»Auf Kosten unserer Kinder« - DER SPIEGEL
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Artikel 56 / 119

»Auf Kosten unserer Kinder«

Der japanische Wirtschaftsexperte Kenichi Ohmae über die Krise des Landes und die Zukunft der Region
• aus DER SPIEGEL 1/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ohmae, 56, war von 1972 bis 1994 Asien-Chef der Unternehmensberatung McKinsey, jetzt führt er in Tokio eine eigene Consulting-Firma. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Die japanischen Aktien haben sich kräftig erholt, die Regierung verkündet gar positive Wachstumszahlen. Hat Ihr Land seine Strukturkrise bereits überstanden?

Ohmae: Nein, das Schlimmste steht uns noch bevor.

SPIEGEL: Wie bitte? Durch die Sanierung des maroden japanischen Bankwesens hat die Regierung doch die Gefahr eines weltweiten Finanz-Crashs abgewendet. Als Folge der Reform bricht das traditionelle Geflecht der japanischen Firmengruppen auf. Sehen Sie darin kein gutes Zeichen?

Ohmae: Zwar hat die Regierung 60 Billionen Yen Steuergelder ausgegeben, um kränkelnde Banken zu retten, die man lieber hätte bankrott gehen lassen sollen. Und sie hat weit über 100 Billionen Yen in die Wirtschaft gepumpt - rechnet man indirekte Maßnahmen hinzu, kommt man sogar auf den doppelten Betrag. Mit ihren Beruhigungsspritzen hält die Regierung aber nur schwache Industrien wie die Bauwirtschaft, den veralteten Einzelhandel und eben das Bankwesen künstlich am Leben - neue Entwicklungen stößt sie nicht an.

SPIEGEL: Aber zumindest verhütet Tokio auf diese Weise, dass größere Konkurse Japan noch tiefer in die Krise reißen - und damit auch die bereits deutlich sichtbaren Reformbemühungen gesünderer Firmen zunichte machen würden.

Ohmae: Japans Regierung vertagt die Strukturprobleme auf Kosten unserer Kinder und Enkel: Langfristig dürfte die Arbeitslosenquote auf zehn Prozent steigen. Um soziale Härten durch weitere öffentliche Projekte abzufedern, verschuldet sich der Staat in immer unverantwortlicherem Maße.

SPIEGEL: Das scheint ausländische Investoren aber nicht zu stören: Sie spekulieren wieder eifrig mit japanischen Aktien und treiben die Kurse in die Höhe.

Ohmae: Die Anleger richten ihre Strategie natürlich danach, wo sie auf kurze Sicht möglichst viel Gewinn machen können: Der Tokioter Nikkei-Index war ja von einst fast 40 000 auf 12 000 Punkte gesunken. Gleichzeitig war der New Yorker Dow-Jones-Index während der Amtszeit von US-Präsident Bill Clinton von 3000 auf 11 000 Punkte geklettert. Daher rechnen die Anleger damit, dass der Nikkei-Index jetzt eher zulegen wird als der Dow-Jones. SPIEGEL: Könnte die zarte Erholung der Börse erneut in sich zusammenkrachen?

Ohmae: Das hängt vor allem von der Entwicklung an der Wall Street ab. Wenn es in New York kracht, kracht es auch in Tokio. Bisher haben die Amerikaner Japan politisch dazu erpresst, ihre Börsen-Hausse zu finanzieren. Rund 4500 Milliarden Mark japanische Spargelder sind in die USA geflossen, weil Japans Notenbank die Leitzinsen auf amerikanischen Druck auf Null drücken musste. Doch falls nach den Präsidentschaftswahlen im November 2000 ein politisches Vakuum in den USA entsteht, könnte die Bank von Japan die Zügel ihrer Kreditpolitik anziehen und möglicherweise einen Crash auslösen.

SPIEGEL: Was muss Japan tun, damit es sich ganz von der Krise erholt?

