PREUSSAG Auf unserer Linie
Von Jimmy und George, Erben des bolivianischen Zinnkönigs Simon Patino, hängt es ab, ob der hannoversche Volks-Aktien-Konzern Preußag in ein riskantes Engagement rutscht.
Die Nachkommen des Minen-Milliardärs nämlich haben es in der Hand, Preußag-Chef Günther Saßmannshausen auf seiner Ende März für gut 60 Millionen Mark übernommenen 28-Prozent-Minderheitsbeteiligung am weltweit operierenden Metall-Konglomerat Patino N. V. sitzen zu lassen.
Das vom niederländischen Den Haag aus gelenkte Patino-Imperium fördert in Kanada Kupfer, Gold und Silber, besitzt in Brasilien ausgedehnte Metall-Schürfrechte und verhüttet Zinnerze in Malaysia, Nigeria und Australien. Zudem ist die stark verschachtelte Gruppe indirekt mit 20 Prozent an Europas größter Kupferschmelze, der Norddeutschen Affinerie in Hamburg, beteiligt.
Der Patino-Deal erschien dem aufs internationale Rohstoffgeschäft versessenen Saßmannshausen attraktiv genug für einen raschen Zugriff. Denn der von George und Jimmys Onkel Antenor beaufsichtigte Rohstoff-Konzern setzte mit 4,1 Milliarden Mark ein Drittel mehr um als Saßmannshausens ganze Preußag-Gruppe und könnte deren Rohstoff-Basis endgültig absichern.
Kollegen des langwüchsigen Niedersachsen allerdings wunderten sich, daß Saßmannshausen die neue Beteiligung ohne sichere Aussicht auf eine spätere Mehrheit erworben hatte. Falls er nämlich beim Zugriff auf weitere Anteile scheitern sollte, würde der Preußag-Chef trotz hohen Einstands nur eine Statistenrolle neben der über Genf, Paris und Panama versprengten Zinn-Dynastie spielen. Das Sagen hätten weiterhin die Manager von Antenor Patinos Gnaden.
Mit Risiken solcher Art hatte Paket-Käufer Saßmannshausen eigentlich Schluß machen wollen, als er vor fünf Jahren die Leitung des von seinem Vorgänger Friedrich Krämer auf Abwege geführten Preußag-Gemischtwarenkonzerns (Metalle, Öl, Kohle, Waggons, Bau) übernommen hatte.
Zunächst hatte der Sanierer den in Verruf geratenen Krämerladen von Überflüssigem befreit. So stieß er branchenfremde Errungenschaften der Krämer-Ära wie die Mundwasser- und Kinderpuderfirma Lingner ("Odol«, »Fissan") an den englischen Beecham-Konzern ab. Dann zog er sich aus dem verlustreichen Aluminium-Geschäft zurück, in das sich Expansionist Krämer zusammen mit dem US-Multikonzern Kaiser eingelassen hatte.
Schließlich ordnete Saßmannshausen die Teilschließung seiner Kohlenzeche im Ibbenbürener Revier an und liquidierte den in Verlustzahlen abgeglittenen Stahlbau der Preußag. Stolz verkündete der Konzernentrümpler schon im vergangenen Jahr seinen 150 000 Volksaktionären: »Wir haben den Laden wieder fest im Griff.«
Nicht nur im Abstoßen, auch im Anschaffen von Unternehmensteilen nämlich zeigte Saßmannshausen einen sicheren Griff. Um seine Traditionssparte Metalle zu verstärken, beteiligte er den schwedischen Erzkonzern Boliden an seiner 1973 errichteten Bleihütte in Nordenham. Die nach der Ölkrise schlagartig hochfahrenden Preise auf den Weltrohstoffmärkten ließen sogar den Einstieg in exotische Erzlagerstätten lukrativ erscheinen.
So kaufte sich Geologe Saßmannshausen Ende letzten Jahres in ein Kupfer-Reservoir auf den Fidschi-lnseln ein. Seit kurzem auch schürfen die Niedersachsen mit Hilfe saudiarabischer Petro-Dollar auf dem Boden des Roten Meeres intensiv nach erzhaltigem Schlamm. Saßmannshausen zu dem »Atlantis« genannten Millionen-Projekt: »Ein beispielloses Vorhaben.« Doch das Schürfen dauert seine Zeit. Deshalb kam es Saßmannshausen gelegen, daß ihm Mitte letzten Jahres die amerikanisch-französische Privatbank Lazard Frères diskret die Verkaufsabsichten der Zinn-Familie Patino andeutete. Der Niedersachse alarmierte seinen Aufsichtsrats-Chef Ludwig Poullain, dessen Westdeutsche Landesbank an der Preußag mit 44 Prozent beteiligt ist. Der Düsseldorfer Großfinanzier riet sofort zu: »Das liegt ganz auf unserer strategischen Linie.«
Die Rechnung der beiden Preußag-Partner: Die von permanenten Öldefiziten gebeutelten Rohstoffländer der Dritten Welt würden im Nordsüd-Dialog schon bald höhere Preise für ihre begehrten Bodenschätze durchsetzen. Von jedem neuen Preisschub wollte die Preußag dann mit profitieren. Saßmannshausen: »Für diesen Augenblick wollen wir gewappnet sein.«
Bei dem Ankauf ihres Patino-Viertels waren Poullain und Saßmannshausen sogar der britischen Lonrho-Gruppe zuvorgekommen, die gerne das gesamte Beteiligungspaket der Patino-Sippe übernommen hätte. Doch beim Feilschen um zusätzliche Anteile tut Saßmannshausen sich nun schwer.
Um Jimmy und George Ortiz-Patino die Hergabe ihrer Anteile schmackhaft zu machen, malte der wortkarge Preußag-Chef den Zinn-Erben die ideale Partner-Rolle seines Konzerns als Abnehmer der Patino-Produkte aus. Saßmannshausen hoffnungsvoll: »Die wollen verkaufen, und wir haben etwas zu bieten.«
Doch Jimmy und George begannen mit dem unter Kaufzwang geratenen Deutschen erst einmal einen hartnäckigen Preispoker, und unversehens bekam Saßmannshausen nun auch Ärger im eigenen Haus: Preußag-Finanzchef Klaus Amedick hielt von der kühnen Rechnung seines Konzern-Chefs wenig. Bei der Abstimmung im Vorstand ging der vor vier Jahren über Ford und VW zur Preußag gestoßene Finanzmann durch demonstrative Stimmenthaltung auf Distanz.
Der Protest des Kassenwarts gegen das Millionen-Investment steigerte sich rasch zum Hauskrach. Am vergangenen Montag verweigerten die 21 Aufsichtsräte ihrem Finanzvorstand die fällige Vertrags-Verlängerung. Der überraschte, allerdings schon seit längerem mit seinem Vorstandsboß verquere Amedick wollte nicht einmal mehr bis zum Ende seiner regulären Vertragszeit im nächsten Februar bleiben, sondern zog sich abrupt zurück.
Konzernchef Saßmannshausen' dem seine Patino-Mehrheit jetzt ferner scheint denn je, spielt das ganze rasch herunter: »Wie in einer Ehe stellt man eben manchmal fest, daß man nicht zusammenpaßt.«