AOL Time Warner: Middelhoffs mysteriöse Hausbesuche - DER SPIEGEL
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AOL Time Warner Middelhoffs mysteriöse Hausbesuche

Der geschasste Bertelsmann-Chef hat sich einem Zeitungsbericht zufolge in dieser Woche zwei Mal mit Top-Managern des Medienriesen AOL Time Warner getroffen. Das gibt Spekulationen Nahrung, dass sich der "Amerikaner mit deutschem Pass" bei den New Yorkern um einen Job bemüht.
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New York - Thomas Middelhoff sei bei AOL-Präsident Steve Case auf der Buddy-Liste im AOL Instant Messenger eingetragen, heißt es. Sobald einer der beiden online geht, kann der andere ihn mit Internet-Telegrammen begrüßen. Beide haben sich schon diverse Male persönlich getroffen, während Middelhoff noch als Chef des Gütersloher Medienkonzerns amtierte. Zusammen haben sie AOL Europe als Joint-Venture auf den Weg gebracht - aus dem sich Bertelsmann allerdings später fürstlich entlohnt zurückzog.

Über einen Monat nach seinem Sturz vom Gütersloher Thron hat sich Middelhoff nach Informationen der "Washington Post" am Mittwoch mit AOL Time Warner-Chef Richard Parsons und am Donnerstag mit Case getroffen. Eine Sprecherin des weltweit größten Medienkonzerns - zu dem neben dem Online-Dienst AOL unter anderem das Hollywood-Studio Warner, der Fernsehsender CNN und das Verlagsgeschäft mit Magazinen wie "Time" und "Fortune" gehören - lehnte es aber gegenüber der Zeitung ab, die Besuche zu kommentieren. Middelhoff-Sprecher Klaus Kocks bestätigte offiziell, dass der frühere Vorstandsvorsitzende derzeit Gespräche in New York führt. Zu den Partnern wollte er sich nicht äußern.

Nach Informationen aus Branchenkreisen soll auch der frühere General-Electric-Chef Jack Welch zu den Gesprächspartnern des Deutschen gehört haben. Eigentlich wollte sich Middelhoff kommende Woche auf einer Pressekonferenz in Berlin zu seiner persönlichen Zukunft äußern. Der Termin wurde mittlerweise auf den 2. Oktober vertagt.

In der Chefetage von AOL Time Warner   rumort es seit dem Abgang des früheren Time-Warner-Chefs Gerald Levin, der sein Amt an Richard Parsons übergeben hat. Im Juli wurde Robert Pittman, AOL-Mitgründer und bis dahin Chief Operating Officer des Gesamtkonzerns, das bisher höchstrangige Opfer der Großreinemachens. Dabei war Pittmanns Stelle im Rahmen einer Neuorganisation praktisch beseitigt worden. Stattdessen hatte die Gesellschaft eine Unterhaltungs- und Netzwerkgruppe und eine Medien- und Kommunikationsgruppe gebildet. Nachdem alle Posten neu besetzt wurden, ist aber unklar, ob überhaupt eine Stelle für Middelhoff frei wäre und um welche es sich handeln könnte.

Thomas Middelhoff gehörte neben Jean-Marie Messier, dem früheren Chef des französchen Vivendi-Universal-Konzerns, zu den Top-Managern international agierender Medienkonzerne, die unter anderem auf Grund ihrer New-Economy-Experimente an die Luft gesetzt wurden.

Im Gegensatz zu Messier aber hinterließ Middelhoff keinen übermäßig verschuldeten Konzern. Vielen Beobachtern gilt er als fähiger Manager, der mit seinen Börsenplänen für Bertelsmann zeitgemäße Konzepte verfolgte und vor allem an der konservativen Unternehmenskultur und dem Widerstand der Mehrheitsgesellschafter scheiterte. Middelhoff wurde zeitweise auch als möglicher Nachfolger des Telekom-Interimschefs Helmut Sihler gehandelt.