TELEPHONBAU Aus Existenzangst
Kaum hatte Siemens-Vorstand Dieter von Sanden aus seiner »Privatschatulle« 15 000 Mark Bußgeld an das Berliner Kartellamt überwiesen, schimpfte er los: »Wir brauchen nur einzuatmen, dann hätten wir die wegrationalisiert.«
Das war vor gut einem Jahr. Wegen »wettbewerbswidriger Absprachen«, nachgewiesen bei Ausschreibungen der Post Mitte 1974 und Anfang 1976, belegte das Kartellamt die zwölf westdeutschen Telephonherstelter mit Bußgeldern von insgesamt 910 000 Mark zuzüglich 4556,40 Mark Reisespesen der Kartellamtsbeamten. Die zwölf hatten insgeheim untereinander Preise und Mengen abgesprochen und so den Wettbewerb ausgeschaltet -- bis das Berliner Amt ihnen auf die Schliche kam.
Auch die Topmanager mußten persönliche Buße tun: Weil sie »schuldhaft die erforderlichen und zumutbaren Aufsichtsmaßnahmen unterlassen hatten« (Kartellamtsdirektor Artur Christi), wurden ihnen Bußgelder -- von Sanden bekam mit 15 000 Mark die Höchststrafe -- abverlangt.
Fünfzehn Monate später, in den letzten Oktobertagen, machte der Elektromanager Ernst. Der Konzern holte tief Luft -- und neun von elf Telephonap# parate-Herstellern gingen Aufträge und Puste aus.
Bei der Ausschreibung der Bundespost über die Lieferung von 1,5 Millionen Apparaten des Standardtyps »611« nämlich hatte der zwanzigfache Umsatzmilliardär aus München seinen Angebotspreis so niedrig kalkuliert, daß nur noch ein Konkurrent mithalten konnte SEL, eine deutsche Tochter des amerikanischen Multis ITT.
Die anderen mittelständischen Telephonproduzenten dagegen mußten am letzten Montag, dem »Ende der Erklärungsfrist« (Post-Staatssekretär Dietrich Elias), passen. »Plötzlich standen wir«, jammerte einer der Ausgereizten, »nackt vor der Belegschaft.«
Denn die Siemens-Kalkulatoren hatten einen konkurrenzlosen Angebotspreis hochgerechnet: Der Apparat, für den die Industrie 1961 noch einen »Einführungspreis zwischen 53 und 54 Mark« (von Sanden) bekam und der bis 1975 immer teurer wurde, ist nun bei Siemens für genau 34,20 Mark zu haben. Die Kostengrenze für die kleinen Anbieter aber liegt nach deren Kalkulation bei 46 Mark.
Schon im letzten Jahr war der Ausschreibungspreis auf knapp 43 Mark gefallen. Dennoch hielten auch die kleineren Produzenten wie Hagenuk aus Kiel oder Bosse aus Berlin unverdrossen mit: Sie versuchten, die eigens für die Fertigung des »611« angeschafften Maschinen auszulasten und wenigstens ihre Kosten wieder hereinzuholen.
Dann kam der Telephon-Boom -- sowohl für die Post als auch für Lieferanten. Die von der Post geplante und von der gesamten Fernmeldeindustrie mitfinanzierte Werbekampagne ("Ruf doch mal an") brachte im vergangenen Jahr rund 1,4 Millionen Neuanschlüsse. Bis Oktober 1977 schloß die Post noch einmal eine Million Apparate an: Postminister Kurt Gscheidle konnte Mitte dieses Jahres einen Jahresgewinn im Fernsprechbereich von über einer Milliarde Mark ankündigen.
Den Telephon-Bauern kam das gerade recht. Denn schon bald versprach der Staatsmonopolist, weitere 1,5 Millionen Apparate zu ordern.
Erst als Siemens sein Niedrigpreis-Angebot abgegeben hatte, schlug die Stimmung jäh um. Noch vor Ausschreibungsschluß am letzten Montag verabredeten sich neun Kleinanbieter -- der Siemens-Enkel DeTeWe aus Berlin machte nicht mit -- per Telephonanruf für eine gemeinsame Krisensitzung.
