Argentinien Die finanzielle Zeitbombe tickt
Buenos Aires - Die Banken sind auf unbestimmte Zeit geschlossen, die meisten Geldautomaten leergeräumt und keiner weiß mehr, woher neues Bargeld kommen soll. In dieser angespannten Situation mutet die argentinische Regierung ihren Bürgern einen neuen Schock zu. Die Ersparnisse, über die sie derzeit nicht mehr verfügen können, sollen zwangsweise in staatliche Wechsel von zweifelhaftem Wert umgetauscht werden.
Der von Präsidentensprecher Eduardo Amadeo am Sonntagabend angekündigter Gesetzentwurf sieht vor, die gesparten Pesos in Staatstitel mit fünfjähriger Laufzeit umzuwandeln. Experten gehen davon aus, dass ein vorzeitiger Verkauf höchstens 20 Prozent des Nominalwertes bringen würde. Mit welcher Verzinsung die Ersatzpapiere ausgestattet werden sollen, ist bisher noch nicht klar.
Die Regierung von Präsident Eduardo Duhalde hofft, mit der äußerst unpopulären Maßnahme den Zusammenbruch des gesamten Bankensystems noch verhindern zu können. Auf die erhoffte Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) wartete die Regierung weiter vergebens, während die sozialen Unruhen vor allem in den Provinzen immer heftiger wurden. Da die regierenden Peronisten im Parlament mit der größten Oppositionspartei zusammenarbeiten, gilt eine Mehrheit für den Gesetzentwurf als sicher. Hunderttausende Argentinier werden sich dann mit dem weitgehenden Verlust ihrer Ersparnisse abfinden müssen.
"Dies ist der letzte Akt eines plündernden Regimes", wetterte die oppositionelle Abgeordnete Elisa Carrió. Seit der frühere Präsident Fernando de la Rua kurz vor Weihnachten durch Massenproteste aus dem Amt gefegt wurde, sitzt den Politikern die Angst im Nacken. Wagen sie sich noch in die Öffentlichkeit, werden sie bestenfalls ausgepfiffen und nicht selten von einem wütenden Mob durch die Straßen getrieben. "Verschwindet alle", ist die beliebteste Parole bei allen Demonstrationen. Nach dem Beschluss vom Wochenende, die Banken ab Montag auf unbestimmte Zeit zu schließen, hatten sich lange Schlangen vor den Geldautomaten gebildet, die bereits nach kurzer Zeit leergeräumt waren.
Die Guthaben waren am 1. Dezember vergangenen Jahres eingefroren worden, um einen Zusammenbruch des Banksystems zu verhindern. Die Verfassungsrichter bewerteten das Regierungsdekret, mit dem Barabhebungen auf 1500 Peso (952 Euro) im Monat beschränkt werden, aber als rechtswidrige Enteignung. Mehrere tausend Anleger haben inzwischen Gerichtsbeschlüsse erwirkt, die die Kontensperre aufheben. Nach Angaben von Banken wurden täglich mehr als 100 Millionen US-Dollar (112 Millionen Euro) abgehoben.
Zuletzt hatte Argentinien 1989 auf die Umwandlung von Guthaben in Staatsanleihen zurückgegriffen. Damals hatte die Hyperinflation dreistellige Werte erreicht.