Auktion: Bei BenQ auf der Reste-Rampe - DER SPIEGEL
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Auktion Bei BenQ auf der Reste-Rampe

Auf dem Werksgelände des insolventen Handy-Herstellers BenQ hat die Versteigerung des Inventars begonnen. Schnäppchenjäger und Profis reißen sich um Messgeräte, Computer und Schreibtische - und Mutige bieten sogar 700 Euro für ein Überraschungspaket.
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Kamp-Lintfort - Der Mann könnte auch ein Telefonbuch vorlesen und die Zuhörer in Atem halten, als wäre es ein Krimi. "Zwei Akkuschrauber Makita, jeweils mit zwei 12-Volt-Akkus und einem Ladegerät im Kunststoffkoffer" ruft er in die Runde. "Sehen gut aus". Dann steigert er den Preis vom Mindestgebot an in Zehnerschritten, bis nur noch einer der Bieterkarten in die Luft gehalten wird. "130 Euro zum ersten, zum zweiten - Sie haben die Zuschlag, viel Freude damit."

Jan Bröker hat noch ein großes Pensum an diesem Tag. Der Auktionator des Hamburger Auktionshauses Dechow versteigert heute das BenQ-Mobile-Inventar. Rund 3000 Positionen, von der überdimensionalen Zimmerpflanze bis hin zum hochspeziellen Messgerät kommen in den nächsten drei Tagen auf dem ehemaligen Werksgelände des Handyherstellers unter den Hammer. Im September vergangenen Jahres hatte der taiwanesische Mutterkonzern der deutschen Tochter den Geldhahn zugedreht, die frühere Siemens-Handysparte hatte daraufhin Insolvenz müssen. Jetzt gilt es, alles Verwertbare zu Geld zu machen, um davon die Ansprüche der Gläubiger zu bedienen.

Bei Position 30 - der Katalognummer 4135 - ist Bröker zum "Du" übergegangen. "Neun Desktop PCs Siemens mit Intel Pentium der zweiten und dritten Generation - wer kann damit was anfangen?", ermuntert er die Bieter. "50 Euro? Kommt Leute - ein bisschen mehr darf es schon sein". Zwei Bieterkarten gehen hoch. Sofort beginnt Bröker mit seinem Stakkato: 60, 70, 80 . . . - und gelangt bis 110 Euro. Ein leises Raunen geht durch die Halle. "Jetzt bezahlt man schon, um Elektronikschrott zu kaufen", spottet ein Zuschauer leise.

Es sei ganz gut gelaufen, beschreibt Bröker später die Szene aus seiner Sicht. Bei den billigeren Posten werde bisweilen schon mal über Wert geboten, wenn die Stimmung gut sei. Speziell die Privatleute trieben dann im Einzelfall die Preise hoch. Die Gebote für die teuren Hightech-Maschinen hingegen würden sorgfältiger kalkuliert.

Die Bieter lassen sich grob in drei Klassen einteilen: Privatleute, die auf ein Schnäppchen aus sind, Händler, die für große Posten bieten - und kleine Firmen, die Einrichtungsgegenstände und Equipment suchen. Zu ihnen gehört Jochen von Bloh, der mit einem Geschäftspartner zusammen ein Ingenieurbüro in Aachen führt. "Wir suchen ein paar Schreibtische und vor allem Ausrüstung zur Fertigung von Elektronikbauteilen", erzählt er. Bislang nutzte die Firma, die sich auf elektronische Stromregler spezialisiert hat, einen 30 Quadratmeter großen Raum auf dem Campus der RWTH Aachen. "In Kürze erweitern wir erstmal auf 120 Quadratmeter und im nächsten Jahr werden wir wohl umziehen", beschreibt von Bloh seine Pläne. Drei Mitarbeiter hat er bereits eingestellt, mindestens zwei sollen demnächst hinzukommen.

Preisniveau für einige Bieter zu hoch

Bröker ist inzwischen bei Posten 4145 angekommen: "Zwei Handarbeits-Werkzeugwagen, mit Auszügen und diversen Handarbeitswerkzeugen", kündigte er an. Hinter ihm auf der großen Leinwand erscheint ein Messgerät im Bild. Gelächter. Doch der Auktionator ist an diesem Tag nicht angetreten, um Inventarlisten abzugleichen, er will verkaufen. "Ok", ruft er ohne eine Spur der Verunsicherung in die Runde". "Entweder ist die Nummer falsch, oder das Foto - wer bietet trotzdem?" Das Auditorium zögert. Doch bei einem Startgebot von 100 Euro kann man eigentlich keinen Fehler machen. Drei, vier, fünf Karten schnellen in die Höhe. "110, 120, 130 . . .", zählt Bröker und gibt dann seinen Kunden etwas Zeit zum Nachdenken. "Ich weiß wirklich nicht, was es ist. Vielleicht bekommt Ihr ja einen Werkzeugwagen mit Oszillator, wer weiß". Gelächter. "250, 300, 350 . . ." Die Scheu der Bieter ist verflogen. Am Ende streicht Bröker 700 Euro für sein Überraschungspaket ein.

