Post Aus dem Dreck
An seinen feierlichen Auftritt im noblen Bonner Maritim-Hotel vor eineinhalb Jahren erinnert sich Klaus Zumwinkel gern. Der Postchef hatte die Spitzen der deutschen Wirtschaft geladen, um ihnen zu verkünden, daß der muffige Staatskonzern nur fünf Jahre nach seinem Amtsantritt ein junges, modernes und profitables Unternehmen geworden sei.
Zum Beleg hatte der ehemalige McKinsey-Berater eindrucksvolle Zahlen und Fakten parat: Der Umsatz sei in den vergangenen fünf Jahren um 44 Prozent auf 28 Milliarden Mark geklettert. Die schwierige Integration der DDR-Post sei gelungen, und in den Bereichen Paket- und Briefdienst habe er wichtige Sanierungsprogramme auf den Weg gebracht.
Zum erstenmal, feierte sich Zumwinkel, erwirtschafte die Post einen Gewinn - beste Voraussetzungen für den 1998 geplanten Börsengang.
Der Manager aus der Privatwirtschaft, der angetreten war, den Staatsbetrieb zu sanieren, hatte zu früh gejubelt: Sein Sanierungskonzept greift nicht. Schon wird in Bonn über den Rücktritt des einstigen Hoffnungsträgers spekuliert.
»Völliger Quatsch«, dementiert der Postchef erregt. Die Situation sei ernst, das räumt er ein. Doch Zumwinkel will kämpfen.
Der Kampf, soviel steht fest, wird hart. Erst vor wenigen Wochen mußte Zumwinkel dem Aufsichtsrat gestehen, daß sein ehrgeizigstes Vorhaben gescheitert ist: das Frachtpostkonzept.
Rund vier Milliarden Mark hatte der Manager in den Aufbau des Vorzeigeprojekts investiert. In Rekordzeit wurden in ganz Deutschland 33 hochmoderne Frachtpostzentren aufgebaut - technisch vom Allerfeinsten.
Doch sie sind viel zu groß geraten. Besonders im Osten der Republik stehen die Bänder immer häufiger still.
Die Folge der eklatanten Fehlplanung: Allein im vergangenen Jahr verbuchte die Post im Frachtpostsektor den gigantischen Verlust von rund 1,9 Milliarden Mark. Noch im April hatte die Post von einer wesentlich geringeren Summe gesprochen und dies mit dem Doppelbetrieb der Anlagen während der Umstellphase begründet.
Nun will Zumwinkel, so steht es in einer Vorlage für den Aufsichtsrat, in einer Radikalkur die Kosten um gut 20 Prozent senken und den Umsatz gleichzeitig um 10 bis 15 Prozent steigern. Wie er das auf dem hartumkämpften Markt der Paketzusteller schaffen will, bleibt sein Geheimnis.
Doch selbst wenn der kühne Plan aufgeht, wird die Post im Paketdienst noch über Jahre hinweg Verluste machen. Rund 1,4 Milliarden Mark, heißt es in dem Aufsichtsratspapier, werden es in diesem Jahr sein, bis zu 950 Millionen Mark 1997. Gewinne, so die Rechnung, werden selbst bei optimalem Verlauf erst im neuen Jahrtausend erwirtschaftet.
Zumwinkel gibt sich dennoch optimistisch: »Ich bin sicher, wir können da umsteuern.« Insgesamt 80 seiner besten Leute seien angesetzt, »den Karren aus dem Dreck« zu ziehen.
Die Sanierung des Paketdienstes sollte eigentlich die Meisterleistung des ehrgeizigen Postchefs werden. Mit seinem Frachtkonzept wollte er beweisen, daß der Staatsbetrieb im Wettbewerb mit den privaten Konkurrenten bestehen kann.
Im Gegensatz zum Briefverkehr wurde das Postmonopol bei der Fracht schon vor Jahren freigegeben. Seither haben Zusteller wie UPS (United Parcel Service) oder DPD (Deutscher Paket Dienst) einen großen Teil des Marktes erobert. Wichtige Großkunden wie Versandhäuser hat die Post schon verloren.
Ähnliche Zustände drohen Zumwinkel demnächst auch im Briefgeschäft. Schon im Frühjahr nächsten Jahres will Postminister Wolfgang Bötsch ein neues Gesetz vorlegen. Zug um Zug, so der Plan, soll spätestens bis zum Jahr 2002 auch der letzte geschützte Monopolbereich fallen.
