Auftakt in Davos Gipfel der Unsicherheit
Davos - Der Dax stürzt ab, weltweit taumeln die Börsen wie seit dem 11. September nicht mehr, die US-Zentralbank hat gestern den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte heruntergeschraubt: Es ist wohl der richtige Termin, um die wirtschaftlichen Erwartungen und Ängste für 2008 zu formulieren, analysieren, debattieren.
Ab heute treffen sich die Großen der Welt in Davos, es geht um genau diese Themen. Auch die Frage, wie abhängig die Welt noch von dem Wohlergehen der USA ist, wird diskutiert werden.
Forumsgründer Klaus Schwab erhofft sich Lösungsansätze für die Finanzwehen der Welt - am liebsten so effektiv wie im vergangenen Jahr, als in Davos zum Kampf gegen den Klimawandel geblasen wurde. So wird etwas die Rolle des Internationalen Währungsfonds diskutiert werden - der Ruf, die Organisation in ein weltweites Warnsystem umzuwandeln, ist wieder lauter geworden.
Einer, der viel über diese Möglichkeiten sprechen wird, gibt sich allerdings ziemlich nüchtern. "Das wird seit Jahrzehnten gefordert", sagt Marc Uzan, Leiter des "Reinventing Bretton Woods Committee", eines internationalen Thinktanks. "Immer wenn es eine Finanzkrise gibt - in Asien, in Mexiko, in Russland - wird nach einem Warnsystem gerufen." Aber noch immer arbeiteten etwa die Aufsichtsbehörden wie die Bafin meist im nationalen Alleingang. Schon bei der Frage, wie sehr die Wirtschaft der Welt oder in Europa betroffen sein werden, sage jede Notenbank, jede Organisation, etwas anderes. "Und letztlich ist es einfach so: Es ist kaum möglich, solche Finanzkrisen vorherzusagen. Oder Rezessionen."
"Es ist kaum möglich, Finanzkrisen vorherzusagen"
JPMorgan-Oberhaupt James Dimon erklärt auf der Eröffungspressekonferenz: "Das Problem ist so komplex, seit hundert Jahren haben wir alle fünf Jahre eine Finanzkrise. Das können Sie hier nicht so einfach weglösen." Auch der britische frühere Premier Tony Blair glaubt, auf dem Treffen könne über die Kreditkrise diskutiert werden - aber Aktionspläne würden wohl in anderen Bereichen ausgearbeitet werden. PepsiCo-Chefin Indra K. Nooyi mahnt zwar: "Es wäre schade, wenn man nur über die Finanzkrise sprechen würde". Denn sie will sich in Davos um das Thema Wasserknappheit kümmern. Dann aber kommen die Fragen der Journalisten. Es geht fast ausschließlich um Wirtschaft und Finanzmärkte.
Mehr als Klimaschutz oder Terrorismus, über den US-Außenministerin Condoleezza Rice am Nachmittag zur Eröffnung sprechen will, beherrscht das Thema Wirtschaft so schon den Eröffnungscocktail am Vorabend des großen Treffens. Was das Megathema sei dieses Jahr? "Ist doch klar, schauen Sie in die Finanznachrichten", sagt RWE-Chef Jürgen Grossmann. "Das wird alles dominieren", erklärt auch Waldemar Schmidt, dänischer Unternehmer und Buchautor.
Der 2,03-Metermann Grossmann gibt sich im Janker jovial wie man ihn kennt. Die Ereignisse der vergangenen Tage zeigten, "dass viele der Kapitalmarktanleger sehr jung sind. Wenn einer losrennt, laufen alle in die gleiche Richtung." Ob die schwächelnde US-Konjunktur und die Kreditkrise nicht auch Deutschland in mit abwärts reißen könnten? "Die Dax-Werte sind doch immer noch solide. Ich weiß nicht, was sich bei RWE so sehr verändert haben sollte in zwei Tagen, dass der Kurs stark sinken müsste." Er selbst hat jetzt RWE-Aktien im Wert von rund 1,5 Millionen Euro gekauft - um Vertrauen zu signalisieren. "Und ich werde auch keine RWE Papiere verkaufen, so lange ich bei RWE bin."
Trotzdem sagt auch der Energiechef später an der Bar: Die Krise habe mal wieder an ein paar "ökonomische Basisfaktoren" erinnert. "Wir haben abstrus wachsende Finanzströme, die die echten Handelsvolumina um ein Zigfaches übersteigen. Das sind gefährliche Finanzspielereien, wenn man bedenkt, welche Risiken sich da aufbauen."
C.S. Kiang findet am Morgen im Shuttlebus noch sehr viel deutlichere Worte. "Diesmal ist es wirklich schlimm." Er ist Physik-Professor an der Universität in Peking und eigentlich hier, um in Umweltfragen zu diskutieren. Aber auch ihn und seine Landsleute habe das Börsenbeben heftig erschreckt.
Das Schlimmste sei an den asiatischen Börsen noch gar nicht passiert, sagt er, während draußen unbemerkt verschneite Berggipfel vorbeiziehen über denen noch der Mond steht. "Gerade ist Neujahrsfest, da geben die Leute noch mehr Geld aus, auch an den Finanzmärkten", sagt er. "Danach tagt der Volkskongress", da werde die chinesische Regierung sicher versuchen, die Lage stabil zu halten. "Aber ich bin überzeugt: Ab April geht es an den chinesischen Börsen noch stärker abwärts." Dann werde sich zeigen, wie schlimm die Probleme wirklich sind.
Hoffen auf effektive Lösungen
"Für die chinesische Wirtschaft ist das vielleicht eine Chance", fügt er hinzu. Vielleicht gelinge es endlich, die überhitzte Wirtschaft zu stabilisieren. Aber niemand könne vorhersagen, wie gut oder schlecht die Regierung die Krise managt. "Wenn Sie an ein zweistelliges Wirtschaftswachstum gewöhnt sind ", murmelt er noch vor dem Aussteigen, ohne den Satz zu vollenden.