ARD-Schmiergeld-Doku Siemens und die Maus
Hamburg 250 Ermittler allein bei der Hausdurchsuchung in München, 36.000 beschlagnahmte Aktenordner, fünf geschasste Vorstände, der Abgang des Vorstandschef und des Aufsichtsratsvorsitzenden: Mit dem Skandal um die Schmiergelder beim Technologiekonzern Siemens hat nicht nur "die heile Welt des Traditionsunternehmens einen Riss bekommen". Die Ereignisse haben obendrein "Schockwellen in die deutsche Industrie" getragen. Das ist die Einschätzung von Thomas Leif, der für den SWR einen Film über den "größten Wirtschaftsskandal der Nachkriegsgeschichte" gedreht hat.
"Siemens im Schmiergeldsumpf Das Geschäft der Korruptionsermittler" heißt das Werk, das am Mittwochabend in der ARD gezeigt wird, und für das Leif unter anderem in München, Frankfurt am Main, Hamburg und New York recherchierte. Auf eine Spurensuche wolle er gehen, sagt Leif am Anfang des Films, den Korruptionsermittlern über die Schultern schauen. Detailgenau und trotzdem übersichtlich schildert Leif die vergangenen Monate, die den Weltkonzern ins Wanken gebracht haben.
Ausgangspunkt sind die konzertierten Hausdurchsuchungen im November 2006 und die Folgen: Ermittlungen der deutschen Staatsanwälte und der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, der Rücktritt von Aufsichtsratschef und "Mister Siemens" Heinrich von Pierer, der Abgang von Siemens-Chef Klaus Kleinfeld und fünf weiterer Vorstände. Die monatelange negative Berichterstattung und das "ramponierte Image".
Am Beispiel der Schmiergeldzahlungen für ein Geschäft in Mailand mit sechs Gasturbinen erklärt der Film, wie "Provisionszahlungen" ausgeklügelt, abgesegnet und durchgeführt wurden. Und wie sehr Theorie und Praxis bei Siemens auseinander klafften. Denn gerade in dem beschriebenen Fall hatte sich der betroffene Mitarbeiter an seinen Vorgesetzten, den ehemaligen Finanzchef der Kraftwerkssparte, Andreas Kley, gewandt. Der hatte nur Tage vorher zur Einhaltung der Antikorruptionsrichtlinien gemahnt. Die Schmiergelder für die Gasturbinen wurden trotzdem gezahlt "praktizierte Doppelmoral" nennt Leif das.
Klare Sprache
Leif legt plausibel nahe, dass die angebliche Unwissenheit von Vorständen, Aufsichtsräten und Führungskräften über die Schmiergelder in Millionenhöhe wenig glaubhaft ist. "Ein Vorstand, der das nicht weiß, hat die Kontrolle über das Unternehmen verloren", lässt Leif den Hamburger Wirtschaftsprofessor Michael Adams konstatieren. Diesen Eindruck aber habe man bei dem Führungsduo Pierer und Kleinfeld nicht gehabt.
Auch das hilflose Gerede des ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden und stellvertretenden Aufsichtsratschefs Ralf Heckmann, die Schmiergeldzahlungen hätten sich eben "über Jahre eingebürgert" und man habe das Ganze "vielleicht nicht genau beobachtet", überzeugt nicht. Dazu präsentiert Leif Unterlagen, die belegen, dass es im Unternehmen und bei den betreuenden Bankern und Wirtschaftsprüfern sehr wohl Stimmen gab, die auf Unregelmäßigkeiten und vermeintliche Schmiergeldzahlungen aufmerksam machten.
Die große Stärke des Films ist die klare und verständliche Sprache, mit der der Autor die komplizierten Wirtschaftszusammenhänge auch unbedarften Zuschauern erklärt. Er lässt Wirtschaftsprofessor Adams ausführen, dass sich in den Geschäftsfeldern von Siemens "viele Menschen tummeln, die zusätzliches Geld verdienen wollen", warum Siemens die US-Börsenaufsicht SEC mehr fürchtet als die deutschen Staatsanwälte, dass "KPMG eine der ganz großen Wirtschaftsprüfergesellschaft der Welt" ist und dass unter "Compliance" im Allgemeinen die unternehmensinterne Korruptionsbekämpfung verstanden wird.
Eine Spurensuche ist der Film gerade nicht
Genau das aber ist eine großen Schwächen des Filmes: Es wirkt ein bisschen wie bei der Sendung mit der Maus, wenn Leif vor der Siemens-Zentrale, vor dem KPMG-Gebäude oder im eigenen Büro in kurzen Sequenzen das gerade Berichtete noch mal erklärt und kommentiert. Unterstrichen wird das durch plump nachgestellte Szenen. Ein inszeniertes Gespräch der Vermittler der Schmiergeldverhandlungen in Mailand ist da zu sehen, Bargeldkoffer werden durch München getragen. Leif selbst lässt sich ein wenig zu oft beim natürlich kritischen Fragen filmen. Schließlich ist er ja auf Spurensuche.
Allein: Eine Spurensuche ist der Film gerade nicht denn an die direkt Beteiligten kommt Leif so gut wie nicht heran. Weder von Siemens noch von der eigenes zur Aufklärung engagierten US-Kanzlei Debevoise & Plimpton, der Münchner Staatsanwaltschaft oder der für Siemens arbeitenden Wirtschaftsprüfergesellschaft KPMG hat Leif relevante Aussagen oder auch nur Interviewtermine bekommen. Das wird nirgends deutlicher als beim Gespräch mit der leitenden Oberstaatsanwältin Brigitte Schröder, die dreimal hintereinander freundlich mit den Schultern zuckt und erklärt, sie könne zu laufenden Ermittlungen nichts sagen.
Leif behilft sich zwar elegant, indem er mit Adams und Steffen Salvenmoser, Partner bei PricewaterhouseCoopers und ehemaliger Staatsanwalt, zwei anerkannte Korruptionsexperten zu Wort kommen lässt. Darüber, wie im Fall Siemens intern und extern ermittelt wird, sagt das aber nichts aus. Stattdessen raunt Leif von der "strengen Abschirmungspolitik" eines "mediengestählten" Aufsichtsratschefs und verdächtigt die bayrische Staatsregierung, sie gebe Anweisung, im Fall Siemens "nicht zu tief zu graben".
Der Film ist eine klar verständliche Zusammenfassung der Vorgänge rund um den Skandal bei Siemens, die die Chronologie aufschlüsselt, die Beteiligten und die Folgen der schwarzen Kassen benennt. Viel Neues lernt man nicht, aber man langweilt sich auch nicht. Wie bei der Sendung mit der Maus.
"Siemens im Schmiergeldsumpf: Das Geschäft der Korruptionsermittler", Mittwoch, 17. Oktober, 23.30 Uhr, ARD.