Arbeitsmarkt: Vollbeschäftigung in greifbarer Nähe - DER SPIEGEL
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Arbeitsmarkt Vollbeschäftigung in greifbarer Nähe

Die Wirtschaftsexperten sind sich einig - Ein Jobwunder in Deutschland nach dem Vorbild der USA ist keine Wunschvorstellung mehr.
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Frankfurt am Main - Vollbeschäftigung könnte nach Ansicht des Chefvolkswirts der HypoVereinsbank, Martin Hüfner, 2005 erreicht werden. Auch Wolfgang Scheremet vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält einen Rückgang der Arbeitslosenquote in den nächsten fünf Jahren auf vier Prozent für möglich - und das gilt als Vollbeschäftigung.

Einig sind sich die Fachleute, dass die Konjunkturentwicklung entscheidend sein wird. Scheremet nennt als wichtige Voraussetzung für Vollbeschäftigung ein inflationsfreies Wirtschaftswachstum von jeweils mindestens drei Prozent über fünf Jahre.

Gefahren sieht der Arbeitsmarktexperte vor allem in der Entwicklung in den USA. Ein Rückgang des Wachstums in den USA auf 2 bis 2,5 Prozent werde auch in Europa zu einer Abschwächung führen. Sollten die Vereinigten Staaten sogar in eine Rezession abdriften - wovon das DIW allerdings nicht ausgehe - dürfte dies dementsprechend kräftige Auswirkungen auf Europa haben.

Grundsätzlich sei eine Ansteckungsgefahr nicht auszuschließen, denn Europa sei nicht ausreichend immun gegen die Entwicklung jenseits des Atlantiks. Risiken sieht der Experte auch in der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die einer wirtschaftlichen Expansion in Europa derzeit eigentlich nicht förderlich sei.

Nach Einschätzung Hüfners dürfte sich Europa dagegen ein Stück von der Entwicklung in den USA abgekoppelt haben. Er nehme die Konjunkturbedenken zwar sehr ernst, es zeichne sich aber ein neuer Trend ab. Früher habe gegolten: Die USA bekommen einen Schnupfen und Europa eine Lungenentzündung. "Dieses Mal bekommen wir wahrscheinlich einen Schnupfen und hoffen, dass die USA keine Lungenentzündung kriegen", sagt der Ökonom. Selbst ein harte Landung der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten dürfte Europa nur relativ wenig treffen. Europa sei unter anderem wegen der Einführung des Euros und eingeleiteten Strukturreformen relativ stabil.

Flexibilisierung des Arbeitsmarktes notwendig

Wenig Hoffnung hat Hüfner auch zehn Jahre nach der Wiedervereinigung für Ostdeutschland. Die Trendwende sei noch nicht erreicht. Als weiteren Wermutstropfen nennt der Chefvolkswirt die wachsende Zahl von Billigjobs. In Deutschland gebe es dasselbe Phänomen wie in den USA, wo zu Beginn des Aufschwungs vor allem so genannte McJobs geschaffen worden seien.

Auch der Wirtschaftsweise Jürgen Kromphardt sieht gute Chancen, dass die Arbeitslosenzahl bis zum Jahr 2006 auf die Hälfte zurückgeht. Als wichtige Voraussetzung nennt Kromphardt in der "Berliner Zeitung" ein stabiles Wirtschaftswachstum zwischen mindestens zwei und drei Prozent jährlich in Deutschland und eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung im Euroraum.

Übereinstimmend fordern die Experten eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, um mehr Stellen in Deutschland schaffen zu können. Hüfner wünscht sich mehr Flexibilität beim Kündigungsschutz und beim Flächentarifvertrag. Der Arbeitsmarktexperte des Ifo-Institutes, Wolfgang Meister, plädiert dafür, die Lohnentwicklung stärker nach Branchen und Regionen auszurichten.

Derzeit gebe es in der Regel die Lohnführerschaft einer Gewerkschaft, an die sich die anderen hielten. Kromphardt regt an, über eine Lockerung des Kündigungsschutzes nachzudenken, ohne dabei auf "bewährte soziale Standards" zu verzichten. Die Unternehmen müssten mehr Spielraum bekommen, um sich bei betriebsbedingten Kündigungen von den "weniger Leistungsbereiten" trennen zu können. Wie auch die Gewerkschaften fordert der Wirtschaftsweise eine deutliche Reduktion der Überstunden. Eine gesetzliche Begrenzung der Überstunden lehnt er allerdings als nicht praktikabel ab. Zu einer Flexibilisierung des Arbeitsmarktes könnten zudem Öffnungsklauseln in Tarifverträgen beitragen, die in besonderen Not- und Härtefällen zur Absicherung der Arbeitsplätze Abweichungen von den Tarifnormen nach unten erlaubten. Allerdings knüpfte Kromphardt derartige Öffnungsklauseln ausdrücklich an die Zustimmung der Tarifparteien.

Von Friederike Marx