung für Handys)
Google  Software
HTC  Hardware (Handys)
Intel  Chiphersteller
KDDI  Netzbetreiber (Japan)
Living Image 
LG  Hardware (Handys)
Marvell  Chipherstellung (Prozessoren)
Motorola  Hardware (Handys)
NMS Communications  Software/Hardware (Server-Systme für mobile Multimedia-Anwendungen, Software zur Verbesserung der Sprachqualität)
Noser  Software (Unternehmenssoftware wie Fleet- und Service Management)
NTT DoCoMo  Netzbetreiber (Japan)
Nuance  Software (Spracherkennung)
Nvidia  Chiphersteller (Grafik)
PacketVideo  Software für mobile Multimedia-Anwendungen
Qualcomm  Software/Hardware (Chipdesign)
Samsung  Hardware (Handys)
SiRF  Chipsätze (GPS)
SkyPop 
SONiVOX  Audiosoftware
Sprint Nextel  Netzbetreiber (USA)
Synaptics  Hardware (Touchpad)
TAT - The AstonishingTribe  Software
Telecom Italia  Netzbetreiber
Telefonica  Netzbetreiber (Spanien, Deutschland, Südamerika, Großbritannien)
Texas Instruments  Chiphersteller
T-Mobile   Netzbetreiber
Wind River  Software (Middleware)

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