Arbeitsmarkt-Misere Mehr Lehrstellen - von wegen
Berlin/Nürnberg - Geht es um Ausbildungsplätze, will der Chef der Bundesagentur (BA) keinerlei Optimismus verbreiten. Die Lage sei "nach wie vor sehr angespannt", eine Besserung nicht in Sicht, sagte Frank-Jürgen Weise heute bei der Vorstellung der Arbeitsmarktbilanz für Juli. Den konkreten Zahlen zufolge gibt es auch keinerlei Anlass zur Entwarnung: Die Arbeitgeber wiesen im Juli nur noch 451.900 freie Plätze aus, 31.600 weniger als vor einem Jahr. Der Rückgang ist laut BA vor allem auf betriebliche Stellen zurückzuführen, wo das Angebot um 23.800 auf 438.500 Plätze sank. Zugleich nahm die Zahl der Bewerber im Vergleich zum Juli 2003 um rund 14.600 auf 684.800 zu.
Ende Juli waren den Angaben zufolge 75.900 Ausbildungsplätze noch unbesetzt, was im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang um 7600 bedeutet. Als unvermittelt zählten 238.300 Bewerber, 7100 mehr als im Vorjahr. Die rechnerische Lücke zwischen unbesetzten Lehrstellen und nicht vermittelten Bewerbern ist somit um 14.700 auf jetzt 162.400 angewachsen.
Trotz der weiterhin traurigen Zahlen verbreitete DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun Zuversicht. "Der Pakt wirkt", sagte er und verwies darauf, dass im Bereich der Handelskammern bis Ende Juli 18.900 neue Ausbildungsplätze geschaffen worden seien. Trotzdem sei zum 30. September eine Lücke von 20.000 bis 30.000 Stellen zu befürchten. Hauptgründe sind Braun zufolge, dass dieses Jahr aufgrund der schleppenden Konjunktur etwa 18.000 Ausbildungsplätze verloren gehen dürften und gleichzeitig mit einer höheren Zahl von Schulabgängern zu rechnen sei.
Kompetenzcheck im Amt
Auch Handwerkspräsident Dieter Philipp gab sich vorsichtig optimistisch. Seinen Angaben zufolge haben sich 6202 Handwerksfirmen aufgrund des Ausbildungspaktes bereit erklärt, neue Lehrstellen zu schaffen. Acht Wochen vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres dürften die Verbände seiner Meinung nach die zugesagten 30.000 neuen Lehrstellen zusammenhaben. Der ZDH-Präsident appellierte an die Befürworter einer Ausbildungsplatzabgabe und an die Gegner des Ausbildungspakts, angesichts dieser ersten Bilanz ihre "Schwarzmalerei" einzustellen.
Die Jugendlichen, die im Herbst ohne Lehrstelle dastehen, sollen Braun zufolge zu einem "Kompetenzcheck" eingeladen werden. Ziel sei, diese jungen Leute mit der Bundesagentur für Arbeit auf Herz und Nieren zu prüfen, um sie nachträglich vermitteln zu können. Wenn die Qualifikation nicht ausreiche, sollten sie zumindest ein Praktikum bekommen, so der DIHK-Präsident. "Von den im Ausbildungspakt zugesagten 25.000 Plätzen für diese "Einstiegsqualifikationen" haben die Handwerkskammern eigenen Angaben zufolge allerdings erst 5000 eingeworben.
Die Wirtschaft hatte sich im Rahmen des so genannten Ausbildungspaktes verpflichtet, in den kommenden drei Jahren jeweils 30.000 neue Lehrstellen bis zum Start des neuen Ausbildungsjahres am 1. Oktober zu schaffen. Als Gegenleistung legte die Bundesregierung den Gesetzentwurf für eine Ausbildungsabgabe vorerst auf Eis. 55 Prozent der neuen Lehrstellen sollten aus dem Bereich des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) kommen, 30 Prozent vom Handwerk und 15 Prozent aus dem Bereich freier Berufe.