Ausbildungs-Misere Die Last-Minute-Lehrlinge
Hamburg - Der Welpe ist müde. Die junge Frau mit der Baseballkappe hat ihn deshalb auf den Arm genommen. Breitbeinig, als trüge sie ein schweres Paket vor sich her, wankt sie zum Informationspult. "Der ist ganz lieb", flötet sie, als sie den entgeisterten Blick der Beraterin von der Arbeitsagentur sieht. Die darauf folgende Diskussion ist kurz. Bei der Frage Beratung ohne Tier oder gar nicht entscheidet sich die junge Frau spontan für den Hund.
Anja Nußbaum beobachtet die Szene gedankenverloren, wie in Zeitlupe schüttelt sie den Kopf. Die IHK-Bereichsleiterin hat die Nachvermittlungsaktion in Berlin organisiert, mit der Jugendlichen geholfen werden soll, die noch immer eine Lehrstelle suchen. Wie jedes Jahr haben sich dafür Arbeitsagentur, Handwerks- und Handelskammer zusammengetan. Bei Unternehmen wurden Klinken geputzt, damit noch zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen werden, und Berater aus der Wirtschaft gesucht, die den Jugendlichen Tipps für die Bewerbung geben sollen.
"Aber manchen Jugendlichen fehlt wirklich die Motivation", sagt Nußbaum. Letztes Jahr sei einer in einem T-Shirt gekommen auf dem "Arbeit ist scheiße" stand. "Immerhin war er da", fügt sie hinzu. Zwei Drittel der Eingeladenen seien gar nicht erst erschienen.
Die Arbeitgeberseite scheint die Aktion dagegen genau so "energisch" anzugehen, wie sich das Bundesarbeitsminister Wolfgang Clement letzte Woche gewünscht hatte, zumindest hört sich das bei Anja Nußbaum so an. Fast 1000 zusätzliche "Angebote" könne man den Jugendlichen in diesem Jahr machen, erklärt sie stolz. 425 Lehrstellen und 513 einjährige "Einstiegsqualifizierungen". 2800 Jugendliche seien zu den Beratungsgesprächen eingeladen.
Motocross und Samariterbund
Fehlende Motivation kann man Natascha Bauer* eigentlich nicht vorwerfen. Fachinformatikerin für Systemintegration will sie werden. Netzwerke erstellen und pflegen, Computer reparieren - das habe sie schon mit ihrem Vater, der früher Elektrotechniker war, oft gemacht, erklärt sie. So steht es auch in der Bewerbung, die sie für die Beratung mitgebracht hat und die ziemlich ordentlich aussieht. Keine dieser Horrormappen mit Rechtschreibfehlern und Kaffeeflecken, von denen ausbildende Betriebe gerne berichten. Ein freundlicher Brief, ein übersichtlicher Lebenslauf, auf dem Foto sieht Natascha sympathisch aus. 180 Mal hat sie diese Zusammenstellung allein seit Juni schon verschickt. Bisher ziemlich erfolglos.
Dabei ist die ruhige 17-Jährige eigentlich genau auf die Art und Weise ungewöhnlich, die Bewerbungstrainer jubilieren lässt. Sie hat schon mehrere Webseiten selbst aufgebaut, die ziemlich beeindruckend sind. Auf einer bietet sie Computer-Spiel-Fans an, Server für sie aufzusetzen und ihre Internetauftritte zu gestalten. Nebenbei fährt die schmale 17-Jährige mit der modischen Trainingsjacke und den Herzchenohrringen auch Motocrossrennen. Und sie ist ehrenamtliche Sanitäterin beim Arbeiter-Samariterbund. "Mir wird halt schnell langweilig", sagt sie über ihr ausgefülltes Freizeitprogramm.
Doch bei dem Beratungstermin im Bildungszentrum der Berliner Handwerkskammer ergeht es ihr wie bei den wenigen Vorstellungsgesprächen, die sie bisher hatte: Die meisten ihrer Projekte kommen erst gar nicht zur Sprache.
Nach einem Blick auf ihren Realschulabschluss mit der Vier in Mathe wird die Fachinformatik-Ausbildung mit einem Satz abgehakt. "Das sieht duster aus", sagt der Berater von der Arbeitsagentur, "aber ansonsten ist es nicht hoffnungslos", fügt er schnell hinzu. Das findet auch die Ausbildungsleiterin des Pharma-Unternehmens Berlin-Chemie, die als "Vertreterin der Wirtschaftsseite" Nataschas Mappe betrachtet.
