Anlegermagazine Glauben statt Wissen
Eigentlich scheint alles ganz leicht zu sein: Vor ein paar Monaten noch, als die Märkte gerade im Bereich der Hightech-Aktien vehement in die Knie gingen, da haben die Anleger in breiter Masse ihre Aktien verkauft. Und nun, wo alles wieder viel besser aussieht, werden die Anleger wieder verstärkt in Aktien investieren und damit die Kurse erneut nach oben treiben.
So liest man es jedenfalls heute nahezu täglich in den Gazetten. Es klingt ja auch wunderbar logisch. So logisch, dass kaum mehr jemand bemerkt, dass so etwas gar nicht geht. Es kann sich nämlich immer nur ein einzelner Anleger von seinen Aktien trennen, um sie hinterher zurückzukaufen. Den Anlegern als Gesamtheit hingegen steht diese Möglichkeit nicht offen. Sie sind dazu verdammt, zu jedem Zeitpunkt immer hundert Prozent aller Aktien in ihrem Besitz zu halten.
Daher ist es auch völlig unsinnig von "den Anlegern" als homogener Gruppe zu sprechen. Im Gegenteil: Märkte funktionieren überhaupt erst dadurch, dass sich auf ihnen Käufer, also Optimisten, und Verkäufer, also Pessimisten, begegnen. Wären Anleger tatsächlich eine homogene Gruppe, gäbe es überhaupt keine Börse. Man sollte also nicht auf alles hören, was man über die Börse liest.
Doch die richtigen Ratschläge beginnen eigentlich erst hier. Denn wer heutzutage Aktien kaufen will, so raten die Gazetten weiter, sollte unbedingt auf Qualität achten. Das ist natürlich ein geldwerter Ratschlag. Als ob diejenigen, die in den letzten Monaten die größten Verluste eingefahren haben, mit Absicht keine Qualität gekauft hätten.
Wir haben es hier mit einem generellen Problem zu tun: Gerade bei den Hightech-Aktien kann weder ein Anleger noch ein Analyst oder gar ein Journalist wirklich beurteilen, welche Marktchancen beispielsweise eine neue Software oder ein neues Verfahren der Biotechnologie im Endeffekt haben werden.
Das Einzige, was ein Anleger tun kann, ist ganz bewusst zu reflektieren, dass er an einem Glücksspiel teilnimmt - oder aber seine Anlage sehr breit zu streuen. Wer anderes behauptet, ist entweder ein Scharlatan oder Mitarbeiter eines Börsenmagazins. Denn Börsenmagazine leben davon, dass sie das anbieten, was die meisten später glauben. Selber wissen sie allerdings auch eher wenig, glauben dafür jedoch umso mehr.
Wie eines dieser großen neuen Börsenmagazine, welches dieser Tage eine Image-Umfrage bei seinen Lesern gestartet hat, aus der Folgendes herauskam: Über die Hälfte der Leser sind leitende Angestellte oder Selbständige. Die durchschnittliche Lesezeit des Magazins beträgt aber über 1,5 Stunden, bei einem Drittel sogar mehr als zwei Stunden.
Dies lässt nur zwei mögliche Folgerungen zu: Entweder die Führungskräfte unserer Wirtschaft sind in ihrem Job fehlplatziert, denn wer zwei Stunden zum Lesen eines Börsenmagazins benötigt, der braucht wahrscheinlich auch eine halbe Stunde zum Schuhebinden. Oder aber: Die dicksten Bären lassen sich gar nicht die Anleger aufbinden, sondern die Journalisten, die eigentlich schon aus Berufsgründen nicht jeden Unsinn glauben sollten.