Arbeitskampf Streik in der Mega-Mine
Hamburg/Antofagasta Wieder harrten die Arbeiter die ganze Nacht vor den Eingängen der Mine aus. Sie schwenkten Spruchbänder, Fackeln und chilenische Flaggen. Vor den Zufahrten zum Werk haben sie Zelte aufgeschlagen, die Männer sitzen eingehüllt in dicke Decken davor. Die Nächte sind kalt in der chilenischen Atacama-Wüste, 3000 Meter über dem Meeresspiegel.
Es ist der zwölfte Tag, an dem die 2000 Arbeiter der Escondida-Mine streiken. Seit Mittwoch dieser Woche blockieren sie die Zufahrten zur Grube und lassen niemanden mehr hinein. In der vier Kilometer breiten und 800 Meter tiefen Abbaustätte, in der sonst dinosauriergroße Maschinen lärmen, ist es still geworden. Auch die Busse von Touristen, die das gigantische Areal sonst regelmäßig besuchen, kommen nicht mehr durch.
Acht Prozent der Weltkupfer-Produktion stammen aus der Escondida-Mine, die von den multinationalen Rohstoff-Riesen BHP Billiton und Rio Tinto betrieben wird. Schon in den letzten Streiktagen hatten sie die Produktion der Mine um mehr als die Hälfte gedrosselt. Seit der Nacht nun ruht die Arbeit vollständig. Sicherheit und Gesundheit der nicht gewerkschaftlich organisierten Arbeiter seien nicht länger zu gewährleisten, hieß es. Die letzten Minenarbeiter würden die Abbaugrube heute verlassen, so die Betreiber.
Seit Beginn des Streiks ist der ohnehin schon hohe Kupferpreis an den Weltmärkten um mehr als fünf Prozent gestiegen, heute legte er noch einmal um 2,5 Prozent zu. Analysten gehen von einem weiteren Anstieg aus. Der Bedarf nach dem Metall, das für Stromkabel und Rohre verwendet wird, ist weltweit hoch - Nachfrage kommt vor allem aus Deutschland und China. Die Preishausse hat BHP und Rio Tinto bisher gute Geschäfte beschert. Seit 2003 haben sich die Gewinne der Escondida-Mine verfünffacht.
Nun wollen auch die Arbeiter ihren Anteil am Erfolg - denn ihre Löhne blieben seit drei Jahren konstant. Die Gewerkschafter fordern 13 Prozent mehr Lohn und Einmalzahlungen von 30.000 Dollar. Das Angebot der Unternehmer lautet: drei Prozent Lohnerhöhung und einen Bonus von 21.200 Dollar.
Betreiber: Jeder Streiktag kostet uns 16 Millionen Dollar
Die Stimmung rund um die Mine wird zunehmend aggressiv. Man wolle mit der Blockade zeigen, dass man nicht nachgebe und zu allem bereit sei, erklärte Gewerkschaftschef Luis Troncoso laut chilenischen Zeitungen. Er kündigte an, den Streik notfalls noch zwei Monate fortzuführen. Auch vor einer Eskalation schrecke man nicht zurück.
In der vergangenen Nacht kam es chilenischen Tageszeitungen zufolge zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Augenzeugen berichteten vom Einsatz von Tränengas, zwei Streikende seien verletzt worden. Die Minenbetreiber stritten dies ab: Noch habe man sich nicht entschlossen, Sicherheitskräfte einzusetzen, um die Blockade aufzulösen. Derweil prüfe man jedoch, rechtliche Schritte gegen die Streikenden einzuleiten, so eine Unternehmenssprecherin. Jeder Streiktag koste 16 Millionen US-Dollar.
Etwa 500 Minenarbeiter machten sich auf den 1000 Kilometer langen Weg in die Hauptstadt Santiago de Chile, um dort zu demonstrieren. Die Streikenden fordern, die Regierung solle in den Konflikt eingreifen und die Arbeitnehmerrechte verteidigen. Die Gewerkschaftsführer erhoffen sich ein Gespräch mit Chiles Präsidentin Michelle Bachelet, die gerade von einer Reise aus Bolivien zurückgekehrt ist. Sie kritisierten die bisher passive Haltung der Regierung. "Das ist kein Problem zwischen Escondida und seinen Arbeitern, sondern ein nationales Problem", erklärte Gewerkschaftler Troncoso.
Für chilenische Regierung hängt viel vom weiteren Verlauf des Streiks ab. Auch bei der staatlichen Kupfermine Codelco stehen in naher Zukunft Lohnverhandlungen an. Dort und in anderen Unternehmen der Branche wird befürchtet, das Beispiel Escondida könne Schule machen.
Doch auch die Gewerkschaftsführer machen sich Sorgen. Dem chilenischen Arbeitsrecht zufolge kann eine Firma nach dem 15. Streiktag mit jedem Arbeitnehmer einzeln verhandeln - und so die Gewerkschaft umgehen. Am Montag ist es so weit.