Das Dorf namens Schell: "Wir brauchen hier keinen Zug"
Annes Streiktest Die verblasste Schönheit des Weilers Schell
10 Uhr, Schell, Frankreich: Von Schell hat im Städtchen Thionville noch niemand etwas gehört - weder von Manfred, noch von dem Dorf, das hier in der Nähe sein soll. Die Hotelangestellten gucken ratlos, der Taxifahrer auch. Aber ich habe eine Wegbeschreibung. Und tatsächlich, nach einer halben Stunde Schlidderfahrt über zugefrorene Sträßchen, vorbei an im Morgenfrost glänzenden Feldern, zeigt ein kleines Schild am Straßenrand nach rechts: "Schell".
Einige Kühe begleiten das Taxi auf den letzten Metern - dann sind wir endlich da. Schell kann man nicht gerade als repräsentativ bezeichnen. Am Ortseingang steht die Karosserie eines uralten Mercedes herum. Ein alter Bauernhof, Hühner, ein großer Kuhstall, dann ist man durch. Die Straße des Ortes ist menschenleer - dann aber guckt ein Mann mit weißem Schopf und Arbeitsanzug aus einem Stall.
Er lächelt verwundert, als ich ihm von Manfred Schell erzähle. Dass der gerade ein sehr berühmter Mann in Deutschland ist, beeindruckt ihn nicht. "Pf", macht er abfällig, auf die Frage nach den Eisenbahnerstreiks. Dann schickt er mich zu seiner Frau, die ein bisschen Deutsch spricht und das ganz ähnlich sieht. "Wir brauchen hier keinen Zug", sagt sie. Dann plaudert sie munter über die drei Familien und elf Hunde des Ortes. Wer wann welches Haus gekauft hat, wer wann starb, wer den Ort wann warum verließ - und dass Schell ganz früher mal richtig groß war. Im 18. Jahrhundert, mit Schneider-Werkstätten und einer großen Raststätte.
Also gab es hier doch einmal so eine Art Bahnhof. Nur woher der Name stammt, wissen die beiden leider auch nicht. Aber in der Nähe von Paris gebe es noch einen Ort mit diesem Namen. Den schreibe man aber anders. Gott sei Dank. Sonst hätte ich da am Ende heute auch noch hinfahren müssen.
Wie unsere Reporterin nach Schell kam, lesen Sie chronologisch im Reiseprotokoll:
7.30 Uhr, Hamburg Altona: Vor dem Service-Point hat sich schon eine Menschentraube gebildet, die drei Angestellten hinter dem Tresen wirken einigermaßen verzweifelt. Der rote Hut der einen sitzt schon ganz schief auf dem Kopf.
Lieber mal mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof, und da nach der Verbindung nach Schell fragen. Zumal gerade ein Mann mit Aktenkoffer in Richtung Gleis vorbeisprintet. Welche Bahn er wohl gerade zu verpassen meint? Obwohl - vielleicht weiß der ja mehr als ich über den Notfallfahrplan. Ich renne mal hinterher.
Am S-Bahn-Steig steht tatsächlich ein Zug bereit - und zwei Männer in Rot, die Auskunft geben. "Die fährt gleich", sagt einer. Dann runzelt er die Stirn und warnt: "Aber wenn die sich am Wochenende nicht einigen, geht das nächste Woche weiter. Nur, dass Sie Bescheid wissen." Immerhin: Um 7.38 Uhr fährt die Bahn Richtung Hamburger Hauptbahnhof los. Es geht scheinbar doch.
7.50 Uhr, Hamburg-Hauptbahnhof: So leer war das Reisezentrum im Hamburger Hauptbahnhof noch nie, wenn ich vorbeigeschaut habe. Kein einziger Kunde. Ein Mann im Anzug, scheinbar Geschäftsführer, geht herum und schüttelt den Angestellten an den Schaltern einzeln die Hand, als wolle er ihnen für den großen Streiktag Glück wünschen. Zwei junge Frauen verschanzen sich plaudernd hinter dem Schild "Wir bedienen Sie gerne an einem anderen Schalter". Doch auch der ist schnell gefunden.
Die Dame dort verzieht keine Miene, als ich mein Fahrtziel nenne. "In Schell gibt es keinen Bahnhof", sagt sie trocken. "Diedenhofen liegt in der Nähe", sage ich. Sie findet nur Diedendorff und sucht geduldig eine Verbindung über Saarbrücken heraus. Selbst die Frage, ob es auch ohne ICE geht, bringt sie nicht aus der Ruhe.
