Auftakt im Mannesmann-Prozess: Joe Ackermanns Lächel-Offensive - DER SPIEGEL
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Auftakt im Mannesmann-Prozess Joe Ackermanns Lächel-Offensive

Es soll der Wirtschaftsprozess des Jahrzehnts werden, ein großes, grundsätzliches Verfahren. Der erste Verhandlungstag im Mannesmann-Prozess war aber von juristischem Kleinklein geprägt. Nur ein Angeklagter trug eine emotionale Erklärung vor. Die Hauptfigur ließ lieber ihre Mimik sprechen.
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Düsseldorf - Die beiden Angeklagten stehen noch, als alle anderen längst sitzen. "Bitte Platz nehmen", hat der Wachtmeister in Uniform gerade ausgerufen. Klaus Esser und Josef Ackermann aber machen weiter demonstrativ Small Talk in der Mitte des Schwurgerichtssaales L 111.

Der Deutsche-Bank-Chef und der Ex-Boss von Mannesmann haben sich mit den Gesichtern halb nach hinten gedreht - dorthin, wo das Publikum sitzt, weit über 100 Journalisten und Zuhörer im Düsseldorfer Landgericht. Die beiden lächeln. Auffällig viel. Vor allem Ackermann. Er trägt einen Gesichtsausdruck zu Schau, als würde er gleich vor seine Aktionäre bei der Deutschen Bank treten und Rekordprofite verkünden.

Den anderen vier Angeklagten macht es offenbar weniger Spaß, an diesem Morgen um 9 Uhr vor Gericht zu sitzen. Ackermann, Esser, Joachim Funk, Klaus Zwickel - sie sind die Hauptfiguren in einem Gerichtsdrama, das mancherorts schon als spektakulärster Wirtschaftsprozess in der Nachkriegsgeschichte apostrophiert wird. Keine ruhmvolle Rolle, für viele der sechs eher das schmachvolle Ende einer Glanz-Karriere.

Statements voll Selbstbewusstsein

Der Angeklagte Klaus Zwickel etwa, bis 2003 mächtiger Boss der IG Metall, wendet dem Publikum nur seinen Rücken zu. Zwickel sitzt schon. Zwickel spricht mit niemandem. Später wird die Richterin gar die Verlesung der Anklage stoppen und fragen: "Herr Zwickel, geht es Ihnen nicht gut? ... Es sah gerade so aus." Ackermann hatte der Presse vorher sogar noch Statements voll Selbstbewusstsein diktiert. "Hier stehen Menschen angeklagt, die Werte geschaffen haben."

Dabei wirft die Anklage ihnen eher das Gegenteil vor. Die sechs Manager und Aufsichtsräte sollen Vermögen der Mannesmann AG kurz nach deren Übernahme durch Vodafone veruntreut oder bei insgesamt sieben Akten der Untreue geholfen haben. Es geht um 111 Millionen Mark für Prämien und Pensionszahlungen. Rund 60 Millionen davon kassierte Esser. Zu viel Geld, auf rechtswidrige Weise bewilligt, so die Anschuldigung der Staatsanwälte.

Es ist 9.30 Uhr, als die Vorsitzende Richterin der 14. Wirtschaftsstrafkammer endlich den Saal betritt - 30 Minuten später als erwartet. Brigitte Koppenhöfer ist 52, hat aber bisher weit mehr Erfahrung als Jugendrichterin denn in Wirtschaftsprozessen. Hier sitzen ihr die brillantesten und teuersten Advokaten der Nation gegenüber: Veteranen wie der Ackermann-Verteidiger Eberhard Kempf und der Esser-Anwalt Sven Thomas.

Prozess beginnt mit einem Antragsmanöver

Hier und da scheint bei Koppenhöfer denn auch Unsicherheit durch. "Darf ich die Journalisten bitten, den Saal zu verlassen", sagt sie gleich zu Beginn. Ungläubiges Gemurmel. Die Richterin muss präzisieren: "Ich meine Fernsehkameras und Fotografen." Einen Antrag des Verteidigers Kempf versteht Koppenhöfer erst nach Nachfrage. Einmal sagt sie mit gespieltem Witz: "Wer von den Herren Verteidigern möchte jetzt welche Gesetzesrüge erheben?" Koppenhöfer wird wissen, dass die Anwälte mit allen Tricks operieren werden - auch in den nächsten 39 Prozesstagen, die dem heutigen noch folgen sollen.

Das erste Antragsmanöver lässt nicht lange auf sich warten - es beginnt um 9.40 Uhr. Überraschend allenfalls, dass es vom Anwalt der Randfigur Dietmar Droste ausgeht. Droste war früher Personaldirektor bei Mannesmann, protokollierte Sitzungen des Aufsichtsratspräsidiums. Er ist neben Esser der einzige im Sextett, dem nicht mehr schwere Untreue zur Last gelegt wird, sondern nur Beihilfe dazu.

Drostes Advokat wirft den Ermittlern nun vor, den Fakt in ihrer Anklageschrift nicht genügend differenziert dargestellt zu haben. Er beantragt, das Dokument nicht zu verlesen. Damit blitzt er bei Koppenhöfer und ihren Richter-Kollegen ab. Doch der Antrag zwingt das Gericht, die Sitzung zu unterbrechen. Es ist nur die erste von fünf Zwangspausen an diesem Tag der Prozessunterbrechungen, Beratungen, Anträge.

