Angst vor der Teilung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 61 / 123

Angst vor der Teilung

Hat der Microsoft-Chef resigniert? Eine Aufspaltung des Software-Imperiums wird immer wahrscheinlicher.
• aus DER SPIEGEL 3/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Mann großer Gesten war Bill Gates nie. Doch dass er seinen Rücktritt nach fast 25 Jahren als tagtäglicher Chef von Microsoft derart schmucklos gestalten würde, hatte dann doch niemand erwartet.

Kurz nachdem das Justizministerium durchsickern ließ, die Aufsplittung des Software-Imperiums zu verlangen, gab Gates die Firmenführung überraschend an seinen Freund und Stellvertreter Steve Ballmer ab. Er wolle sich fortan ganz auf Software-Architektur konzentrieren, erklärte er, denn »Software ist der Mittelpunkt der nächsten Revolution«.

Reagiert Gates damit auf die AOL-Time-Warner-Fusion, die mehr auf drahtlose Technologien, Satellit und Kabel setzt als auf den guten alten PC? Oder hat er wegen der drohenden Verurteilung im Kartellverfahren resigniert? Der Rechtsstreit mit der Regierung habe nichts mit seiner Entscheidung zu tun, sagt Gates.

»Bill bringt es nicht übers Herz, der Teilung seiner eigenen Firma vorzustehen«, glaubt dagegen Paul Saffo vom Zukunftsinstitut in Silicon Valley. Für das Klage führende Justizministerium ist die Teilung eine Bedingung für jede außergerichtliche Einigung.

Microsoft will eine Zerschlagung seines Reiches unter allen Umständen verhindern. Dabei könnte ein Aufbrechen der über 556 Milliarden Dollar wertvollen Firma in kleinere, flexiblere Teile sogar wertsteigernd sein, glauben manche Analysten - andere fürchten allerdings einen Wertverfall, wenn die Angebote nicht länger gebündelt sind.

Drei Modelle sind derzeit im Gespräch. Das erste sieht die Dreiteilung in verschiedene Produktbereiche vor: Eine Firma würde das Betriebssystem Windows verkaufen, die zweite weitere Software-Anwendungen (etwa das Office-Programm), die dritte Internetprodukte wie den Browser. Diese Trennung erlaube sogar ein Reagieren auf den Konkurrenten Linux. Auch die Umsetzung wäre relativ simpel, denn Microsofts Bilanzstruktur folgt exakt diesem Ordnungsschema.

Allerdings ließe diese Methode das Betriebssystem-Monopol von Windows unberührt und verfehle demnach ihren Sinn, warnen Kritiker.

Ein zweiter Vorschlag lautet, Microsoft in zwei oder drei gleiche Microsofties - »Baby-Bills« genannt - aufzuteilen, die dann gegeneinander konkurrieren. Der Nachteil hierbei: Jedes Billibaby wird seine eigene, mit den anderen nicht kompatible Plattform entwickeln. Den Schaden hat der vom Einheitsstandard verwöhnte Kunde. Außerdem ist die Durchführung dieser Teilung äußerst schwierig. Welches der Babys kriegt den Pappi? Wer die besten Programmierer? Und wer hält die Mitarbeiter davon ab, zur Firma von Bill Gates zu wechseln?

Das dritte Modell ist eine Kombination der beiden anderen. Erster Schritt: Zerlege Microsoft in eine Betriebssystemhälfte und eine Anwendungshälfte. Zweiter Schritt: Halbiere die Betriebssystemhälfte in zwei identische Teile. Das hätte den Vorteil, Anwendungen wie den Internetbrowser vom Betriebssystem abzukoppeln und gleichzeitig Konkurrenz auf der Windows-Ebene zu schaffen.

Microsoft lehnt jeden dieser Vorschläge als ungerechtfertigt ab. Kommt es in den nächsten Wochen zu keiner Einigung, muss das Gericht entscheiden. Die Schlussplädoyers werden am 22. Februar gehalten. MICHAELA SCHIESSL

Michaela Schiessl
Zur Ausgabe
Artikel 61 / 123

Mehr lesen über