STAHLINDUSTRIE Aus einer Kasse
Der langjährige Chef der Dortmunder Hoesch AG, Willy Ochel, 68, garnierte seinen Gratulationsbrief zum Jubiläum der hundertjährigen Stahlschmiede mit einer Spitze gegen den Vorstand: Er wünschte dem Unternehmen Männer, »die das Werk wie im ersten Jahrhundert lebendig weitergestalten und gesund erhalten«.
Ochels Wunsch nach handfesteren Managern wuchs in einem seit mehr als einem Jahr schwelenden Streit mit Friedrich Harders, 62, seinem Nachfolger an der Hoesch-Spitze. Mißtrauisch verfolgt Ochel den Plan des Hoesch-Generals Harders, den Dortmunder Stahlkonzern mit dem niederländischen Konkurrenten Hoogovens aus Ijmuiden zu verschmelzen. Ochels Hauptsorge: Die Holländer würden Hoesch majorisieren und zu einem Zweigwerk des halbstaatlichen niederländischen Trusts degradieren, mithin in Dortmund zahlreiche Arbeitsplätze gefährden.
Am Mittwoch dieser Woche nun will der Hoesch-Chef seinen Aufsichtsräten einen endgültigen Plan vorlegen, der laut Harders »beide Partner in den Genuß der Vorteile des anderen« bringen und die von Ochel gefürchtete Beherrschung verhindern soll.
Nach dem neuen Harders-Konzept wird in der holländischen Provinzstadt Arnheim nahe der deutschen Grenze eine gemeinsame Dachgesellschaft holländischen Rechts errichtet, die Hoesch und Hoogovens zu gleichen Teilen kontrollieren soll. Die neue Konzernzentrale würde dann über die zweitgrößte Stahlküche des Kontinents nach der Düsseldorfer Thyssen-Hütte wachen. Harders nach jüngsten Verhandlungen mit den niederländischen Stahlkochern: »Das ist ein wahrhaft europäischer Durchbruch.«
Der Europa-Trust, gegen den sich die 52 000 Hoesch-Stahlwerker lange Zeit mit Drohungen und wilden Streiks gesperrt hatten, findet neuerdings sogar die Zustimmung der Arbeitnehmer. Denn zum erstenmal wird bei dem geplanten Zusammenschluß die deutsche Mitbestimmung über die Grenze nach Holland getragen, wo Mitbestimmung und strenge Aufsichtsratskontrolle bislang unbekannt sind. Freute sich DGB-Funktionär und Hoesch-Aufsichtsrat Friedhelm Farthmann: »Wir exportieren sie einfach. Das ist doch eine Sache.«
Kontrolliert werden soll das Holding-Unternehmen in Arnheim von einem 24köpfigen Aufsichtsrat, in dem den Arbeitnehmern eine Drittelparität zugesagt wurde. Neben acht Belegschaftsmitgliedern oder Gewerkschaftlern ziehen acht Vertreter der Arbeitgeber und acht neutrale Räte in den Aufsichtsrat ein -- jeweils zur Hälfte Holländer und Deutsche. Auch der Vorstand soll halbpart mit Hoogovens- und Hoesch-Managern besetzt werden. Unter dem gemeinsamen Dach bleiben Hoesch und Hoogovens als sogenannte Arbeitsgesellschaften erhalten, ihre Aktien werden weiter wie bisher getrennt an den Börsen notiert.
Mit dem Zugeständnis der Niederländer, Mitbestimmung und Aufsicht nach deutschem Recht ins Land zu lassen, wird deutlich, wie dringend die Ijmuidener Stahlschmelze den Anschluß an Hoesch braucht. Denn während das holländische Unternehmen, in dessen Aufsichtsrat Prinz Bernhard der Niederlande sitzt, ganz überwiegend Rohstahl erzeugt, hat sich Hoesch durch Angliederung weiterverarbeitender Produktionsstufen längst von der gefährlichen Mono-Kultur gelöst.
Noch vor kurzem hatte Generaldirektor Harders die nun vorgeschlagene Lösung im Aufsichtsrat als nicht realisierbar bezeichnet und sich auf einen heimlich ausgehandelten Plan versteift, der Hoesch in der Tat zum Zweigbetrieb degradiert hätte. Danach sollten die Hoogovens-Aktionäre nach einer Fusion mit Hoesch 60 Prozent der Aktien erhalten, die Hoesch-Anteilseigner nur 40 und dies, obwohl Hoesch rund 6,4 Milliarden Mark umsetzt gegenüber nur etwa zwei Milliarden bei Hoogovens. Zudem wären die Mitbestimmungsrechte und die Kontrolle nach deutschem Aktiengesetz verloren gegangen.
»Was wir geschafft in schweren Tagen, will Harders nun ins Ausland tragen«, schrieben die aufgebrachten Stahlwerker schon im Sommer vergangenen Jahres auf Protestplakaten und forderten: »Harders ist ein braver Mann, schiebt ihn ab nach Rotterdam.«
Ihre Angst um die Arbeitsplätze erschien nicht unbegründet. Denn mit der holländischen Kapitalmehrheit hätten die Hoogovens-Manager künftige Investitionsentscheidungen ungehindert zugunsten der niederländischen Werke treffen können, die ohnehin kostengünstiger produzieren als die -Ruhrunternehmen. Allein die frachtgünstige Anlandung der Rohstoffe, etwa skandinavischer Erze, verschafft den niederländischen Eisenküchen gegenüber dem Standort Dortmund gewichtige Vorteile. Hüttenexperten errechneten, daß bei jeder Tonne Erz, die von Rotterdam nach Dortmund transportiert wird, zwölf Mark zusätzliche Kosten entstehen.
Um diesen Nachteil gegenüber der immer schärferen ausländischen Konkurrenz wettzumachen, gab der Hoesch-Chef den Plan zum Zusammenschluß mit Hoogovens nie auf. Leitenden Mitarbeitern machte er das Zusammengehen mit den Holländern vor wenigen Wochen erneut schmackhaft. Denn andere Partner kommen für Hoesch kaum in Frage, da Hoogovens schon jetzt zu 14,5 Prozent am Hoesch-Kapital von 569 Millionen Mark beteiligt ist und bereits Kooperationsverträge zwischen den beiden Partnern bestehen. Harders: »Gewisse Rationalisierungseffekte sind durch Verträge erreichbar. Ein Höchstmaß an Wirtschaftlichkeit bei gegebener Größenordnung ist aber nur bei gemeinsamer Kasse möglich.
Harders und Hoogovens-Chef Justman Jacob wählten schließlich ein Fusionsmodell, das bereits beim Zusammenschluß des niederländischen Flugzeug-Unternehmens Fokker mit den Vereinigten Flugtechnischen Werken (VFW) in Bremen erfolgreich angewandt worden war: Gründung einer Dachgesellschaft, die beiden Partnern je zur Hälfte gehört.
Um die Furcht der Hoesch-Werker vor künftiger niederländischer Konzern-Dominanz zu beseitigen, ließen sich die Hoesch-Aufsichtsräte zu einer großzügigen Geste herbei: Noch während der Verhandlungen mit Hoogovens genehmigten sie ein Investitionsprogramm von 1,5 Milliarden Mark, das die Konzern-Politik auf Jahre hinaus an Dortmund bindet.