Anheuser-Busch: Konsolidierungs-Kater im US-Bierhimmel - DER SPIEGEL
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Anheuser-Busch Konsolidierungs-Kater im US-Bierhimmel

Es geht um Jobs, Tradition und die Frage: Wer braut besseres Bier - Amerikaner oder Europäer? Der belgische Großkonzern InBev hat das Angebot für die US-Traditionsbrauerei Anheuser-Busch fürstlich nachgebessert. Die Herren am Stammsitz St. Louis dürften nun schwach werden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - St. Louis war mal eine der größten Metropolen der USA. Die Stadt am Mississippi River - berühmt für ihr Wahrzeichen, den Momumentalbogen "Gateway Arch" - wurde 1900 nur von New York, Chicago und Philadelphia übertroffen. Doch dann rutschte sie immer weiter ab. Heute dümpelt sie, mit rund 350.000 Einwohnern, auf Platz 52 der Rangliste, hinter Omaha, Wichita und Tulsa.

Es ist also verständlich, wenn die Bürger von St. Louis auf jeden weiteren Kratzer in ihrer Krone empfindlich reagieren. Und deshalb gehen sie dieser Tage auch auf die Barrikaden. Marschieren in einer "Freiheits-Demo" zum Baseballstadion. Sammeln mehr als 30.000 Unterschriften für eine Petition. Bombardieren die Lokalzeitung "St. Louis Post-Dispatch" mit Briefen: "Wir stehen nicht zum Verkauf!" Und: "Amerika muss sich wehren!"

Der Anlass des Volksaufstands: Bier.

St. Louis ist nämlich der Firmensitz von Anheuser-Busch, des größten Bierkonzerns der USA (und viertgrößten der Welt), mit einem US-Marktanteil von rund 48 Prozent ("Budweiser", "Michelob"). Die Ur-Brauerei von 1852, ein denkmalgeschützter Backsteinkomplex, ist nicht nur Arbeitsplatz für rund 1200 der weltweit 24.000 Anheuser-Angestellten. Sie ist auch eine Touristenattraktion, samt Fabrikführung, Museum und historischen Bierkutschen.

Anheuser ist eine nationale Institution, laut "New York Times" sogar ein "amerikanisches Kulturgut". "Amerika in der Flasche" nennen sie das "Bud" auch. Doch jetzt wird sich wohl ein Ausländer die US-Traditionsmarke einverleiben. Ergo die Protestwelle vor Ort.

Der belgische Konzern InBev ("Beck's", "Stella Artois"), die Nummer zwei auf dem globalen Biermarkt, will Anheuser-Busch   schlucken und sich damit zur Nummer eins aufschwingen. InBev spricht von einer "freundlichen Kombination" beider Unternehmen. Anheuser selbst dagegen, eine der letzten unabhängigen US-Brauereien, findet das gar nicht so freundlich und wehrte sich bisher mit Händen und Füßen - zuletzt sogar vor Gericht.

Doch vergeblich wohl: Am Freitag erhöhte InBev seine Offerte nach US-Medienberichten auf rund 50 Milliarden Dollar - ein Angebot, das auch das Anheuser-Direktorat nun kaum mehr ausschlagen kann. Zähneknirschend öffnete sich die Brauerei daraufhin offiziellen Verhandlungen mit InBev. Auf die Übernahme, so war zu hören, werde man womöglich schon an diesem Wochenende anstoßen können.

Wer braut besseres Bier - Amerikaner oder Europäer?

Von der Strategie her erinnert die erzwungenen Bierehe an Rupert Murdochs Jagd auf Dow Jones, den Familienverlag des "Wall Street Journals", der sich anfangs ebenfalls gesperrt hatte und dann doch dem Ruf des Geldes erlag. Dabei geht es diesmal aber nicht nur um Bilanzen, Aktien, Märkte und Misswirtschaft. Sondern auch um eine uralte, emotionsgeladene Debatte: Wer braut besseres Bier - Amerikaner oder Europäer?

Vor allem im Fall Anheuser ist diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten: Der US-Konzern, der sich als "Königin der Biere" preist, hat urdeutsche Wurzeln. Gegründet vom Immigranten Eberhard Anheuser aus Bad Kreuznach - der sich später seinen Schwiegersohn als Geschäftspartner dazu holte, den Exil-Hessen Adolphus Busch -, hieß die Brauerei anfangs sogar Bavarian Brewery.

Anheuser überlebte die Prohibition, die Depression und zuletzt das sich wandelnde Trinkverhalten der Amerikaner, die plötzlich lieber Wein, Spirituosen oder Importbiere tranken als heimischen Hopfensaft. Bis heute bleibt das Unternehmen, obwohl schon seit 1980 ein Aktienkonzern, von der Familie gesteuert: Präsident und Vorstandschef ist August Anheuser Busch IV., 44, er ist Adolphus Buschs Ururenkel. Den Aufsichtsrat führt sein Vater, August Anheuser Busch III., 71.

