KRUPP Auffällige Termine
Für die Photographen hielt er sich diskret im Hintergrund. Und auch beim offiziellen Empfang, als Krupps Berthold Beitz und Persiens Wirtschaftsminister Huschang Ansari das Geschäft besiegelten, fiel Krupp-Vorstand Henner Geldmacher. 45, kaum auf.
Dabei war der Vorstandsjunior eine entscheidende Figur beim letzten Großgeschäft des Schahs von Persien mit Berthold Beitz von Krupp. Nicht zuletzt dank eines von ihm gefingerten Geschäfts kam der Iran in den Besitz von 25,01 Prozent des Kapitals der Fried. Krupp GmbH, der Essener Traditionskonzern zu einer Finanzspritze von etlichen hundert Millionen Mark.
Nach einem von Krupp geheimgehaltenen Vertrag übernehmen die Essener vom 1. Januar dieses Jahres an von den Persern 4,5 Millionen Tonnen Rohöl -- zum Weiterverkauf an den belgischen Mineralölkonzern Petrofi-
* Vorstandsmitglieder Geldmacher (M. hinten), Lukac (r.) bei der Unterzeichnung des Kaufvertrags, mit dem der Schah 25,01 Prozent der Fried. Krupp GmbH erwarb, am 19. Oktober 1976 in Teheran.
na. Laut offizieller Lesart tauschen die Perser gegen dieses Öl fabrikneue Krupp-Produkte, zum Beispiel Anlagen für ein »riesiges Kupferverarbeitungsprojekt« (Geldmacher), ein.
Diese Version erscheint erfahrenen Experten freilich überaus zweifelhaft. Sie vermuten, daß der in letzter Zeit unter Geldnot leidende Schah mit Öl statt mit Barem seinen Eintritt in die Essener Konzernholding bezahlt. Schon die Zahlen sprechen deutlich dafür: Der Preis, den die Petrofina für die 4,5 Millionen Tonnen Krupp-Öl, fast ein Fünftel ihres jährlichen Rohöl-Bezugs, zahlen muß, entspricht nämlich mit gut 900 Millionen Mark fast haargenau jenen 875 Millionen, die Beitz für seine Krupp-Schachtel in Teheran erlöste.
Auch die Termine sind auffällig synchron: Die Perser dürfen sich mit dem vollen Bezahlen ihrer Krupp-Anteile bis Ende nächsten Jahres Zeit lassen. Und auch das Öl muß erst bis Ende 1978 an die Petrofina geliefert sein.
Internationale Finanzmakler halten es deshalb für nahezu ausgeschlossen, daß die offizielle Darstellung stimmt. Dann nämlich hätte sich Krupp auf ein schwieriges Dreiecksgeschäft eingelassen: Der Iran würde Öl an die Petrofina liefern, die den Kaufpreis in bar an Krupp überweist. Die Essener hätten schließlich Produkte im Wert der Öllieferungen nach Persien zu verschiffen. Bislang allerdings hat Krupp keine Teheraner Aufträge kontrahiert, die an die Größenordnung des öligen Geschäfts heranreichen.
Allzu ansehnliche Vorteile hätte ein solches Geschäft kaum zu bieten. Die belgischen Öl-Einkäufer dürften, wie bei Geschäften dieser Art üblich, den Kruppianern einen Preisabschlag von mindestens drei Prozent abgetrotzt haben.
Derlei Sonderkonditionen hatte zuvor auch der Londoner Luftfahrtkonzern British Aircraft Corporation bereitwillig gewährt, der den Persern ein komplettes Flugabwehr-System baut -- das für die fehlenden Dollar gelieferte Öl fließt direkt zu den Raffinerien der Shell.
Viel hätte nicht gefehlt und der kunstvolle Tauschhandel wäre in letzter Minute geplatzt. Denn wenige Wochen nach Abschluß des diskreten Geschäfts, acht Tage vor Weihnachten, hatte der scheinbar lukrative Sondereinkauf für die Petrofina jeden Reiz verloren. Der Iran erhöhte gemeinsam mit der Mehrzahl der Opec-Länder den Ölpreis um zehn Prozent, Saudi-Arabien schlug lediglich fünf Prozent auf.
Die Petrofina will dennoch den für sie ungünstig gewordenen Handel durchstehen: »Vertragstreue«, gelobt Eberhard Graf von Schwerin, Chef der deutschen Petrofina-Tochter Deutsche Fina, »ist einer unserer obersten Grundsätze.«