Aufschwung 2007 "Die Aussichten sind günstig"
Hamburg - Der kräftige Konjunkturaufschwung in Deutschland, sind sich die Wirtschaftsforschungsinstitute einig, wird im kommenden Jahr nicht abreißen. Wegen günstiger Investitionsbedingungen und des positiven internationalen Umfelds werde die Wirtschaft um 1,9 Prozent wachsen, teilte das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) heute mit. Bislang waren die Forscher von 1,7 Prozent ausgegangen. Für das laufende Jahr gehen sie von 2,5 Prozent aus. Auch das Münchner Ifo-Institut sagt für 2007 ein Plus von 1,9 Prozent voraus, das Kieler IfW sogar eines von 2,1 Prozent. Auch der Bankenverband erhöhte seine Prognose von einem auf bis zu 1,5 Prozent.
"Die Aussichten, dass sich der Aufschwung im neuen Jahr fortsetzt, sind günstig", betonte das RWI. Zwar würden den Verbrauchern durch höhere Steuern und den Abbau von Steuervergünstigungen unter dem Strich fast 20 Milliarden Euro entzogen. "Gleichzeitig sind jedoch die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt." Die Investitionstätigkeit werde durch die gestiegene Kapazitätsauslastung angeregt und durch die nur noch bis Ende 2007 geltenden erhöhten Abschreibungssätze begünstigt. Das internationale Umfeld bleibe zudem günstig.
Nach Angaben des Ifo-Instituts ist die Auslandsnachfrage die treibende Kraft des Booms in Deutschland. Diese habe trotz der diesjährigen kräftigen Aufwertung des Euro gegenüber dem Dollar aufgrund der schwungvollen Weltkonjunktur erneut sehr kräftig zugelegt. Anders als im Vorjahr sei aber auch die Binnenkonjunktur in Schwung gekommen.
Hinzu komme die positive Lage am Arbeitsmarkt. Die Zahl der Arbeitslosen werde sowohl nach RWI-Angaben als auch der Ifo-Prognose zufolge 2007 im Jahresdurchschnitt von knapp 4,5 Millionen in diesem Jahr auf 4,1 Millionen sinken. Dadurch steigen die Zahl der Einkommensbezieher und das verfügbare Einkommen. "Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass der private Konsum sich trotz der erhöhten Steuerbelastung im Verlauf von 2007 belebt", erklärte das RWI. Der Zuwachs dürfte mit 0,3 Prozent allerdings gering bleiben, da wegen der Mehrwertsteuererhöhung viele Käufe auf dieses Jahr vorgezogen würden.
Positiver Effekt durch EU-Osterweiterung
Außerdem profitiert die deutsche Wirtschaft stärker als erwartet von der Osterweiterung der EU. Durch die zunehmende Verflechtung des Handels und der Kapital- und Arbeitsmärkte mit den EU-Beitrittsländern erhöhe sich das Wachstumsniveau innerhalb mehrerer Jahre um etwa einen Prozentpunkt, heißt es in einem Gutachten, das das Bundeswirtschaftsministerium bei führenden Forschungsinstituten in Auftrag gab. Würde Deutschland seine Grenzen für Arbeitnehmer aus den mittel- und osteuropäischen Beitrittsstaaten sofort uneingeschränkt öffnen, fiele der positive Wachstumseffekt sogar noch höher aus, schreiben die Institute auf Basis einer Simulationsrechnung. An der Studie waren das britische Institut Cambridge Econometrics, das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die Münsteraner Gesellschaft für Finanz- und Regionalanalysen (Gefra) und das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) beteiligt.
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet im kommenden Jahr mit bis zu 200.000 neuen Jobs. DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", er teile nicht die Einschätzung von Skeptikern, die wegen der Mehrwertsteuererhöhung einen anhaltenden Konjunktureinbruch befürchten. Zwar werde es wegen der Steuererhöhung Anfang des Jahres eine Konjunkturdelle geben, unter der vor allem Handel und Tourismuswirtschaft leiden würden. Diese Delle werde aber rasch durch die anhaltend gute Weltkonjunktur wettgemacht.
Ein ernsthaftes Konjunkturrisiko sehen die Experten aus den Forschungsinstituten in einem steigenden Preisdruck. Dies gelte vor allem für das kommende halbe Jahr, in dem zahlreiche Tarifverhandlungen anstehen. "Das Zusammentreffen einer besseren Lage am Arbeitsmarkt, guter Gewinne und einer höheren Teuerung kann leicht zu Lohnabschlüssen führen, die beschäftigungspolitisch verfehlt sind", warnt das RWI. Darauf müsste die Europäische Zentralbank (EZB) mit kräftigeren Zinserhöhungen reagieren, die wiederum das Wirtschaftswachstum dämpfen könnten.
Die gute Konjunktur und Steuererhöhungen werden dem RWI zufolge das Staatsdefizit deutlich verringern. Es dürfte 2007 auf 1,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes sinken nach 2,2 im laufenden Jahr.
kaz/Reuters/dpa/dpa-AFX/AFP