Als sie allerdings herausfinden will, ob sämtliche Regionalzüge der elfstündigen Tour auch heute am großen Streiktag fahren, muss sie dann doch passen. Kurz klappt sie noch eine Papierkarte mit Zugverbindungen auf, fährt etwas hilflos mit dem Kugelschreiber irgendwo im Pfälzer Bergland herum. Dann sagt sie: "Dafür liegen uns noch keine Informationen vor." Egal, ich muss eh los, wenn ich meine halbe Stunde Bahnhofsaufenthalt einhalten will.
8.24 Uhr, im ICE nach Hannover: Um ein Haar verpasse ich den Zug. Er fährt so pünktlich ab, dass man sich wünscht, es wäre immer so. Drinnen ist es leer. Vom üblichen Heer der durch Deutschland tourenden Geschäftsleute sind heute nur zwei Männer im Anzug dabei. "Wenn der nachher nicht weiterfährt, setz ich mich selbst vorne rein", witzelt einer. "Die verdienen ja nicht so viel, so schwer kann das also nicht sein." Dann macht er es sich bequem und erzählt seinem Gegenüber, wie er auf seiner Hochzeitsreise beim Wasserskifahren gleich seinen Ehering im Gardasee versenkt hat.
10 Uhr, Hannover: Ungläubiges Lächeln aller Beteiligten, als der Zug pünktlich auf den Bahnsteig in Hannover rollt. Eine Fortsetzungsverbindung zu finden - ich will ja nicht riskieren, zu lang im ICE zu sitzen - ist kein Problem. Auf dem Bahnhof steht ein halbes Dutzend Bahn-Mitarbeiter herum, die ausgedruckten Notfallfahrpläne in der Hand. Sie wirken latent gelangweilt.
Am Kaffeestand, den die Bahn auch diesmal wieder aufgebaut hat, kümmern sich zwei herzzerreißend freundliche Jugendliche um meinen Kaffee - er reißt die Milchtütchen auf, sie die Zuckerpackung. Die nächste Verbindung nach Saarbrücken - der letzten Station vor der französischen Grenze - mit ICE würde zu spät abfahren. Also entscheide ich mich mit Hilfe eines "Automaten Guide" (so heißen die Helfer, die bei den etwas komplizierten Ticketmaschinen helfen) für die IC-Verbindung. Abfahrt 10.20 Uhr nach Bremen.
Der "Automaten Guide" ist eine Frau, noch jung, und hat deshalb nicht die stoische Ruhe der normalen Bahn-Mitarbeiter. Sie zieht überrascht die Augenbrauen hoch, weil ich unbedingt den 10.20-Uhr-Zug will: Die IC-Verbindung dauert nicht nur zweieinhalb Stunden länger, sondern sie ist auch fünf Euro teurer. Um 10.22 Uhr fährt der Zug los. Ein Mann greift hektisch zum Handy: "Hey, kannst du fix ins Auto springen? Ich bin schon in zehn Minuten da."
Mit Umweg über Bremen geht es weiter Richtung Schell...
11.15 Uhr, auf dem Weg nach Bremen: In dem menschenleeren Zug herrscht Feiertagsstimmung. Der Mann mit der rollenden Snackbar informiert mich ausführlich über sein Angebot, wünscht mir "viel Spaß mit dem Thunfischsandwich" und fragt später beim Vorbeifahren noch einmal: "Waren Sie auch zufrieden mit dem Thunfischsandwich?"
Ein Zugbegleiter erklärt noch einmal gewandt die Forderungen der GDL und jongliert sicher mit Prozentzahlen, Einstiegsgehältern, enttarnt das jüngste Angebot der Bahn behände als Mogelpackung. Und das, obwohl er "noch in der falschen Gewerkschaft" ist, wie er sagt. Er denkt an Wechsel, wie viele seiner Kollegen.
Ein Rentner genießt die ungewöhnliche Ruhe. Er fährt seit 1998 täglich mit dem Zug, bringt diagnostische Proben von Nienburg in ein medizinisches Labor nach Bremen - und regt sich sonst stets über die "Hausfrauengruppen" auf, die diesen Zug seinen Erfahrungen zufolge gern bevölkern.
Wohin die wollen? "An Weihnachten klappern sie die Märkte in der Umgebung ab, und sonst fahren sie ins Überseemuseum in Bremerhaven oder was weiß ich wohin", sagt er. "Auf jeden Fall sind sie IMMER da, und immer ziemlich laut, trinken eben auch ganz gern mal einen." Heute kann er also in Ruhe seine Kreuzworträtsel lösen - und die Proben, die in einer großen Picknick-Kühlbox neben ihm stehen, verderben auch nicht so schnell, wie er versichert.
