Armut light - DER SPIEGEL
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SOZIALHILFE Armut light

Die Scheinheiligen von Speyer: Christen in der pfälzischen Provinz proben das Leben am Rande des Existenzminimums.
• aus DER SPIEGEL 13/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Carolin Münster, 9, an Eis denkt, strahlen ihre Augen. Wenn sie dann ihre Eltern sieht, vergißt sie ihre Favoriten Mokka, Zimt und Zitrone schnell wieder. Denn Mama und Papa spielen momentan ein Spiel. Ein typisches Erwachsenenspiel. Wer am wenigsten Eis ißt, gewinnt. Oder so ähnlich.

Familie Münster, Vater Mathias ist Sozialpädagoge, Mutter Doris ebenfalls, hat sich entschlossen, an der Aktion »Leben mit Sozialhilfe« teilzunehmen. Den ganzen März, so regte die Diözese Speyer an, sollten gläubige Normalverdiener versuchen, nur mit dem Betrag auszukommen, der ihnen als Sozialhilfeempfänger zustünde.

»Das ist kein PR-Gag«, beschwichtigt Speyers Weihbischof Otto Georgens, »und auch keine verkappte Spendenaktion.« Man wolle lediglich zeigen, daß »Kirche nicht nur Gottesdienst mit Kollekte ist« und »daß wir den Menschen wieder nahekommen müssen«. Armut light als Abenteuerurlaub im Keller der Gesellschaft. Aber wie kommt man den unteren Zehntausend näher, ohne ihnen zu nahe zu treten?

Ende vergangenen Jahres begannen die strategischen Vorbereitungen für den Abstieg. Kirchenkräfte verteilten Flugblätter. Der Bischof von Speyer empfahl seinen Schäfchen im Sonntagsgottesdienst, das »Leben mit Sozialhilfe« zu entdecken. Ehrenamtliche Gruppenleiter errechneten individuelle Sozialhilfesätze und weihten die Freiwilligen in die Geheimnisse des Bundessozialhilfegesetzes ein, bevor das klerikal aufmunitionierte Überlebenstraining für 742 tapfere Teilnehmer begann. Jetzt galt es zu beweisen, daß ein Dasein mit fast nichts durchaus möglich ist.

Vier Wochen lang sollten sie am eigenen Leibe spüren, wie sich das anfühlt: von der Gesellschaft ausgegrenzt und »ohne Teilnahme am kulturellen Leben in der Pfalz«, so Georgens. Präventive Proteste von Feinkosthändlern, Cafés oder Floristen blieben gottlob aus, leider auch Ausflugsberichte von den Flurfluchten des Arbeitsamtes, von durchwachten Nächten in Mietskasernen oder wenigstens von Kurztrips in übel beleumdete Bahnhofskneipen.

Vollends zur Farce verkam das Projekt, als echte Sozialhilfeempfänger die Gruppentreffen garnierten. Da saßen sie dann, die Gutmenschen von Speyer, und diskutierten mit ihren Anschauungsobjekten jene Probleme, die manche von ihnen nie verstehen werden.

Kaum einer wagte sich an die Restposten bei Aldi. Keiner der Expeditionsteilnehmer mußte seine gutbürgerliche Nestwärme gegen eine zugige Vorstadt-Baracke tauschen. Den meisten reichte es schon, sich am Ende einzureden, keinerlei Vorurteile gegen die jenseits des Tellerrandes zu haben. »Nur fünf Prozent der 2,9 Millionen Sozialhilfeempfänger in Deutschland sind Betrüger«, mahnt Georgens zum Abbau von Vorurteilen.

Betrogen haben die Aushilfsarmen - vor allem sich selbst. Niemand schaffte es, vom Regelsatz zu leben. Die Klavierstunde für den Sprößling muß ebenso bezahlt werden wie der Fernsehsessel zu Opas 70. Geburtstag. Zeitungsabonnements und Versicherungen können nicht einfach gekündigt werden. Und wer wollte schon auf seine Putzfrau verzichten, den Kinobesuch oder das Bier am Stammtisch?

Die Initiatoren ahnten das Desaster bereits vor Beginn der Aktion. Ihr Lösungskonzept brillierte durch einen schlichten Kniff: Sie führten eine »Luxusliste« ein. In dem Blanko-Ablaßbrief durfte jeder notieren, was er sich als Sozialhilfeempfänger sonst nicht hätte leisten können - und trotzdem gönnte. Also im Prinzip alles.

Weihbischof Georgens ging mit schlechtem Beispiel voran und stellte fest, daß auf seiner eigenen Liste all das stand, womit »Lebensqualität erst beginnt«. Für den pfälzischen Winzersohn »kommt da der Wein natürlich an erster Stelle«.

So wurde etwa die Luxusliste der Familie Appel zu einer buchhalterischen Glanzleistung. In ihrem Armuts-Zeugnis reiht sich die Lebensversicherung mit 100 Mark an die zwei medizinischen Fachbücher für 345 Mark und an den Computerkurs für die drei Ältesten mit 456 Mark.

»Außer Schlafen und Essen ist mit dem regulären Satz nichts möglich«, staunte Hausfrau Monika. Zusammen mit ihrem Mann Dieter, einem Kinderarzt, versuchte sie mit 70 Mark täglich, die vier gemeinsamen Kinder durchzufüttern. Schon in der ersten Woche verjuxte sie an manchen Tagen mehr als das Doppelte. »Schließlich mußte ich auch mal einen Kasten Mineralwasser kaufen«, entschuldigt sich die Hausfrau.

Verzichtet haben die Appels auf kaum eine Annehmlichkeit. Für die Kinder gab es weniger Schokolade und mehr Dosengemüse, weil »der Biobauer einfach zu teuer ist«. Vater Appel hat es »im März auf jeden Fall schlechter geschmeckt«.

Tapfer schluckte er Konservenfutter und Ärger und entschloß sich sogar spontan, den Weg vom Bahnhof bis zum Eigenheim zu Fuß zu bewältigen. Um zu erfahren, »wie Menschen ohne Auto leben«. Fazit des 40minütigen Marsches: Fußgänger werden naß, denn es regnete in Strömen. Soviel Kampfgeist weckte nicht nur Mitleid.

Monika Appel war »ehrlich pikiert«, als die Nachbarsfamilie ihnen ein kleines Körbchen mit Kartoffeln, Möhren und zwei Zwiebeln als Präsent vorbeibrachte. »Pure Ironie«, vermutet sie düster. Aber irgendwie hatte sogar das sein Gutes. Wollte der Weihbischof nicht vor allem die »soziale Verarmung« erlebbar machen?

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