Arbeitsplätze: Aktion Kahlschlag - DER SPIEGEL
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Arbeitsplätze Aktion Kahlschlag

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Um die Chancen für seine Wiederwahl im nächsten Herbst zu erhöhen, wollte der Regierungschef die Zahl der Arbeitslosen auf unter 3,5 Millionen drücken. "Mein wichtigstes Ziel", erklärte der Kanzler noch vor knapp drei Jahren zu Beginn seiner Amtszeit, "ist der Kampf gegen die Geißel der Massenarbeitslosigkeit."

Siemens-Chef Pierer rät dem Bundeskanzler, wie andere Unternehmenschefs auch, die Steuerreform vorzuziehen. Doch der will davon, zumindest bislang, nichts wissen. "Ich habe meinen Kanzler noch nie so ruhig gesehen wie jetzt", spielt ein Schröder-Berater das Problem herunter. Auch ein Konjunkturprogramm sei nicht geplant, ließ er vergangene Woche für seinen Chef ausrichten, der sich gerade in Italien entspannt.

Ob sich die Beschäftigungskrise so einfach aussitzen lässt, ist fraglich. Die Wirtschaftsaussichten in Deutschland verdüstern sich. Namhafte Wirtschaftsforscher, zum Beispiel vom Münchner Ifo-Institut oder dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, haben ihre Wachstumsprognosen inzwischen auf rund ein Prozent zurückgenommen. Das Allensbacher Institut für Demoskopie, das im Auftrag der Zeitschrift "Capital" die Stimmung unter 30 deutschen Großunternehmen untersuchte, fand heraus, dass zwei Drittel der Firmen kein neues Personal einstellen oder ihre Belegschaften verkleinern wollen.

Auch der Mittelstand baut ab

Will Schröder die Schlacht noch gewinnen, muss er sich etwas einfallen lassen. Denn selbst die Staatsbetriebe bauen weiter ab. Allein Post und Bahn wollen in diesem Jahr rund 14.000 Jobs wegrationalisieren. Auch im Kleingewerbe sieht die Jobsituation düster aus. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks rechnet in diesem Jahr mit einem "Personalabbau von rund 120.000 Mitarbeitern". Die Hälfte davon soll im Osten wegfallen.

Die großen Baukonzerne müssen ebenfalls entlassen. Walter Bau streicht weitere 1000 Jobs, und auch Bilfinger + Berger liefert in diesen Tagen Anschauungsunterricht. Ohne die Öffentlichkeit zu informieren, hat der Vorstand Ende Juni beschlossen, das Berliner Tochterunternehmen Bau-Union Potsdam "auf Grund der unverändert rückläufigen Baunachfrage" zu schließen, bestätigt ein Sprecher. Nach Abwicklung der laufenden Aufträge stehen im nächsten Frühjahr 170 Mitarbeiter auf der Straße. Wohl nicht die letzte schlechte Nachricht für die rund 40.000 Angestellten. "Weitere Personalanpassungen", heißt es am Mannheimer Hauptsitz, "sind nicht auszuschließen."

Selbst im Dienstleistungsgewerbe, das sich bislang noch als relativ robust erwies, schrumpfen die Belegschaften dahin. Bei der HypoVereinsbank, dem zweitgrößten Kreditinstitut der Republik, stehen nach Analystenschätzungen bis zum Jahre 2004 rund 8000 Jobs auf der Kippe. Allianz und Dresdner Bank haben für 1500 Investmentbanker keine Verwendung mehr. Und bei der Commerzbank gilt seit Ende Mai ein Einstellungsstopp.

Auch im Einzelhandel herrscht gedrückte Stimmung. Karstadt will bis zu 7000 Angestellte weniger einsetzen. Die Metro-Tochter Praktiker, die mit den Heimwerkern bislang prächtig verdiente, plant rund 1000 Stellen einzusparen.

Krisenherd Telekom-Industrie

Besonders schlimm erwischt hat es eine Branche, die noch vor kurzem als Stützpfeiler für den Aufschwung in Deutschland galt, die Informations- und Telekommunikationstechnik. Berauscht von der Aussicht auf sprudelnde Gewinne, stampften große Handy-Hersteller wie Siemens, Nokia oder Ericsson zusätzliche Fertigungsbetriebe aus dem Boden. Auch die PC-Hersteller schafften massenhaft Kapazitäten.

Doch schon im Herbst 2000 zeichnete sich ab, dass der Boom seinen Höhepunkt wohl überschritten hat. Statt knapp 600 Millionen Handys, wie erwartet, dürften weltweit in diesem Jahr allenfalls eben über 400 Millionen Stück über den Ladentisch gehen. Nun müssen die Hersteller weltweit massiv sparen und Werke schließen.

Nokia macht zwar noch Gewinn, doch im Streichkonzert wird mitgespielt. So dürften im Bochumer Werk bis zu 300 von insgesamt 3000 Stellen verschwinden. "Voraussichtlich werden die acht Handy-Produktionslinien nach Ungarn verlagert", weiß IG-Metall-Mann Ludger Hinse.

Klotzen, nicht kleckern hieß die Devise auch bei großen Kommunikationsmultis wie der Deutschen Telekom oder Viag-Interkom, die inzwischen dem britischen Telefonriesen British Telecom gehört. Um am weltweiten Boom in der Kommunikationstechnik teilzuhaben, kauften die Konzerne Wettbewerber auf und erwarben von den Regierungen für Milliardensummen die Lizenzen für die neue Mobilfunktechnik UMTS. Mit dem neuen Standard lassen sich blitzschnell Daten versenden.

Ob die teuren Investitionen sich jemals rechnen, ist ungewiss. Außerdem sind die Telefonriesen inzwischen derart verschuldet, dass sie geplante Investitionen streichen oder weit in die Zukunft verlagern müssen.

Unter den Folgen leiden nun Lieferanten wie der Siemens-Konzern. Die Netzsparte, die in der Vergangenheit mit ihren Telefonvermittlungssystemen klotzig verdiente, häufte allein in den drei Monaten von April bis Juni Verluste von über einer Milliarde Mark an. Deshalb sollen dort über 5000 Beschäftigte gehen. "Und das", prophezeit ein hoher Siemens-Manager, "ist vermutlich noch nicht das Ende."

BEAT BALZLI, DINAH DECKSTEIN