12 Uhr, im IC nach Koblenz: Ich bin schon ein bisschen enttäuscht von der GDL - auch der nächste Zug hat nur fünf Minuten Verspätung. Der Einzige auf dem Bahnsteig, der wirklich Unannehmlichkeiten hatte, ist ein Mitarbeiter der Bahn. "Ich hab dadurch nur zusätzliche Kosten", sagt er auf den Streik seiner Kollegen angesprochen. Die 60 Kilometer zur Arbeit musste er heute mit dem Auto fahren statt mit dem Zug. Mit der Notfallverbindung wäre er nicht pünktlich um halb sechs Uhr zur Stelle gewesen.
Sonst aber sind alle Mitreisenden zufrieden. Und als noch per Lautsprecher verkündet wird, dass es selbst der mobile Brezelverkäufer an Bord geschafft hat, sinken die Zugestiegenen beruhigt in die Sitze.
14 Uhr, im IC Richtung Stuttgart: Der IC von Stralsund nach Stuttgart fährt einen Bahnhof nach dem anderen mit höchstens zehn oder zwölf Minuten Verspätung an - und bei einigen Reisenden macht sich eine seltsame Stimmung breit: In Frankreich, wo die Lokführer ebenfalls nicht mehr arbeiten, da sähe es ja schon anders aus, heißt es. "Da geht gar nix mehr", "die sind einfach alle nach Hause gegangen." Es klingt fast ein wenig enttäuscht, dass der Ersatzfahrplan hierzulande so reibungslos funktioniert.
Immerhin, aus dem Osten hat man echte Streikgeschichten zu berichten. Ein junger Mann kam aus Rostock "quasi mit dem einzigen Zug, der dort heute fuhr". "Da sieht es schon schlimm aus", versichert er.
15.20, irgendwo bei Bonn: Im Streik ist alles erlaubt. Während eines Ausflugs in den Speisewagen hat eine junge Frau meine dort auf dem Stuhl liegende Jacke kurzerhand beim Schaffner als Fundstück abgegeben - zack, der Platz ist frei. Dann hat sie den Sitz eingenommen, jetzt lächelt sie unschuldig. Aber die gelassene Stimmung in dem inzwischen proppenvollen IC will ich nicht mit unnötigen Diskussionen kaputt machen. So entspannt wie heute sieht man Bahn-Kunden ja selten.
Führen sonst häufig schon fünf Minuten Verspätung zu unschönen Szenen zwischen Gast und Schaffner, amüsiert man sich heute königlich über die rheinisch-flotten Kommentare des Zugbegleiters vor Köln: "Liebe Fahrgäste, wenn Sie es nicht eilig haben, dürfen Sie natürlich gerne bei uns weiter sitzen bleiben, um nach Mannheim zu kommen. Sonst..."
Selbst ein Wirtschaftsstudent, der seine Mutter zum 60. Geburtstag überraschen will und schon eineinhalb Stunden zu spät dran ist, bleibt gelassen. Er hat kurzerhand eine in der Nähe wohnende Cousine dazu verdonnert, ihn jetzt vom Bahnhof abzuholen und per Auto zu der Feier zu bringen. Sowieso entsinnen sich dieser Tage auffällig viele Fahrgäste ihrer Verwandtschaft. Ein Mann, der in Hamburg zu Besuch war, berichtet: "Wir haben gedacht, wir versuchen das einfach mal. Und sonst habe ich noch Geschwister und Vettern in der Nähe."
In Luxemburg ist erst mal "Endstation vom Zug"...
16.32 Uhr, im Zug nach Trier: In Koblenz habe ich die 20 Minuten Aufenthalt genutzt, um noch einmal das Reisezentrum zu konsultieren. Auch hier ist die Stimmung friedlich-harmonisch, nur ein Mann fällt aus dem Rahmen: Er fordert Geld für seine verlorene Arbeitszeit, weil er Familienmitglieder wegen des Streiks mit dem Auto rumkutschieren musste. Der Bahn-Mitarbeiter gibt ihm gelassen eine Adresse und empfiehlt, dort hinzuschreiben. Der billigste aller Service-Tricks ("Wenden Sie sich doch einmal dahin ") funktioniert.