"Zäsur in meinem Leben"

Einen ersten inhaltlichen Höhepunkt wird der Prozess am Donnerstag erleben. Wieder ab 9 Uhr morgens wollen sich die sechs Angeklagten persönlich zum Kern der Anschuldigungen äußern. Dafür blieb am Mittwoch keine Zeit. Spätestens als Klaus Esser ankündigt, er brauche fünf Stunden für seine Rechtfertigung, ist klar: Dieser Punkt sprengt die enge Terminplanung am Tag eins. Für Esser aber ist das Verfahren nicht nur eine Paragraphenschlacht - es ist ein Kreuzzug für seine persönliche Ehrenrettung.

Davon ist am ersten Prozesstag noch wenig zu bemerken. Einzig der Angeklagte Joachim Funk trug eine sehr emotionale Rede vor. Während Zwickel und Ackermann nur kurz ihre Lebensläufe skizzieren, hebt Funk gleich dramatisch an: "Der heutige Tag markiert eine Zäsur in meinem Leben. Von jetzt ab gibt es nur noch ein Davor und Danach." Betont langsam, fast theatralisch sagt Funk: "Das Verfahren wird die Anschuldigungen nicht nur nicht bestätigen, sondern widerlegen."

Dass die Anwälte ihr Geld wert sind, versucht als erster Ackermanns Verteidiger Kempf zu beweisen. Kempf ist ein Mann, der nicht zum Lächeln aufgelegt ist - ganz im Gegensatz zu seinem Mandanten. Kempf kann Sätze mit 40 Wörtern vorlesen, ohne zu stocken. Nun rügt er die Besetzung des Gerichtes. Der Vorwurf: Die 14. Strafkammer sei nicht durch Zufall an den Fall gekommen - Richterin Koppenhöfer habe sich intern im Präsidium ihrer Kollegen quasi freiwillig erklärt, die Sache zu übernehmen.

Gericht weist alle Anträge zurück

Ein schwerer Vorwurf - schreibt das Grundgesetz doch vor, dass Verfahren "blindlings" verteilt werden müssen. In einem akribisch recherchierten, halbstündigen Vortrag erläutert Kempf seine Thesen. Das wirkt so pedantisch, dass Zuschauer mehrfach hörbar kichern. Das Gericht weist Kempfs Anträge samt und sonders zurück. Doch das Ackermann-Team hat schon das erste Argument, mit dem es eine Revision verlangen könnte. In der Verhandlungspause steht Ackermann wieder zum Publikum zugewandt. Er telefoniert am Handy. Auch dabei lächelt er.

Wie einzigartig der Prozess im L 111 ist - das zeigte sich schon um 7.10 Uhr morgens. Im dunklen, kalten Innenhof stehen bereits jetzt 20 Neugierige vor einer Glastür Schlange. Sie wissen, dass die Zahl der Zuschauerplätze im Saal auf 75 begrenzt ist - und wollen auf keinen Fall zu spät kommen.

Ein paar Jurastudenten sind unter den Frühaufstehern - viele aber sind frühere Aktionäre der Mannesmann AG oder Ex-Mitarbeiter. Einer sagt: "Wir müssen endlich zeigen, dass eine Aktiengesellschaft kein Selbstbedienungsladen für Manager ist." Dann fügt er nachdenklich hinzu. "Aber ein Strafverfahren ist das falsche Forum, um das zu klären. Das wäre eigentlich Aufgabe der Hauptversammlung. Leider erfüllt die sie nie."

Keiner will auf einen Schuldspruch wetten

Fast alle hier vor der Tür hoffen auf einen Schuldspruch - aber fast keiner mag daran glauben. "Zwei Millionen Geldstrafe aus der Portokasse, dann wird der Prozess eingestellt - und die Sache ist für die erledigt", glaubt ein anderer Ex-Mannesmann.

Der Small Talk der Angeklagten Ackermann und Esser vor Prozessbeginn währte übrigens nicht lange. Je länger der Auftakt des Verfahrens am Morgen auf sich warten ließ, desto weiter rückten beide voneinander ab. Viel gemeinsam haben beide nicht in diesem Verfahren. Ackermann hofft auf eine schnelle Einstellung und wird wohl notfalls eine Geldstrafe zahlen. Esser will rehabilitiert werden, voll und ganz. Esser hat Zeit.

Als es 9.25 Uhr ist, kurz vor dem Erscheinen der Richterin, stehen Esser und Ackermann schon drei, vier Meter voneinander entfernt. Der Gesprächsstoff scheint den beiden ausgegangen zu sein, sie reden jetzt nur noch mit den eigenen Anwälten. Esser lächelt nicht mehr, er guckt viel hin und her, er sieht angespannt aus. Nur Ackermann stahlt noch immer so, als wäre es ein großer beruflicher Triumph für ihn, dass er heute hier sitzen darf: im Schwurgerichtssaal L 111 auf der Anklagebank.

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