Aus dem Hut - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 24 / 77

MANAGER Aus dem Hut

Politiker, Bankiers und Gewerkschafter suchen einen Vorstandschef für Arbed Saarstahl. *
• aus DER SPIEGEL 31/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Firma zählt zu den großen bundesdeutschen Unternehmen. Zwei Milliarden Mark setzte sie im vorigen Jahr um, 15 000 Menschen beschäftigt sie derzeit. Ein solches Unternehmen zu führen, sollte man meinen, müßte für manchen Manager lohnend erscheinen.

Doch die meisten, denen in den letzten Wochen der Chef-Posten bei der Arbed Saarstahl GmbH angetragen wurde, schlugen die Offerte aus. Die Suche nach einem Vorstandsvorsitzenden weitet sich allmählich zu einer Management-Groteske aus.

Ein leichter Job, gewiß, ist da nicht zu vergeben. Seit einigen Jahren schliddert das Völklinger Unternehmen an der Zahlungsunfähigkeit entlang. Stets wird Arbed Saarstahl im letzten Augenblick von neuen öffentlichen Hilfsmillionen gerettet, weil ein Konkurs das Saarland endgültig zum bundesdeutschen Entwicklungsland degradieren würde.

Die Stahl-Firma gehört inzwischen nur noch formal dem Luxemburger Arbed-Konzern. Die vielen Staatskredite machten sie de facto zu einem deutschen Staats-Unternehmen.

Entnervt von den endlosen Existenzkämpfen hatte der glücklose und herzkranke Saarstahl-Chef Juergen Krackow, 61, vor einigen Wochen um die schnelle Auflösung seines Vertrags gebeten. Sogleich sahen sich Politiker und Beamte, Bankiers und Gewerkschafter zur Personalvermittlung berufen.

Als erster glaubte der Saarbrücker Ministerpräsident Werner Zeyer handeln zu müssen. Der Christdemokrat, der auch unter den eigenen Parteifreunden als Fehlbesetzung gilt, hat im nächsten Jahr Wahlen zu bestehen und wollte mal Tatkraft zeigen.

Ohne sich mit dem Aufsichtsratspräsidium des Stahlunternehmens abzusprechen, wandte Zeyer sich an Wolfgang Laaf, Chef der Stahlwerke Buderus. Dessen Firma ist vom bisherigen Inhaber Friedrich Karl Flick gerade an die BHF-Bank verkauft worden. Laaf, spekulierte der Saarbrücker Regierungschef, könnte deshalb an einem Stellungswechsel Interesse zeigen.

Doch Zeyer holte sich einen Korb. Der Edelstahlmann will erst einmal abwarten, an wen die Bank das geparkte Aktienpaket weiterreicht.

Als nächste fühlten sich Bonner Ministerialbeamte berufen, den rechten Mann für Arbed zu suchen. Ihnen schien Peter Jungen für die Arbeitsstelle an der Saar geeignet.

Der Vorstandsvorsitzende bei der Kölner PHB Weserhütte, ein aktiver CDU-Mann, hatte in jahrelanger Kleinarbeit die Maschinenbau- und Anlagenbaufirma in die schwarzen Zahlen gebracht. So einer, dachten die Beamten, sei der Beste für die Wende bei Arbed.

Doch Peter Jungen zeigte nicht die geringste Neigung, vom munteren Köln ins finstere Völklingen umzuziehen. Dabei mag auch noch eine Rolle gespielt haben, daß ihn sein Mehrheitsaktionär Otto Wolff von Amerongen flugs beförderte: Neben seinem Job als PHB-Chef erhielt Jungen nun auch noch einen Vorstandsposten in Wolffs Firmengruppe, der Otto Wolff AG.

Die Suche ging weiter. Nachdem den Politikern und den Beamten so wenig Glück beschieden war, glaubten sich die Bankiers im Arbed-Saarstahl-Aufsichtsrat gefordert. Schließlich haben sie bei der saarländischen Hütte einige hundert Millionen zu verlieren.

