Anschluß
Die Ostleute tuschelten schon und machten hämische Bemerkungen über die Zerrüttung der westdiplomatischen Familie, da mußte Frankreichs Familienrat einwilligen. Am 1. Oktober wird Mariannes jüngste Tochter, die Zone Française, sich mit dem anglo-amerikanischen Bizonenmichel verbinden Zunächst nur wirtschaftlich, das politische kommt später.
Dem Schwiegerelternpaar Marshall-Bevin tiel nach dem endgüitigen Ja-Wort aus Paris der dreijährige Stein des westsolidarischen Anstoßes vom Herzen. »Von allen Uebeln wählen wir das kleinste,« resignierte ihr französischer Kollege Schuman. Es wird eine Vernunftehe.
Die Mitgift der französischen Zone ist nicht überwältigend. Alle drei Länder sind verschuldet. Für Württemberg-Baden gab Finanzminister Dr. Koehler das Haushaltsdefizit im Rechnungsjahr 1948 mit 375 Millionen DM an
Abzüglich des Saargebiets bringt die Zone 42000 Quadratmeter und 6 Millionen Bewohner ein. Die Industriekapazität ist bescheiden. Von den 61 Milliarden RM Gesamtproduktion des Jahres 1936 stellte die heutige britische Zone 21,7, die russische 14,5, die amerikanische 10,6 und die französische (einschließlich Saargebiet) nur 5 Milliarden. Die landwirtschaftliche Durchschnittsproduktion (jetzt bei zwei Dritteln des Friedensstandes) liefert tausend Kalorien pro Tag und Einwohner.
Die Aktivposten der Fusionsbilanz sind durch Reparationen und Entnahmen stark beschnitten. 1946 holten die Franzosen 5845 Werkzeugmaschinen im Gesamtneuwert von 36 Millionen Mark aus den Fabriken. Deutsche Regierungsstellen wurden nicht dazu herangezogen. 1947 beschlagnahmte die Besatzungsmacht 2700 Maschinen. Wert etwa 8,2 Millionen Mark. Diesmal durften deutsche Dienststellen mit registrieren.
Unter dem Restitutions-Programm ist seit drei Jahren die gesamte Weinbranderzeugung der Zone blockiert. Der französische Inlandsmarkt selbst ist übersättigt und kann die in Deutschland requirierten Bestände nicht mehr schlucken. Seit der Währungsreform gehen dem deutschen Fiskus Millionen DM-Summen verloren, weil die von den Franzosen beschlagnahmten Spirituosen schwarz und unverzollt in den Westzonen gehandelt werden. Unter der Rubrik Restitution rangieren auch die in Idar-Oberstein beschlagnahmten Edelsteine für eineinhalb Millionen Mark.
Seit Kriegsende wurden in der französischen Zone 21 Millionen Festmeter Holz geschlagen. Das Gros der Holzexporte geht nach Frankreich oder wird gegen Weizen verkompensiert. Dabei machen die Franzosen bis zu 300 Prozent Gewinn.
Im badischen Grenzgebiet schlugen ihre Holzfäller-Kolonnen derart um sich, daß die Schweizer Regierung protestierte. Sie traf mit den Besatzungsbehörden ein Abkommen, das weitere Kahlschläge untersagt, um das Versiegen von Quellen zu vermeiden, die schweizerischen Dörfern Wasser liefern. Der Kanten Schaffhausen stellte das Pflanzenmaterial zur Wiederaufforstung der Grenzwälder bereit. Frankreichs Holzfäller zogen weiter ins Landesinnere.
Die 20 Millionen D-Mark Monats-Besatzungskosten machte die französische Militärregierung ihren Untertanen mit der Feststellung schmackhaft, ein Besatzungsfranzose (inklusive Familie) koste die Deutschen nur 6000 DM jährlich. Dagegen müsse die Bizone einen Amerikaner mit 12000 DM und einen Briten mit 20000 DM teurer bezahlen.
Die Verteilung der wichtigsten Rohstoffe wie Kohle, Eisen, NE-Metalle und Grundchemikalien war bisher die alleinige Domäne der französischen Besatzung. Analog zu den Sowjetaktiengesellschaften der russischen Zone ist ein Teil der chemischen und Kunstseidenindustrie in den Händen französischer Aktiengesellschaften. Wichtigste Mangelwaren der Industrie in der französischen Zone sind Kleineisenwaren, Werkzeuge und Maschinen, die nebenan im Ruhrgebiet hergestellt werden.
Die Bevölkerung der französischen Zone ist anschlußfreudig, obgleich Pariser Zeitungen oft das Gegenteil propagieren. Die Pariser Wochenzeitung »Carrefour« schreibt, den Deutschen sei die Besatzung zwar lästig, aber sie ertrügen die französische Besatzungsmacht immer noch lieber als die der Engländer und Amerikaner. Südwestdeutschlands Hausfrauen denken anders. Sie hoffen auf den 1. November, an dem der bisherige 1500-Kaloriensatz den »Milch- und Honigrationen« der Bizone angeglichen werden soll. Ab 1. Oktober will sich die französische Besatzung selbst verpflegen.
Die Koordinierung der gesamten Wirtschaft Westdeutschlands wird auch in der französischen Besatzungszone manchem Amtsschemel das Gewinde brechen. Neben der trizonalen Bank deutscher Länder, einer Steuervereinheitlichung und der Gleichschaltung des Verkehrswesens nimmt die französische Zone auch den Erhardschen Gleichschritt der freieren Wirtschaft auf. Das Warenangebot der Bizone wird auch in Südwestdeutschland eine Auflockerung der Bewirtschaftung ermöglichen.