Nicht zuletzt auch deshalb ließ Anheuser-Busch die internationale Konsolidierungswelle in der Bierbranche bisher an sich vorbeischwappen. Der Aktienkurs fiel derweil über die letzten paar Jahre weit hinter den Dow-Jones-Schnitt zurück. "Die Buschs haben die Firma miserabel gemanagt", schreibt Börsenblogger Andrew Ross Sorkin in der "New York Times", "und die Shareholder haben darunter gelitten".

Schon erstes InBev-Angebot über historischem Kurshoch

Die Konkurrenz schlief unterdessen nicht. South African Breweries ("Pilsner Urquell") verschmolz mit Miller, der Nummer zwei in den USA, zum Weltmarktführer SABMiller, welcher sich voriges Jahr wiederum Molson Coors schnappte, die US-Nummer drei, und im März 2008 dann den holländischen Grolsch-Konzern. Und Belgiens Interbrew ("Beck's") fusionierte mit dem brasilianischen Bierbrauer AmBev ("Brahma") - woraus dann InBev wurde.

Kein Wunder, dass InBev bald auch nach Anheuser-Busch dürstete. Vor einem Monat legte es sein erstes Angebot vor: 46 Milliarden Dollar. Das entsprach 65 Dollar pro Aktie - 35 Prozent über dem Kurs und 28 Prozent über dem historischen Anheuser-Höchstwert von 55 Dollar, der schon sechs Jahre zurückliegt. Für die Shareholder - darunter Investment-Guru Warren Buffett, der zweitgrößte Anheuser-Aktionär - sicher eine süße Verlockung.

Wobei es für InBev eine riskante Investition wäre: Amerikanische Biere sind in Europa als wässrig und fade verrufen. Experten bezweifeln, dass ein "Budweiser" auf dem Weltmarkt zum Renner werden könnte. Einen ähnlichen Flopp hatte InBev vor drei Jahren schon mit seinem Versuch erlebt, das brasilianische "Brahma" global zu launchen.

Anheuser und InBev gingen vor Gericht gegeneinander vor

Und so reagierte Anheuser kühl. Schon im April, als die ersten Übernahmegerüchte hochkochten, hatte Busch seinen Vertriebspartnern persönlich versichert: "Unter meiner Ägide" werde es keinen Verkauf geben. Einer der größten Anheuser-Zwischenhändler ist übrigens der Millionenkonzern Hensley & Co. in Arizona, der mehrheitlich Cindy McCain gehört, der Ehefrau des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain.

InBev zeigte darob wenig Geduld. Es drohte sofort, das vielkritisierte Anheuser-Board von außen zu stürzen. Anheuser konterte schnell mit einem Reformplan, um seine Aktionäre zu beruhigen: Es kündigte bis 2010 Kostensenkungen von rund einer Milliarde Dollar an - doppelt so viel wie bisher avisiert.

Daraufhin versuchte InBev, die Ablösung der 13 Anheuser-Direktoren per Gericht zu erzwingen. Dazu präsentierte es ein Alternativ-Board, in dem auch ein Dissident aus der Busch-Familie saß: Großaktionär Adolphus Busch IV., der Onkel des Vorstandschefs.

Anheuser wirft InBev das Kuba-Geschäft vor

Worauf Anheuser seinerseits InBev verklagte: Dessen "Ramsch"-Gebot sei "illegal, unseriös und betrügerisch". Die Klage enthielt noch einen weitere, pikanten Schlenker: InBevs "substantielle" Geschäfte in Kuba, so hieß es, verböten es dem belgischen Konzern ohnehin, in den USA unternehmerisch Fuß zu fassen - wegen Washingtons Kuba-Embargo. In der Tat bestreitet die InBev-Brauerei Bucanero 44,4 Prozent des kubanischen Biermarkts. Allerdings beträgt das, so InBev, "weniger als 0,05 Prozent" seines globalen Biervolumens.

So ging der Kanonendonner eine Weile hin und her - bis InBev das Angebot für Anheuser jetzt auf 70 Dollar pro Aktie hochschraubte. Die Offerte sowie wachsender, interner Handlungsdruck von Großaktionären wie Warren Buffett ließ das Anheuser-Board nun offenbar einknicken.

Die Protestler in St. Louis besänftigt das nicht. Sowohl Matthew Blunt, der republikanische Gouverneur von Missouri, wie auch die demokratische Senatorin Claire McCaskill und Parteifreund Francis Slay, der Bürgermeister von St. Louis, verwenden sich gegen InBev. Obwohl dessen Vorstandschef Carlos Brito in einem Interview mit dem "St. Louis Post-Dispatch" schwor, die Anheuser-Brauerei in St. Louis als US-Zentrale voll in den fusionierten Konzern zu integrieren, ohne dabei "das Lokalkolorit zu verlieren".

Das reicht den Anheuser-Freunden nicht. "Eines sag ich Ihnen", schimpfte der Bauarbeiter Jordan Moore im "Wall Street Journal". "Wenn 'Budweiser' von einem anderen Land gebraut wird, dann trinke ich kein 'Budweiser' mehr. Ich wechsele zu 'Wild Turkey'." Das ist ein Bourbon - und ein US-Urprodukt aus Kentucky.