Asiens Airline-Revolution Flotte fliegender Tiger
Bangkok/Bombay - Der indische Brauereikönig Viyay Mallya, 49, hat eine treue Fangemeinde - weltweit. Es sind die Liebhaber scharfer indischer Gerichte, die ein Curry-Huhn gern mit Mallyas hellblondem Getränk hinunterspülen: mit eiskalt serviertem Lagerbier der Marke Kingfisher. Bestens passt dazu das Firmensymbol auf dem Flaschenetikett - ein Eisvogel mit weißem Kragen und blauer Brust.
Bald wird der Vogel von der Bierflasche das Leitwerk einer neuen Flugzeugflotte schmücken. Ihr Name lautet Kingfisher Airlines, und abheben soll sie im Januar des nächsten Jahres mit zwölf Airbus A320.
Bis dahin will Mallya, Besitzer der Brauerei United Breweries im Software-Zentrum Bangalore, auch das letzte kleine Problem gelöst haben: An Bord indischer Verkehrsmaschinen ist der Verkauf von Bier auf Inlandflügen nicht gestattet - wie Alkoholwerbung überhaupt in Indien verboten ist. Mallya umging das Gesetz bisher geschickt mit indirekter Bierwerbung.
"Jeder Inder soll fliegen"
So tragen Modenschauen den Namen Kingfisher. Und Bangalores gesellschaftliches Hauptereignis, das jährliche Pferderennen, heißt: Kingfisher Derby. Ein Gespräch mit dem Luftfahrtminister wegen des Bierbanns in den Flugzeugkabinen ist jedenfalls schon anberaumt. Doch Mallya, der sich die Brauerei-Fluglinie 750 Millionen Dollar kosten lässt, stellt schon jetzt die Kardinalfrage: "Warum soll ich in meinen Flugzeugen kein Bier ausschenken dürfen?"
Mit der Sache muss er sich sputen, denn Kingfisher Airlines ist nicht allein. Mallya hat seine Bierflotte nach dem Vorbild der Billig-Fluggesellschaften gestaltet - und davon drängeln in den nächsten 18 Monaten gleich ein Dutzend in- und ausländischer Anbieter auf den indischen Markt. Denn Indien, der Koloss Südasiens mit einer Milliarde Menschen und 37 Millionenstädten, gilt in der Luftfahrtbranche als Goldader, weil eine aufstrebende Mittelschicht inzwischen auch höhere Mobilitätsansprüche stellt.
Teurer als die Billetts indischer Überland-Busse würden die Flüge aber sein, hat Mallya schon angekündigt, jedenfalls werde er "niemanden bloß für fünf Rupien umherfliegen". Damit war wohl der Konkurrent Air Deccan gemeint, Indiens erste Discounter-Fluggesellschaft, die ebenfalls in der Computer-Metropole Bangalore angesiedelt ist und vor einem Jahr den Betrieb aufnahm.
Teil zwei: Ein Triebswerksfeuer und ein Zusammenstoß mit einem Ochsen
Air Deccan, eine Tochter der größten Helikopter-Charterfirma Indiens, bietet auf der Strecke von Neu-Delhi nach Bombay Tickets an, die gerade mal 500 Rupien (elf US-Dollar) kosten - ein Preisbrecher für Sparsame, die seit Ende August den ersten Airbus A320 der Luftlinie füllen. Zwei weitere Maschinen kommen im Lauf des Septembers noch hinzu.
Air Deccan hatte mit sechs italienisch-französischen Turboprop-Maschinen angefangen und Glück gehabt, dass kurz vor Beginn des Jungfernflugs ein Triebwerksfeuer gelöscht werden konnte. Die Wahl der Propellerveteranen erwies sich gleichwohl als das Richtige, da auf sie in Indien keine Landegebühren entfallen und dank des Spareffekts einer Expansion nichts mehr im Wege stand.
Gorur Gopinath, ehemaliger Flugkapitän und Direktor von Air Deccan, will hoch hinaus. "Unsere Vision ist: Jeder Inder soll fliegen. In einem solchen Land sind die Aussichten phantastisch."
Tickets aus dem Gemischtwarenladen
Das glaubt auch die staatliche Air India, der lange Arm Indiens in den Rest der Welt. Die Mutter des Luftfahrtwesens auf dem Subkontinent, die einen kleinen Maharadscha zum Maskottchen hat, startet Mitte 2005 selber eine Billigfluglinie - mit 14 Boeing 737. Der billige Jakob, Air India Express genannt, soll Ziele in Südostasien und in den Golfstaaten ansteuern, wo ein Heer indischer Gastarbeiter tätig ist.
Auch die Inlandfluggesellschaft Indian Airlines, die vor Jahren eine Boeing beim Zusammenstoß mit einem Ochsen auf der Landepiste der Stadt Hardwar einbüßte, will auf dem Discounter-Markt mitmischen. Zu diesem Zweck soll die Tochter Alliance Air zu einem Billigableger umgemodelt und die Flotte auf Airbusse A319 aufgerüstet werden.
