AOL: Schon wieder wird ein Boss gesucht - DER SPIEGEL
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AOL Schon wieder wird ein Boss gesucht

Der Online-Dienst AOL findet nicht aus seiner Führungskrise heraus. Erst im April hat Bob Pittman das Ruder übernommen. Nun soll er schon wieder ersetzt werden - und könnte auch einen noch wichtigeren Posten verlieren.
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New York/Dulles - Die Nachricht kam unerwartet und hat offenbar auch die Händler an der Wall Street überrumpelt. Die Aktie von AOL Time Warner, im letzten Jahr noch 50,45 Dollar wert, verlor am Freitag zeitweise noch einmal 4,7 Prozent auf nur noch 13,05 Dollar.

Zuvor hatte eine AOL-Time-Warner-Sprecherin einen Bericht des "Wall Street Journal" bestätigt: Ja, es stimme, man habe die Personalberatungsfirma Spencer Stuart mit der Suche nach einem neuen AOL-Chef beauftragt. Eine ganz natürliche Sache, versuchte sie zu beschwichtigen. Seit April nämlich, als Bob Pittman zum Chef der Internet-Sparte America Online ernannt worden war, sei immer betont worden, dass er das Amt nur übergangsweise übernehme.

Damals allerdings war Pittman vom Konzern als harter Sanierer porträtiert worden, der jene Probleme des Online-Zweiges lösen sollte, die auch den Gesamtkonzern belasten: fallende Anzeigenumsätze im Internet, stagnierendes Wachstum. Von den Erfolgen der "Sanierung" ist freilich noch nicht viel zu sehen. Branchenbeobachter hatten sich auch darauf eingestellt, dass die zweite Ära Pittman - der 48-Jährige hatte AOL bereits vor der Time Warner-Übernahme als Präsident geführt - länger dauern würde. Zumindest länger als ein paar Monate.

Dass Pittmans Mission offenbar so schnell zu Enge geht, belebt die Gerüchteküche am Konzernsitz New York. Denn der AOL-Interimsboss sitzt zugleich auf einem weitaus wichtigeren Posten: dem des Hauptgeschäftsführers (Chief Operating Officer, COO) des Gesamtkonzerns AOL Time Warner. Nur lässt er diesen Vorstandsposten derzeit ruhen, um sich vollständig auf AOL zu konzentrieren. Jetzt zweifelt nicht nur das "Wall Street Journal" daran, ob Pittman den COO-Job je wieder aufnehmen wird. Auch bei einer Konferenz der wichtigsten US-Medienschaffenden in Idaho, schreibt Reuters, sei Pittmans Zukunft eines der Hauptgesprächsthemen gewesen.

Unklar ist, ob Pittmans Abschied ein freiwilliger wäre. Das "Journal" berichtet unter Berufung auf ungenannte Konzernquellen, Pittman leide zunehmend unter dem immensen Leistungs- und Erfolgsdruck und wolle vermutlich gar nicht ins Konzernhauptquartier zurückkehren.

Skeptische Analysten glauben aber, Pittman werde ein weiteres - unfreiwilliges - Opfer des großen Aufräumens sein, das mit dem Rücktritt des früheren AOL-Time-Warner-Chefs Gerald Levin begonnen hat. Sein Abtritt wäre ein weiteres Indiz dafür, dass die Mega-Fusion von AOL und Time Warner bisher nicht funktioniert hat: Die erhofften Synergien ließen sich nicht realisieren, die Wachstumsziele waren bloße Utopie. Einer derjenigen, die 2001 noch mitten in der Baisse am lautesten weiteres Wachstum versprochen hatten, war Bob Pittman.

Als mögliche Nachfolger bei AOL werden Don Logan, Verlagschef bei Time Inc., oder der AOL-COO Michael Kelly gehandelt. Angesichts der Tatsache, dass AOL eine Personalagentur engagiert hat, gilt es aber als wahrscheinlicher, dass der nächste Sanierer von außen kommt.