Schon jetzt setzen - trotz des Monopols - private Firmen dem Postchef auch im Briefverkehr zu: die sogenannten Remailer. Per Datenleitung versenden sie die Post deutscher Großkonzerne nach Dänemark, Holland oder England, wo sie dann ausgedruckt, kuvertiert und - zu wesentlich günstigeren Tarifen - nach Deutschland zurückgeschickt wird. »Fast alle Großbanken und Versicherungen«, so der auf Postfälle spezialisierte Anwalt Ralf Wojtec aus Hamburg, »versenden ihre Briefe auf diesem Weg und sparen Millionen.« Die Post dagegen, klagt Zumwinkel, verliert Milliarden.
Vergebens forderte Zumwinkel vom Postminister, die Verletzung des Monopols gesetzlich zu untersagen. Den freien Handel von Waren und Dienstleistungen in der EU wegen eines überkommenen Postmonopols in Frage zu stellen, paßt nicht ins Freihandelsweltbild des CSU-Mannes.
Daß Bötsch dem Staatsunternehmen auch in anderen Fragen nicht mehr bedingungslos den Rücken freihält, ist für den Postchef eine neue und zugleich schmerzliche Erfahrung. Schon vor Wochen hatte sich der Postminister bei der von Zumwinkel angekündigten Portoerhöhung quergelegt. Die Beamten im Ministerium hegten den Verdacht der Quersubventionierung. Die Bilanz, die Zumwinkel in zwei Wochen präsentieren will, wurde Gegenstand langwieriger Diskussionen.
Sogar die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft C & L Treuhand-Vereinigung, die das Zahlenwerk der Post erstellt, sollte ausgetauscht werden. Erst im Vier-Augen-Gespräch mit Bötsch konnte der Postchef diese Forderung abwenden. Die Glaubwürdigkeit des Unternehmens, warnte er eindringlich, sei dann endgültig dahin. Bötsch lenkte ein. Neue Wirtschaftsprüfer soll es nun erst im nächsten Jahr geben.
Bei der Portoerhöhung blieb der Minister hingegen hart: In der Sitzung des Regulierungsrates im September wird das Thema nicht behandelt. Zwar will auch Bötsch die neuen Tarife möglichst noch in diesem Jahr genehmigen, jedoch nur, wenn sichergestellt ist, daß mit den Mehreinnahmen im Monopolbereich nicht die hohen Verluste im Wettbewerbsbereich Fracht subventioniert werden.
Noch schmerzlicher ist für Zumwinkel die politische Niederlage im Streit um die Postbank. Monatelang hatte er verbissen gekämpft, um einen Anteil von 40 Prozent an der Bank zu übernehmen. Der Grund für die Anstrengung: Die Postschalter sollten besser ausgelastet werden. Die Schalterkosten in Höhe von rund 4,5 Milliarden Mark, klagt Zumwinkel, seien nur zur Hälfte gedeckt.
Mit der geplanten Mehrheitsbeteiligung an der Postbank sollte sich das entscheidend ändern. Neue Finanzdienstleistungen wie Bausparverträge und Versicherungen, so der Plan, sollte das ehemalige Schwesterunternehmen unter Postregie demnächst am Schalter anbieten.
Doch nicht nur die Bank, auch die FDP sperrt sich. Nun darf die Post nur 25 Prozent bis 1999 erwerben. »Die Schließung zahlreicher Filialen«, sagt Zumwinkel, »ist damit programmiert.« Der Verkauf von Lebensmitteln, den die Post jetzt an ihren Schaltern forcieren will, wird daran wenig ändern.
Dennoch glaubt Zumwinkel, daß die Situation der Post schlimmer aussieht, als sie tatsächlich ist. Immerhin weise die Bilanz, die er in zwei Wochen vorlegen will, in der normalen Geschäftstätigkeit einen Gewinn von 364 Millionen Mark aus. Nach Abführung der Sonderabgabe an den Bund, die das Staatsunternehmen statt Steuern bezahlen muß, entstehe damit ein Minus von »lediglich 1,15 Milliarden Mark«.
Zumwinkel hat weiter große Pläne. 1,8 Milliarden Mark will der Manager jährlich von 1998 an einsparen. Dann sollen - ähnlich wie schon bei der Frachtpost - 83 vollautomatisierte Briefzentren ihren Betrieb aufnehmen, die zur Zeit für rund vier Milliarden Mark überall in Deutschland errichtet werden. Das gebe, so Zumwinkel optimistisch, noch einmal einen richtigen Schub für den geplanten Börsengang.
Auf einen festen Zeitpunkt für dieses Ereignis will sich der Postchef allerdings noch nicht festlegen. »Ich denke, wir werden es bis Ende der neunziger Jahre schaffen.«
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Ergebnis der Post AG in Millionen Mark
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