Die Revolution der Billigflieger hat schon panasiatische Ausmaße erreicht. Sie hat Indonesien ergriffen, von wo aus Lion Air Singapur bedient. Sie hat, bei der thailändischen Billiglinie Nok Air, zu einem leicht zugänglichen Distributionssystem geführt: Die Tickets sind selbst in Gemischtwarenläden erhältlich. Und sie zwingt Giganten vom Kaliber der Singapore Airlines, sich auf dem Billigsektor stark zu machen - mit dem Ableger Tiger Airways, auf deren Airbus-Jets ein riesenhafter Tiger im Sprung abgebildet ist. Im November soll die Flotte fliegender Tiger dank der großen Nachfrage um das Dreifache vergrößert werden.
"Goldenes Land"
So groß ist der Billigboom, dass Bangkok dank der Discount-Airlines schon den Großflughafen Hongkong überflügelt hat. Bangkoks zweiter internationaler Flughafen, der Suvarnabhumi-Airport (deutsch: "Goldenes Land"), soll in einem Jahr eröffnet werden. Auch der Stadtstaat Singapur mit seinem Airport Changi ist als Bastion erschüttert worden, weil ein Neuling aus Malaysia vorpreschte: Die Billiglinie Air Asia von Tony Fernandes, 40, der zwei alte Boeing 737 zum symbolischen Preis von 27 Cent erworben hatte. Heute beträgt der Schätzwert seiner Fluggesellschaft eine Milliarde Dollar.
Air Asia fliegt hauptsächlich von Kuala Lumpur aus 100 Destinationen an und schafft es, die Maschinen vom Typ Boeing 737-300 nach der Landung nur 25 Minuten am Boden zu belassen. Nachdem die Crew den Streckenmüll eigenhändig in blauen Plastiksäcken verstaut hat, gehen Familien mit Kindern und Senioren zuerst an Bord.
Schwierigkeiten sind für Fernandes dazu da, mit verblüffenden Lösungen überwunden zu werden. Weil ihm Singapur zunächst keine Landerechte gewährte, etablierte er in der malaysischen Grenzstadt Senai eine zweite Flottenbasis. Innerhalb kurzer Zeit, so das Ergebnis, kam knapp die Hälfte aller Passagiere aus dem nahen Singapur; die protektionistische Aussperrung der Air Asia erwies sich als nutzlos.
Terminal ohne Stühle
In Kuala Lumpur beschwert sich unterdessen die Verwaltung des internationalen Flughafens darüber, dass Air Asia mit seiner schrillen Werbung den Airport in "eine Art Zirkus" verwandle. Man überlegt deshalb, Don Muang, den alten internationalen Flughafen, den Budget-Gesellschaften zu überlassen. Singapur wiederum macht sich daran, ein eigenes, 25.000 Quadratmeter großes Terminal für Billigflieger zu errichten - ohne Lounges, Laufbänder und ohne Bestuhlung an den Gates, dafür aber mit direktem Zugang zu den nur kurz parkenden Jets.
Während Air Asia bei den großen Flugzeugherstellern Interesse an 80 weiteren Maschinen angemeldet hat, versucht die erste private Billiglinie Singapurs, Valuair, mit brandneuen Airbus-A320-Jets dem Widersacher aus Malaysia Paroli zu bieten. Valuair pflegte eine spezielle Klientel mit Einkaufs- und Kulturflügen nach Hongkong: Frauen zwischen 25 und 55 Jahren, die man in Nur-Frauen-Flugzeugen auf die dortige Flughafeninsel Chep Lap Kok ("Kap des Fisches") gebracht hat.
Von Brisbane nach Raratonga
Mit Hongkong taucht auch China auf den Radarschirmen der Billigflieger auf, ein Land mit 43 Millionenstädten. China ist vor allem wegen der Ein-Kind-Politik der Regierung interessant, weil ihretwegen die Ausgaben für Freizeit und Reisen stark ansteigen - in den kommenden zehn Jahren laut Prognosen um jährlich acht bis neun Prozent. Die Staatslinien Air China und China Southern werden denn auch von Preisbrechern wie Fernandes auf das Heftigste hofiert. Ihr Ziel ist es, mit gemeinsamen Billiglinien den allergrößten Markt der Welt zu erschließen.
Von Dezember an fliegt erstmals die Londoner Virgin Atlantic Airways des Pop- und Luftlinienpioniers Richard Branson, 54, nach Hongkong - und weiter nach Sydney, wo Branson die Billiglinie Virgin Blue gegründet hat. Mit ihr beherrscht er inzwischen ein Drittel des australischen Luftverkehrs. So wundersam ist das Wachstum inzwischen auch auf dem Fünften Kontinent, dass Virgin Blue prompt eine weitere Billiglinie flügge macht. Sie heißt Pacific Blue und soll demnächst von Brisbane in die Weiten des Pazifiks fliegen - nach Vanuatu, auf die Fidschi-Inseln, nach Raratonga sowie zu den Cook-Inseln.
In die Gegenrichtung soll die Discounter-Firma Jetstar Asia starten, eine Tochter der großen australischen Qantas. Jetstar fliegt seit Mai dieses Jahres zehn Ziele in Australien an. Doch in der Boomregion scheint nichts unmöglich. Jetstar Asia könnte es noch vor den Mitbewerbern gelingen, über Singapur als Zwischenstation die ganz großen Preise einzuheimsen: Indien und China zusammengenommen. Verhandlungen über Landerechte in den beiden größten Ländern Asiens sind angeblich schon im Gang.