BÖRSE Aus dem Keller
Kältegrade, wie sie seit 1967 nicht mehr registriert wurden«, erwartet das Düsseldorfer Privatbankhaus Trinkaus & Burkhardt in der Wirtschaftssaison 1972. »Frostschäden müssen ohne Zweifel prognostiziert werden.«
Doch der Kälteeinbruch, den das renommierte Kreditinstitut den westdeutschen Unternehmen voraussagt, schafft auch erfreuliche Aussichten: für die Börse. Den Aktienmärkten prophezeit Trinkaus: »Eine allmähliche Erwärmung zeichnet sich ab.«
Auch andere Geldleute sehen trotz ungünstiger Konjunktur ein Ende des seit über zwei Jahren anhaltenden Kursabschwungs an der Börse voraus. Der Vorstandssprecher der Commerzbank, Paul Lichtenberg, ist ganz sicher: »ich rechne damit, daß das durchschnittliche Kursniveau am Ende des Jahres 1972 höher liegt als an der Jahreswende 1971/72.« Die Deutsche Bank meinte, die Aktiensaison 1972 könnte »möglicherweise ein interessantes Börsen jahr werden«.
Ähnlich optimistische Töne haben jene rund 5,1 Millionen Bundesbürger, die bei den Banken ein Wertpapier-Depot unterhalten, schon lange nicht mehr vernommen. Denn seit Herbst 1969 sind die Kurse in mehreren Phasen gefallen. In diesem Zeitraum sank der Börsenwert aller an den Wertpapiermärkten handelsfähigen Aktien um 31 Milliarden Mark: von 125 auf 94 Milliarden.
Von seinem höchsten Stand kurz vor Jahresende 1969 rutschte der Aktienindex der Commerzbank, in dem 60 repräsentative Papiere zusammengefaßt sind, von 921 (1953 = 100) auf 666,2 Punkte ab. Verlust: 28 Prozent.
Bei vielen breitgestreuten Standard-Aktien war die Vermögenseinbuße sogar noch höher. Die Anteile des Chemiekonzerns BASF, die im Juni 1969 noch mit 263,50 Mark notiert wurden, waren am vergangenen Freitag fast nur noch die Hälfte wert: 141,50 Mark je 50-Mark-Aktie. In der gleichen Zeit fielen auch die Kurse des Chemietrusts Hoechst von 303 auf 152,50. Papiere des Elektrokonzerns Siemens waren den Börsianern Anfang 1969 noch 311,80 Mark wert, jetzt nur noch 209.
Auch VW, von dessen 900-Millionen-Kapital eine Million Volksaktionäre 60 Prozent halten, tat einen tiefen Fall. Die Kurse stürzten von der Höchstmarke im Juni 1969 -- 300 Mark je Aktie -- auf 137,50 am vergangenen Freitag. Der Volksaktien-Konzern Preussag (170 000 Kleinaktionäre) glitt vom Höchstkurs 285,90 Mitte November 1969 auf 115,20 abwärts. Selbst die Großbanken, die wie die Schnapshersteller gegen die Wechselfälle der Konjunktur wenig empfindlich sind, verloren an den Börsen bis zu 33 Prozent ihres Kurswertes.
Das Ende dieser Reise durch den Börsenkeller aber sehen viele Analysten jetzt voraus, zu einem Zeitpunkt, da die Konjunkturexperten trübsinnig in die Zukunft schauen. Schrieb die Trinkaus-Bank: »Paradoxerweise hängt dieser zugegebenermaßen noch verhaltene -- Optimismus gerade mit der verstärkten Abkühlung des Konjunkturklimas zusammen. Denn die Chancen auf eine stabilere Kosten- und Preisentwicklung wachsen mit dem Rückgang der Beschäftigung:« Angesichts der langsamer steigenden Löhne und Industriepreise gewinne die »Erwartung an Gewicht. daß die Gewinnerosion bei den Unternehmen langsam zum Stillstand kommt«.