Die Geldmanager brachten den Namen Peter Rohde ins Spiel. Rohde, der mal bei den Saarbergwerken gearbeitet hat, sitzt heute im Vorstand der Ruhrkohle AG. Und da, so stellte sich bald heraus, will er auch bleiben.

Unterdessen telephonierte auch Günter Vogelsang, Berufsaufsichtsrat im Auftrag der Deutschen Bank und Mitglied des Arbed-Aufsichtsrats, herum. Vogelsang fragte zunächst den im Frühjahr nächsten Jahres bei der Ruhrkohle ausscheidenden Vorstandschef Karlheinz Bund. Dann sprach er mit Peter Adams, der sich im Februar aus

dem Vorstand der bundeseigenen Stahlwerke Peine-Salzgitter verabschiedet hatte.

Adams zeigte Interesse. Doch Vogelsangs Mann, den die Gewerkschaften akzeptiert hätten, kam bei Zeyer nicht an. Der Regierungschef erinnerte sich, daß der Manager nach einem Zwist mit dem Bonner Eigentümer über den Kurs von Peine-Salzgitter ausgeschieden war. So ein Mann schien ungeeignet, in Bonn weitere Subventions-Millionen für die Völklinger Hütte einzusammeln.

»Das Gedränge unter den Managern, an die Saar zu wechseln, ist wahrlich nicht groß«, erkannte schließlich Rudolf Judith. Der IG-Metaller ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei Arbed Saarstahl. Auch Judith war - wer Posten zu vergeben hat, ist schließlich ein wichtiger Mann - nicht untätig geblieben. Er verhandelte mit Wolfgang Bernhardt, dem früheren Generalbevollmächtigten der inzwischen liquidierten Korf-Gruppe. Der ehemalige Korf-Manager, der gegenwärtig dem Dresdner-Bank-Chef Hans Friderichs als Berater dient, hatte schon hohe Ämter bei Salzgitter und Krupp ausgeschlagen.

Allenfalls »für ein Jahr« und »als Nothelfer«, so Bernhardt, wollte er sich zur Verfügung stellen. Doch das war dem Anwerber Judith nicht recht. Eine so kurze Arbeitszeit brächte nur weitere Verunsicherung, meinte Judith. »Was wir brauchen«, so der Gewerkschafter, »ist ein Kopf, der auf viele Jahre hin die Mannschaft mitreißt.«

Gesucht wird ein Multi-Talent. Der neue Spitzenmann an der Saar, das hat der bisherige Amtsinhaber Krackow erfahren, kann sich nicht allein auf die Kärrnerarbeit im Konzern konzentrieren. Er muß auch um Ausgleich der verschiedenen Interessen von Eigentümern, Gewerkschaftern und Politikern bemüht sein. Kein Platz also, wo schnelle Meriten zu erwerben sind.

Einige der Kandidaten hätten die harte Arbeit und den Ärger wohl noch in Kauf genommen. So zahlreich sind die verfügbaren Chefposten in der Industrie schließlich nicht mehr. Der karge Lohn aber schreckte alle.

Juergen Krackow, der in Völklingen zehn Jahre ausharrte und zuletzt auf ein Viertel seiner Bezüge verzichtete, zählt beim Geld zum Schlußlicht unter Deutschlands Stahlbossen. Er verdient weniger als eine halbe Million Mark; in der Gilde der Firmenlenker, wo man erst oberhalb einer halben Million zur Spitze zählt, ist das allzu dürftig.

Die Bezahlung wird jetzt aufgebessert. Selbst Gewerkschafter Judith ist dafür. Der nächstbeste Kandidat soll mit einem weit höheren Salär gelockt werden: Bis zur nächsten Ratssitzung am 28. September, da ist sich Judith sicher, »ziehen wir einen aus dem Hut«.

Zur Ausgabe
Artikel 24 / 77