USA Angst vor Nixonomics
Ein knalliger Superlativ schien den Redakteuren des US-Nachrichtenmagazins »Newsweek« diesmal fair und angemessen. Das Dollar-Stützungsprogramm des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter vom vorvergangenen Mittwoch, meinten die Journalisten, werde zum »größten politischen und wirtschaftlichen Glücksspiel seiner Karriere«.
Sie könnten recht behalten. Zwar besann sich Carter mit seinem Dollar-Notprogramm auf die Verantwortung Amerikas für die Leitwährung der westlichen Welt und bewahrte die Industriestaaten -- vorerst -- vor der Gefahr einer Weltwirtschaftskrise.
Doch für die US-Wirtschaft ging er ein erhebliches Risiko ein -- und verstieß gegen die von seiner Partei, den Demokraten, geheiligte Doktrin, die Wachstum und Vollbeschäftigung Vorrang vor allen anderen Zielen gibt.
Um den freien Fall des Dollar zu stoppen, entschloß sich Carter nicht allein, harte Währungen im Wert von 30 Milliarden Dollar zu leihen, mit denen Amerikas Währungshüter ihrer siechen Valuta auf den internationalen Devisenmärkten beispringen sollen.
Überdies befürwortete der Präsident, um endlich die Inflationsrate zu drücken und den »greenback« für Anleger wieder attraktiv zu machen, den dramatischsten Zinssprung. den die Amerikaner seit 1933 erlebt haben. Die Zentralbank Federal Reserve System erhöhte den Diskont auf die Rekordhöhe von 9,5 Prozent. Gleichzeitig erhöhten die Geldwächter die sogenannten Mindestreserven, die von den Banken bei der Federal Reserve hinterlegt werden müssen, um drei Milliarden Dollar.
Das zeigte Wirkung. Die sogenannte prime rate, der Zinssatz, den Amerikas Großbanken ihren besten Kunden abverlangen, stieg auf die Rekordmarge von 10,75 Prozent. »Ich glaube, die Rate wird noch höher gehen«, meinte Banker William Griggs.
Der abrupte Tritt auf die Kreditbremse hat viele Amerikaner erschreckt. Zwar pries der Präsident seinen Entschluß, wohl zu Recht, als »einen bedeutenden Schritt für das Anti-Inflationsprogramm«.
Doch jetzt stellen viele Ökonomen die bange Frage, »welchen Preis die Wirtschaft wird zahlen müssen, wenn der erste taktische Sieg zu einem dauerhaften strategischen Erfolg ausgebaut werden soll« (US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul A. Samuelson).
Führende Wirtschaftswissenschaftler und Manager sind überzeugt, daß Carter sein Land geradewegs in die Rezession steuert. Ihr Argument: Hohe Zinsen, die nur zu halten sind, wenn die Federal Reserve das Geld verknappt, werden den privaten Hausbau lähmen, der Investitionsneigung der Unternehmen dämpfen und auch die Konsumgüternachfrage stark bremsen.
Amerikas Konjunkturmotor käme auf diese Weise schnell ins Stottern. »In dem Maße, wie sich die Zuwächse beim privaten Verbrauch abschwächen und wie die Zinsverteuerung den Wohnungsbau drosselt«, meint Reginald H. Jones, Chairman der General Electric Company, »müßte die bisher ausgebliebene Investitionskonjunktur in die Bresche springen. Leider passiert das nicht.«
Ähnlich sieht das Otto Eckstein von der Data Resources mc: »Mit himmelhohen Zinsen wird der Wohnungsbau bei der Talfahrt den Anfang machen.« George Perry und Arthur M. Okun von der Brookings Institution sind sicher, daß »eine Rezession 1979 so gut wie unvermeidlich ist«. Auch Konjunkturexperte Kevin Kelly von der Oregon Bank bestätigt: »Alle Ökonomen, mit denen ich gesprochen habe, sagen. daß jetzt eine Rezession wahrscheinlicher geworden ist. Dabei sind das alles Optimisten.«
Die Aussicht auf eine womöglich nachhaltige Flaute mit wieder mehr Arbeitslosen brachte George Meany, Boß des Gewerkschaftsdachverbandes AFL/CIO, sogleich in Rage. Für ihn ist Carters Politik »übel entworfen und schockierend«.
Schon gibt es Stimmen, die Carters Strategie als »Nixonomics« verhöhnen -- als eine konservative Wirtschaftspolitik im Stile des Watergate-Präsidenten. »Carter hat sich dafür entschieden«, fand »The Washington Post«, »die Wirtschaft durch die alte Mangel einer Politik des knappen Geldes zu drehen, und er hat damit ein Blatt der »Religion aus alter Zeit« der Nixon-Ära übernommen.«
In der Tat ging Carter deutlich über das hinaus, was noch vor einem Jahr der als konservativ geltende damalige Notenbankchef Arthur Burns zum Schutz des Dollar vorgeschlagen hatte. Carter hatte Burns Austerity-Pläne verworfen und sich bald darauf von seinem Notenbankchef getrennt.
Daß Carter nicht freiwillig den Wirtschaftsabschwung riskiert, wird allerdings auch von seinen Kritikern kaum bestritten.
Noch am 24. Oktober hatte der Präsident der Nation ein eher sanftes Anti-Inflationsprogramm mit freiwilligen Lohn- und Preisleitlinien präsentiert (SPIEGEL 44/1978). Doch bevor Carter seinen Text im TV verlesen konnte, war eine Kopie einem Banker zugespielt worden.
Die Reaktion an der einzigen zu der Zeit offenen Devisenbörse, nämlich Singapur, war verheerend. Der Dollar fiel und fiel, und setzte dann rings um den Erdball seinen freien Fall fort.
Vor allem Finanzminister Michael Blumenthal und Chef-Wirtschaftsberater Charles Schultze drängten den Präsidenten. Sie hielten ihrem Chef vor: Der Dollarverfall riß immer schneller auch die US-Aktienkurse mit -- Wertverlust an der Börse innerhalb von zehn Tagen 110 Milliarden Dollar -, eine Kettenreaktion mit Panik auf den internationalen Finanzmärkten drohte.
Obendrein beschleunigte der Kursrutsch des Dollar längst kräftig das Inflationstempo. Rund ein Drittel der Teuerung im September, so rechneten Wirtschaftsstrategen der Administration in Washington vor, war durch den Fall der US-Währung verursacht.
Eine Rezession könnte nach Ansicht etwa von Jeffrey Nichols von der New Yorker Argus Research Corp. die Inflationsrate auf 5,5 Prozent drücken. Doch das Dilemma für Carter: In der Flaute kassiert Washington weniger Steuern, das inflationstreibende Defizit im Staatshaushalt -- derzeit 38,8 Milliarden Dollar -- müßte wieder zunehmen.
Inflations- und Rezessionsfurcht gefährdet unterdessen den Dollar aufs neue. Trotz ansehnlicher Interventionskäufe der Notenbanken pendelte der Kurs letzte Woche eher nach unten. Ökonom Samuelson: »Regierungen neigen dazu, etwas zu verteidigen, was gar nicht mehr verteidigt werden kann.«