Die Münchner Wertpapier-Analysten der Portfolio-Management GmbH ziehen gute Hoffnung aus den Kurskurven (Charts). deren Verlauf sie messen wie der Kardiologe die Herzschläge des Patienten. Bei der Analyse der Kurschancen errechnen sie unter anderem jenen Kurstrend, den ein Papier oder die gesamte Börse während der vergangenen 200 Tage genommen hat, Dabei stellten sie fest, daß der Index der Börsenkurse nach zunächst anhaltendem Sinkflug am Ende der 200-Tage-Frist sich von unten wieder der Trendlinie genähert hat. Dieser Anstieg signalisiert den Börsenrechnern zumindest die Chance auf Kursgenesung. Allerdings. so Portfolio« würden die Notierungen wohl erst nach Ablauf einer »Konsolidierungspause« aus dem Keller steigen und die bislang fallende Trendlinie nach oben durchbrechen können.
Zuversicht ziehen die Aktienbeobachter aus jenen Faktoren, die seit je der Börse guttaten:
* Rückkehr zu festen Wechselkursen nach siebenmonatigem Floaten
* Lockerung der Kreditbremsen durch die Bundesbank und die Erwartung der Industrie, daß Bonn bei anhaltendem Konjunkturrückgang unverzüglich mit Eventualhaushalten gegensteuern wird;
* zunehmende Geldflüssigkeit der inländischen Wertpapier-Eigner.
Anfang dieses Jahres wurden aus Zinszahlungen nach Schätzungen der Commerzbank rund 14 Milliarden Mark frei, von denen ein Teil für Aktienkäufe verwendet werden könnte. Auch die Banken haben neuerdings wieder mehr Geld zur Verfügung, weil die Kreditnachfrage nachläßt und die Bundesbank zum Jahresbeginn die sogenannten Mindestreserven um zehn Prozent ermäßigt hat. Die Sparfähigkeit der Bundesbürger wächst zudem mit steigenden Einkommen. Schließlich halten die Investmentfonds zur Zeit etwa 700 Millionen Mark flüssige Mittel bereit, die den Weg zur Börse nehmen könnten, und die Versicherungsgesellschaften dürfen bis zu 15 Prozent des Deckungsstocks für Aktienkäufe verwenden.
Selbst wenn Nachfrage und Beschäftigung noch weiter zurückgehen sollten, fürchten die Börsen-Beschauer des Bankhauses Trinkaus keine neuen Kurseinbrüche. In ihrer Jahresprognose heißt es, die »negativen Entwicklungen im Unternehmensbereich« seien in den gegenwärtigen sehr niedrigen Kursen bereits vorweggenommen. Der Platow-Tipdienst »Der Ticker« wagte deshalb bereits die Voraussage: »Ende 1972 dürften die deutschen Kurse im Schnitt um 15 bis 25 Prozent höher liegen als heute,«
Voraussetzung für gedeihliche Kurse davon sind alle Banker und Börsianer überzeugt -- ist freilich »eine eindeutige Absage an den schwärmerischen Linksdrall, der die Marktwirtschaft sowie die Leistungskraft der Unternehmen bedroht« (Commerzbank). Auch die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank mag nur unter der Voraussetzung auf bessere Börsentage hoffen, daß »die geplanten gesellschafts- und vermögenspolitischen Veränderungen (Sozialisierungstendenz, vermögenspolitische Konzeption zu Lasten der Unternehmergewinne usw.) 1972 nicht zu einem nachhaltigen Vertrauensschwund gegenüber der deutschen Wirtschaft und Börse führen werden«.
Auch der Platow-Dienst ermahnte die Bundesregierung, daß die Börse schwarzsieht, wenn Rot aufzieht. Unter dem Stichwort »Bremssignale im neuen Jahr« notierte das Zirkular: »Die Bundesrepublik befindet sich auf dem Marsch in den Sozialismus. Er ist der Todfeind jeder Aktie.«