Am vorvergangenen Mittwoch formulierte eine Runde von Betriebsräten im Frankfurter »Sheraton«-Hotel ein Ultimatum an das Postministerium: Wenn bis Freitag 17 Uhr das Ausschreibungsverfahren nicht ausgesetzt sei, würden sie in ihren Firmen zu Warnstreiks übergehen. Kollege Eckerhard Pfitzner von der Berliner Bosse bekam den Auftrag, im Kartellamt vorzusprechen und die Botschaft zu überbringen, nun sollten »die Kleinen kaputtgemacht werden«.
Tags darauf, im Frankfurter »Steigenberger«-Hotel, verfaßten die neun bp-Manager der Kleinen einen Bittbrief an Bonn. In »Abstimmung mit dem Kartellamt« und »aus Existenzangst« baten sie Post-Staatssekretär Elias um Hilfe: »Auch bei hohem Rationalisierungsgrad« sei es »keiner Firma möglich«, den Apparat zu dem Einstiegspreis von 34,20 Mark »ohne erhebliche Verluste herzustellen, die bei einigen Unternehmen sogar existenzgefährdend sind«.
Winrich Behr, Chef der Telefon- und Normalzeit (TN), informierte noch am Abend Hessens FDP-Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry über die »drohenden umfangreichen Entlassungen«. Immerhin hingen bei einzelnen Firmen 69 Prozent des Umsatzes an der Produktion des »611«. Karry, seit fünfeinhalb Jahren Mitglied des Postverwaltungsrats, war rasch überzeugt: Auf dem Telephonmarkt wüte nun ein gefährlicher »Vernichtungswettbewerb«.
Manche der kleinen Siemens-Konkurrenten vermuten hinter der Siemens-Attacke gar persönliche »Rache-Motive« des Vorstands von Sanden.
Der Münchner Manager habe immerhin etliche Jahre als »Sachverständiger« im Postverwaltungsrat seine Großkunden kontrolliert, bis er im August aus dem Rat herauskomplimentiert wurde: Der damalige Chef des Wirtschaftsressorts Hans Friderichs hatte die Wiederberufung des »rechtskräftig abgeurteilten Kartellsünders« (Friderichs) verhindert.
Von Sanden sei über sein Ausscheiden noch immer verbittert -- obgleich Postminister Gscheidle am Ende den Sanden-Gehilfen Hans Baur in sein Kontrollgremium berief.
Der Münsteraner Wettbewerbs-Professor Wolfgang Harms dagegen, der die Kleinen vor Jahresfrist vor dem Kartellamt vertrat, meint, das »hochmonopolistische und manchesterhafte« Ausschreibungsverfahren der Bundespost sei an allem schuld. Nach der Marktbereinigung durch die Großen, prophezeit der Professor, setze der neue Angebotsmonopolist seine Preise ohnehin wieder herauf.
Die Kameralisten von der Post sehen das anders. Sie hätten den Einstiegspreis geprüft, ließ der zuständige Ministerialdirektor Bernhard Zurhorst wissen, und kein Dumping festgestellt.
Bleibt das Kartellamt. Die Wettbewerbsbeamten, meinen die Kritiker, haben durch ihr forsches Fahnden nach Preis- und Mengenabsprachen der Branche und durch die harten Urteile den Weg zu einem für die kleineren Anbieter fatalen Verdrängungswettbewerb erst freigeschaufelt.
Amtschef Wolfgang Kartte fällt zu diesem Vorwurf nicht viel ein. »Wir können keine Schutzzäune bauen«, meinte er letzte Woche, »andererseits muß der Staatsmonopolist auch Strukturverantwortung tragen.«
Er trägt: »Das Ding«, sagte Heinz Herbert Karry und meinte das Ausschreibungsverfahren des Staatsmonopolisten Bundespost, »ist noch nicht abgewickelt.«