Inzwischen wurde mir auch von einem Leser nahe gelegt, dass die Ortschaft Thionville viel näher an Schell liegt als das von der Hamburger Bahn-Mitarbeiterin empfohlene Diedendorff. Der Mann am Schalter sagt nur: "Oh. Heute. Sind Sie sicher?", als ich ihm mein Reiseziel nenne. "Der Zug nach Trier, den sie nehmen müssen, fährt ja. Aber in Frankreich streiken die Lokführer auch, und ob da noch was fährt, weiß ich nicht." Kein Wunder, dass die französischen Kollegen mehr verdienen und viel früher in Rente gehen. Am Ende komme ich in Deutschland 1a durch und schaff es nur wegen der französischen Lokführer nicht nach Schell Ob die dort den Manfred überhaupt kennen?
18.15 Uhr, in Trier: Wie demütigend. Nicht etwa die wild rebellierenden Zugführer, sondern eine defekte Zugtür lässt meine Mission kurz vor dem Ende scheitern. Weil das Ding auf der Strecke von Koblenz nach Trier auf einmal klemmt, fällt der Zug um fünf Minuten hinter seinen Zeitplan - und ich verpasse den Anschluss in Trier nach Luxemburg.
Jetzt muss ich hier eine Stunde warten. Ein Regelbruch, der sich nicht wegdiskutieren lässt. Schließlich soll ich nur eine halbe Stunde an jedem Bahnhof verbringen. Ein schwacher Trost, dass der Mann am Schalter das schon ausgestellte TGV-Ticket mit lautem Stempelschlag als ungültig markiert und groß "Streik" als Grund drauf schreibt.
Egal. Um 18.51 Uhr kommt der nächste Zug, den ich nehmen kann. Ich will Schell sehen.
20.30 Uhr, im Zug nach Luxemburg: Der abrupte Stopp in Trier hat mich aus der Bahn geworfen. Vor lauter Wut bin ich um 18.51 Uhr in den falschen Zug gestiegen - er fuhr genau zur gleichen Uhrzeit, wie der, den ich eigentlich hätte nehmen müssen. Nur in die andere Richtung. Als ich den Fehler bemerkte und auf einem völlig verlassenen Vorortbahnhof von Trier ausstieg, kam Gott sei Dank wenige Minuten später auf der Gegenseite ein anderer Zug vorbei. Hatten wir nicht Streik?
Jetzt sitze ich glücklich in der Bahn nach Luxemburg Hauptbahnhof - als einzige. Zermürbt von 13 Stunden Reise überkommt mich das Gefühl, gerade direkt in die Hölle kutschiert zu werden. Draußen ist es stockduster, die leeren Sitze wirken bedrohlich, zu hören ist nur das Quietschen der Wagenkopplung. Sogar der Schaffner ist gerade mit einem Rucksack auf der Schulter vorbeigehastet, als hätte er es sehr eilig, von Bord zu kommen. "Endstation vom Zug", krächzt er jetzt durch den Lautsprecher.
21.04 Uhr, in Luxembourg: Tatsache, nach Thionville in Frankreich fährt kein Zug mehr. Die einzige Möglichkeit - ein Bus um Viertel nach zehn. Das Informationsbüro für Busse und Bahn heißt auf Luxemburgisch übrigens "mobilitéitszentral". Um halb zehn wird dummerweise der Wartesaal zugemacht. Das heißt: draußen in der Eingangshalle stehen. Aber das ist zu unsicher - ich stelle mich ins Freie zur Masse der Wartenden. Weil der Schalterbeamte schon gesagt hat, dass es eng werden kann.
Als der Bus kommt, stehen die Leute Schlange - es ist ein Grad kalt, sagt die Temperaturanzeige auf einem Kaufhaus. Wir verlangen Einlass in den Bus. Der Fahrer sagt: Nein, er will erst zur Haltestelle fahren, treibt die Leute vor sich her. Ein paar von ihnen rufen: "Drücken, drücken" - die Tür soll bitte aufgehen. Nicht ohne Grund, denn der Platz ist begrenzt. Ich komme rein. Ich bekomme einen der letzten Plätze.
22.17 Uhr, im Bus nach Thionville: Noch stehen wir am Bahnhof. Draußen lassen wir ein Dutzend Menschen zurück. Sie haben keinen Platz im Bus. Keiner weiß, ob sie hier heute noch wegkommen. Nach zehn Minuten fahren wir endlich los.
22.47 Uhr, in Thionville: Ich bin da. Nur noch 14,4 Kilometer nach Schell - jenen kleinen Weiler im Südosten von Thionville. Dorthin schaffe ich es heute nicht mehr. Am Morgen geht es weiter.