Ohmae: Japans veraltete, von der Regierung verhätschelte Industrien sind im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr wettbewerbsfähig. Wenn Japan seinen Wohlstand bewahren will, muss es vor allem bei den Informations-Industrien aufholen. In diesem Bereich sind die USA schon 15 Jahre früher gestartet.

SPIEGEL: Warum hat die Hightech-Nation Japan das Internet verschlafen?

Ohmae: Unser größtes Handicap sind mangelnde Englisch-Kenntnisse. Achtzig Prozent der Internet-Kommunikation werden auf Englisch abgewickelt. Zwar lernen japanische Schüler, Shakespeare zu lesen, aber mit modernem Englisch können sie nicht kommunizieren. Hinzu kommt: Unsere Schulen erziehen zu blinder Anpassung. Japan braucht eine Erziehungsreform - aber die könnte noch 20 Jahre dauern.

SPIEGEL: Die so genannte »Japan AG« hat sich über acht Jahre mit Reformen Zeit gelassen. Dagegen gehen einige asiatische Tigerländer seit der Asienkrise mutiger vor: In Südkorea etwa treibt Präsident Kim Dae Jung die Zerschlagung großer Industriekonglomerate - der Chaebols - voran.

Ohmae: Das sehe ich anders: Kim hat leider keine Ahnung von der Wirtschaft seines Landes. Die Koreaner werden es noch bereuen, dass sie die Vorgaben des Weltwährungsfonds (IWF) und der USA so strikt befolgen. Denn die Chaebols erwirtschaften die Hälfte des koreanischen Bruttoinlandsprodukts. Wenn man diese Konglomerate auflöst, bleibt von Korea kaum noch etwas übrig.

SPIEGEL: Im Zuge der Globalisierung müssen die Asiaten sich doch nach westlichen Vorbildern reformieren. Schließlich lockern auch Japans große Industriegruppen ihre festen Verflechtungen.

Ohmae: Ja, aber selbst wenn man Japans Konzerngruppen ganz auflöste, blieben immerhin noch kleinere schlagkräftige, flexiblere Hersteller wie Sony, Honda, Sanyo oder Sharp übrig. Dagegen besitzt Korea nur seine Chaebols, die so gut wie keine eigene Hightech-Forschung betreiben und ihr Zubehör zudem meist aus Japan beziehen. Ich bin mir ganz sicher: Asiatische Länder wie Korea können nicht einfach nach amerikanischen Rezepten genesen. Den USA und dem IWF ging es in Korea vor allem um die Rettung amerikanischer Banken. Sobald die USA dort den letzten Dollar eingetrieben haben, werden sie ihr Interesse an Korea rasch verlieren.

SPIEGEL: Die asiatischen Staaten ziehen neuerdings wieder ausländisches Kapital an. Wo würden Sie denn jetzt investieren?

Ohmae: Sie werden staunen: in den Euro. Wir leben in einer globalen Gesellschaft, und die Europäer haben diese Entwicklung durch ihren Binnenmarkt schon frühzeitig vollzogen. Dagegen brauchen Japan und Korea voraussichtlich noch zehn Jahre, um die Herausforderungen der künftigen grenzenlosen Welt zu meistern. Zwar zeigt sich der Euro zur Zeit noch schwach, aber Länder wie Japan begrüßen grundsätzlich die Alternative zum Dollar. Auch in Asien müssen wir über die Möglichkeit nachdenken, nach Vorbild des Euro eine eigene asiatische Währung zu schaffen.

SPIEGEL: Wie soll das klappen? Können so unterschiedliche Länder wie Japan und China friedlich zusammenarbeiten?

Ohmae: Beim wirtschaftlichen Austausch verkehren wir Asiaten immer weniger als Staaten und immer mehr als Regionen. Nehmen Sie zum Beispiel die chinesische Industrieregion Dalian: Dort arbeiten rund 2500 japanische Betriebe, dort wachsen Japan und China praktisch schon zusammen.

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