"Das war wirklich neu" erzählt er später. "Umso mehr freue ich mich natürlich über das Ergebnis". Aber ob Oszillator oder Werkstattwagen, in beiden Fällen gehe der Preis auch für die Käufer in Ordnung.

Für einige Bieter ist das Preisniveau allerdings eindeutig zu hoch. "Ich hatte auf eine günstige Gelegenheit gehofft", sagt einer am Rande der Versteigerung. "Aber das hier ist ja irre". Der Techniker will den Sprung in die Selbständigkeit wagen und deshalb seinen Namen nicht nennen. "Ich habe mir ein paar Tage Urlaub genommen. Mal sehen, ob noch das eine oder andere abfällt". Der Mittdreißiger will Halbleiterprodukte fertigen - zunächst einmal als Ein-Mann-Betrieb, "wenn's gut läuft mit einigen Angestellten". So betrachtet ist die BenQ-Auflösung wenigstens noch zu etwas gut: Die Trümmer des Großkonzerns führen zu neuen Arbeitsplätzen in jungen aufstrebenden Betrieben.

Derweil hat Bröker einen größeren Posten Stühle versteigert - die Sitzreihen, die den Käufern in diesen Tagen Platz bieten. Die erste Charge von 100 Stühlen geht für 150 Euro weg, die zweite - 150 Stück mit bunt gebeiztem Holz - bringt sogar knapp 300 Euro. Etwa später ist ein Posten Schuhe an der Reihe: "Überwiegend Fabr. Canetta in unterschiedl. Ausführungen und Größen", wie es im Prospekt heißt. "Gebraucht oder neu?", fragt laut ein Bieter. Gelächter. Bröker zögert: "Ich will jetzt nichts versprechen, was ich nicht halten kann. Sagen wir mal: viele davon sind neu". Das ist den Bietern dann doch zu vage. "100 Euro", ruft einer und bietet damit die Hälfte des von Bröker festgelegten Mindestgebots. "Also gut", erwidert der. Sofort gehen mehrere Karten in die Höhe. "110, 120, 130 . . ." Timing und Rhythmus stimmen. Am Ende fällt der Hammer bei 220 Euro.

"Wenigstens eine gute Show"

Bei den Blechspinden muss allerdings selbst Bröker passen. Kein Wunder, bei mehr als 40 Einzelposten, die zu Gebinden von jeweils 12 bis 15 Schränken zusammengefasst sind. Nach dem zehnten Aufruf erlahmt das Interesse. Bröker gibt sich geschlagen: "Dann komme ich eben morgen darauf zurück. Ihr könnt derweil ja überlegen, wer noch so einen hübschen grünen Spind gebrauchen könnte." Mit solchen Durststrecken im Verlauf einer Versteigerung hat Bröker Erfahrung. Lieber lässt er in solchen Fällen einige Angebote aus, als die Besucher zu langweilen. "Wenn die Runde einschläft, wird es schwer".

Aus diesem Grunde hakt der Auktionator die Posten, die auch die Privatleute interessieren könnten, am Vormittag ab. Später folgen die Artikel für die Profis. Da geht es dann gleich um höhere Summen. Darauf hat auch Markus Hermsen gewartet, der extra aus der Gegend um München angereist ist, um Messelektronik und andere Ausrüstungen für die Firma zu kaufen, für die er arbeitet. Der Vormittag war für ihn reines Unterhaltungsprogramm. "Wer hier nichts kauft, hat wenigstens eine gute Show geboten bekommen", witzelt er.

Allerdings hofft Hermsen, dass sich das Preisniveau wieder auf ein reelles Niveau reduziert. "Die Abschläge müssen deutlich größer sein, damit sich die Anschaffung lohnt." Gegenüber seinen Mitbietern besitzt der Ingenieur allerdings einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Er kennt das Equipment ziemlich gut - schließlich war er einmal bei BenQ angestellt.