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LEHRSTELLEN Auf eigene Kosten

Eine Schwarzwälder Firma wirbt mit Ausbildungen gegen Bezahlung. Ein Modell für die Zukunft - oder ein Skandal, weil die Notlage Jugendlicher ausgenutzt wird?
Von Britta Buchholz
• aus DER SPIEGEL 9/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Michelle Reiter, 20, sitzt in einem Großraumbüro, vor ihr steht ein Ordner mit Mahnungen. Gewissenhaft schreibt sie Rechnungen, Briefe und Bestellungen.

Die Rechnungen werden nie wirklich beglichen, die Waren nie geliefert. Denn Reiter arbeitet in einer Kulisse - bei einer Übungsfirma, in der sie zur Bürokauffrau qualifiziert wird.

Ihre Eltern zahlen dafür jeden Monat 425 Euro. »Ich bin so froh«, sagt Michelle überschwänglich. »Nur in der Berufsschule war das anfangs blöd, wie die anderen geguckt haben, dass wir Geld bezahlen, während die Lehrgeld bekommen.«

Reiter hat eine zweijährige Odyssee aus Bewerbungen und Praktika hinter sich, jetzt ist sie eine von sechs Jugendlichen, die bei der Winkler-Ausbildungs-GmbH für monatlich 425 bis 500 Euro eine Qualifizierungsmaßnahme machen, die - wenn es nach Winkler geht - am Ende zum Gesellenbrief führt.

Winkler ist damit nach eigener Aussage die erste Firma deutschlandweit, die Jugendliche auf eigene Kosten zum Elektroniker/in, Tischler/in oder Industriekaufmann/frau qualifiziert. Für die Industrie- und Handelskammer (IHK) ist das Etikettenschwindel: »Was Winkler anbietet, ist gar keine Ausbildung, es steht nur Ausbildung drauf«, so Thomas Albiez, Geschäftsführer der zuständigen IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg. Thomas Giessler, Ausbildungsexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes, hält es für einen Skandal.

Die Winkler-Ausbildungs-GmbH im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen bildet seit 1970, damals noch unter der Firmierung Bildungszentrum Turmgasse, aus, weiter und um. Bis vor drei Jahren finanzierte sich die Firma zu 95 Prozent durch die Arbeitsagentur. Besonders aktiv war Winkler in der Ausbildung von benachteiligten Jugendlichen - auf Kosten der Agentur.

Deren Sparmaßnahmen brachten Winkler jedoch selbst in eine Krise. Und auf eine neue Idee: Das Unternehmen interpretierte den 2005 überarbeiteten Paragrafen 43 Absatz 2 des Berufsbildungsgesetzes als eine vermeintliche Marktlücke: Danach können Schüler von Berufsbildungseinrichtungen zu einer Kammerprüfung zugelassen werden, wenn ihr Bildungsgang einer anerkannten Ausbildung entspricht.

Kurzerhand warb Winkler im Sommer mit »350 privaten Ausbildungsplätzen«. Doch nur sechs Selbstzahler, drei in der Metallwerkstatt, drei im Büro, begannen im September 2005 ihren Lehrgang bei Winkler. Ihre Verwandten müssen für eine dreijährige Maßnahme neben den Unterhaltskosten um die 17 000 Euro aufbringen. »Das fällt uns nicht gerade leicht«, sagt Michelles Mutter Sylvia Reiter, »aber Hauptsache, sie hat eine Ausbildung.«

Nutzt hier eine Firma die Notlage der Jugendlichen aus, die vergebens eine reguläre Lehrstelle suchen, wie der DGB-Experte Giessler behauptet? Richtige Betriebe, die im Zweifel besser ausbilden, klagt er, müssten Lehrgeld bezahlen, und hier bekomme eine Bildungseinrichtung dafür Geld.

Winkler-Geschäftsführerin Angela Beyer, 46, weist alle Vorwürfe sanft lächelnd von sich. »Wir sehen das nicht als reine Einnahmequelle, wir sehen vor allem die Verantwortung gegenüber den Jugendlichen«, sagt die gelernte Mathematik- und Physiklehrerin.

Für angehende Kosmetiker, Logopäden oder Physiotherapeuten ist es schon lange normal, ihre Ausbildung an Privatschulen selbst zu bezahlen. In den rund 350 Ausbildungsberufen des dualen Systems war das dagegen bisher undenkbar. Die duale Ausbildung durch Berufsschule und Betriebe ist eine schwer verteidigte Bastion.

Das auch international vielgerühmte Modell leidet allerdings an einem Schönheitsfehler: Trotz des Ausbildungspakts zwischen den Wirtschaftsverbänden und der Regierung stehen nicht genügend Plätze zur Verfügung. 2005 war die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge so niedrig wie noch nie im wiedervereinigten Deutschland.

Ohne Winklers umstrittenes Angebot hätten die Selbstzahler von Villingen-Schwenningen wahrscheinlich gar keine Chance auf eine Ausbildung. Denn sie haben auf dem freien Lehrstellenmarkt lange und vergebens gesucht.

Noch ist allerdings fraglich, ob es für Winklers Selbstzahler überhaupt zur Abschlussprüfung kommen kann. »Wir können erst nach Prüfung des Inhalts der Maßnahme entscheiden, ob die Teilnehmer zur Prüfung zugelassen werden«, sagt IHK-Geschäftsführer Albiez. Zu einer Ausbildung gehörten aber unter anderem ein Ausbildungsvertrag und ein Lehrgehalt - beides gibt es bei Winkler nicht.

In der Werkstatt fräst Dominik Rudolph, 18, derweil Metallteile. »Das wird schon klappen, mit der Prüfung«, sagt Rudolph. Und sowieso: »Noch länger nur bewerben, das hätte ich nicht ausgehalten.« BRITTA BUCHHOLZ

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