Das widerspenstigste Stück im trizonalen Schmelztiegel ist das französische Außenhandelsbüro »Oficomex« (Office du Commerce d'Exterieur). Gegen die Oficomex-Fesseln sei die JEIA noch eine behutsame Bandage, behaupten die französisch beaufsichtigten deutschen Außenhändler.
Oficomex kauft und verkauft als staatliches Außenhandelsmonopol im eigenen Namen. Der deutsche Verkäufer weiß nie, an wen seine Ware ins Ausland geht. In der Bizone wird das Geschäft grundsätzlich zwischen dem deutschen Exporteur und dem ausländischen Kunden abgewickelt. Die JEIA genehmigt nur und nimmt sich später der eingehenden Devisen an.
Aus der französischen Zone gehen fast 80 Prozent des Exports nach oder über Frankreich. Welcher Devisenpreis Deutschland für die Ausfuhr gutgeschrieben wird; bleibt unbekannt. Ebenso erfährt niemand, welche Gewinne die französischen Firmen bei dem Transithandel einstecken.
Die Oficomex-Männer weisen stolz darauf hin, die Devisenbilanz der französischen Zone sei nicht nur ausgeglichen, sondern bringe sogar Devisenüberschüsse. Bei 183,4 Millionen Dollar Einfuhr bis zum Ende 1947 wurden für 187,2 Millionen Dollar ausgeführt. Die französische Zone gleiche ihre Bilanz also aus eigener Kraft aus, während die Doppelzone ständig auf Kosten der anglo-amerikanischen Steuerzahler subventioniert werden müsse.
Die deutschen Außenhändler argumentieren dagegen, daß die hohen Ausfuhrerlöse nur Niederschlag der Zwangsexporte sind, die den Ländern auferlegt werden. Oficomex blockiere grundsätzlich alle hochwertigen Exporterzeugnisse und setze sie nach ihrem Belieben ein. Amtlich wurde für den deutschen Export ein rechnerischer Durchschnittskurs von 1 Doll. gleich 4,16 Mark, und für die Einfuhr von 1 Dollar gleich 3,32 Mark ermittelt.
Auf diesen Kurs umgerechnet, ergibt sich, daß die Außenhandelsbilanz der französischen Zone gar nicht mehr ausgeglichen ist, sondern daß die von deutschen Importeuren eingezahlten Markbeträge nicht ausreichen ihre exportierenden Kollegen zu bezahlen. Das Defizit betrug Ende 1947 etwa 175 Millionen Mark. Gegen die Proteste der deutschen Finanzler mußte dieses Reichsmarkloch durch Kreditaufnahme bei den Landeszentralbanken gestopft werden.
Oficomex bietet zu selbstkalkulierten Preisen an. Meist laufen die Geschäfte über Pariser Makler. Angebahnte Verträge werden oft auch dann durchgeführt, wenn deutsche Sachverständige abraten. So wurden aus der Türkei und Syrien große Mengen Linsen eingeführt, die erfahrungsgemäß durch Fremd- und Käferbesatz nicht für die menschliche Ernährung geeignet sind.
Das Verhältnis zwischen Oficomex und den deutschen Außenhandelsfirmen ist getrübt, wie das fremd- und käferbesessene Linsengericht, um das das Oficomex das Mitbestimmungsrecht der deutschen Experten verkaufte. Die Außenhändler der französischen Zone sagen ihren Kontrolleuren nach, sie hätten vor der Verschmelzung noch langfristige Ausfuhrverträge abschließen wollen, um damit das Wirksamwerden der wirtschaftlichen Fusion noch weiter hinauszuschieben.
Schon wegen der Marshallplan-Lieferungen nach Deutschland legen die Amerikaner Wert darauf, die Ausfuhrmethoden der französischen Besatzung den JEIA-Grundsätzen anzupassen und eine gemeinsame Außenhandelspolitik der drei Westzonen zu erzielen. Die Marshall-Planer fürchten, daß sonst Waren, die mit ERP-Rohstoffen in der Bizone produziert wurden, in das französische Gebiet abwandern und in den französischen Export-Sog geraten könnten.
Berliner Geschäftsleute, die über die Luftbrücke nach Baden-Baden stiegen, um ihre alten Lieferkontrakte zu erneuern, wurden von den Franzosen bereits an die Frankfurter Wirtschaftsverwaltung verwiesen. Alle Transaktionen sind bis zur endgültigen Verschmelzung des Oficomex mit der JEIA abgestoppt.
Bis Ende Oktober wird für die drei Westzonen im Rahmen der Wirtschaftsangleichung eine gemeinsame Außenhandelsbehörde geschaffen sein, gab das britische Außenministerium dazu bekannt.
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BIZONENHANDEL MIT
DER FRANZÖS. ZONE
LIEFERWERTE IN MILL. MARK
FÜR JUNI 1948
| FRANZÖSISCHE ZONE | ||
| NORDRHEIN-WESTFALEN | 13,95 | 4,46 |
| SCHL.-HOLST. | 0,39 | 0,21 |
| NIEDERSACHSEN | 2,33 | 0,66 |
| BREMEN/HAMBURG | 1,91 | 1,85 |
| WBG.-BADEN | 13,33 | 6,79 |
| HESSEN | 6,48 | 3,27 |
| BAYERN | 4,06 | 4,64 |
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ENTNAHME
DER FRANZÖS.
BESATZUNGSMACHT
IN SÜDWÜRTTEMBERG
IN PROZENT D.
GESAMTAUFBRINGUNG
KÄSE 71%
FLEISCH 65,5%
BUTTER 60,7%
HAFER 46%
GEMÜSE 40%
EIER 36%
KARTOFFELN 31%
OBST 22%
DIE ANGABEN BEZIEHEN SICH AUF DAS JAHR 1947