Das hinter dem Kürzel "ASB" versteckte Engagement beim Samariterbund könnte Natascha vielleicht ausführlicher beschreiben, sagt sie. Dann rattern schon die ersten Angebote aus dem Drucker. Die Tankstelle in Berlin-Neukölln, da sei sie doch her - legt der beredte Berufsberater los - die bilde zur Einzelhandelskauffrau aus. "Da gehen Sie am besten gleich vorbei", sagt er und überreicht mit feierlicher Geste die ausgedruckte Stellenanzeige. Auch Peek&Cloppenburg bietet eine Lehrstelle zur Einzelhandelskauffrau an, erfährt Natascha. Und falls gar nichts klappt, gibt es noch ein Praktikumsangebot von Aldi für sie.
Als das Beratungsteam später von ihren ungewöhnlichen Freizeitbeschäftigungen hört, nicken beide verständnisvoll. "Die können sich in dem Alter einfach noch nicht so richtig verkaufen", sagt die Berlin-Chemie-Mitarbeiterin. Doch selbst wenn Natascha davon erzählt hätte, andere Angebote hätte man ihr wohl trotzdem nicht gemacht, fügt sie dann hinzu. "Das A und O sind einfach die Schulnoten."
"Das ist wie beim Tanzen"
Auch an den anderen Tischen wirkt die Nachvermittlung wie eine eindringliche Inszenierung des Dramas "Deutscher Ausbildungsmarkt". Da gibt es den jungen Mann, auf dessen Abschlusszeugnis Dutzende unentschuldigter Fehlstunden vermerkt sind. Und die junge Frau, der zu ihrer Bewerbung als Friseur-Azubi nur einfällt, "ich frisiere gerne anderen Leuten die Haare", und die sich noch nicht einmal erkundigt hat, ob sie vielleicht nicht nur gegen allerlei Pflanzen, sondern auch gegen Chemikalien allergisch ist.
Aber vor allem sind da jene Jugendliche, die mit einem mittelmäßigen Zeugnis plötzlich auf einem völlig überfüllten Arbeitsmarkt stehen, auf dem sie anscheinend einfach nicht gebraucht werden. Und angesichts derer auch die Berater an diesem Nachmittag oft hilflos wirken.
"Stellen Sie sich mal vor, Sie sind beim Tanzen, und beim 15. Stück hat Sie immer noch niemand aufgefordert. Da fühlen Sie sich doch grauenhaft", versucht Peter Zahn die Tragödie in Worte zu fassen. In "grauer Steinzeit" habe er selbst bei Siemens Lehrlinge betreut. Jetzt ist es Ehrensache für ihn, als "Vertreter der Wirtschaft" bei der Nachvermittlungsbörse den weißen Schopf tief über die Bewerbungsmappen zu beugen und sie mit einem Berufsberater zusammen aufzupolieren.
"Basteln Sie eine Außenmappe"
Auch Tugba Mutlu* würde Zahn nur zu gerne zu ihrem Wunschberuf verhelfen. Friseurin will sie werden. Oder Kosmetikerin. "Meine Tante hat gesagt, dass ich so schön die Augen schminken kann", erzählt sie. Eine Ausbildung als Erzieherin hat die hübsche 18-Jährige, deren Augen dank gefärbter Kontaktlinsen türkisblau leuchten, schon abgebrochen. Ihr habe das "nicht zugesagt", erklärt sie freimütig im ersten Absatz des mitgebrachten Anschreibens.
"Abbruch, nein, nein, das muss irgendwie sanfter klingen", sagt Zahn energisch, dann schwirren gute Ratschläge über den Beratungstisch. "Sie will sich neu orientieren", schlägt der Berufsberater vor, "ja, orientieren klingt immer gut", findet Zahn. "Nehmen Sie eine Din-A3-Pappe, da können Sie eine hübsche Außenmappe basteln", setzt der Berufsberater noch einen drauf, und Zahn schüttelt die Fäuste: "Fühlen sie sich nicht minderwertig." Die junge Frau folgt dem Spektakel mit irritiertem Lächeln und greift schließlich erleichtert nach den Angeboten, die ihr zum Abschied entgegengestreckt werden.
Doch, die Beratung habe ihr schon etwas gebracht, sagt sie draußen. Ein neues Foto will sie besorgen und ihre Bewerbung künftig persönlich abgeben. Letztendlich helfe ihr aber nur eines: ein Ausbildungsplatz. Ob daraus etwas wird, wird in der Handelskammer allerdings im nächsten Jahr niemand sagen können. Wie viele Vermittlungsversuche bei solchen Aktionen erfolgreich sind, wird statistisch nicht erfasst.
*Namen von der Redaktion geändert.