Autoindustrie: Götterdämmerung light - DER SPIEGEL
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Autoindustrie Götterdämmerung light

Erst in einem halben Jahr wird Bernd Pischetsrieder VW-Chef. Doch schon jetzt greift er ein ­ mit deutlicher Kritik an der Modellpolitik des Amtsinhabers Ferdinand Piëch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Giftgrün ist eine schreckliche Farbe. Entsprechend irritiert beobachteten rund 200 Führungskräfte, die zum "Top-Management-Meeting" des VW-Konzerns nach Wolfsburg gepilgert waren, die unheimliche Vermehrung giftgrüner Punkte. Auf der Leinwand vor ihnen besetzten die Flecken immer mehr Felder und signalisierten: Hier herrscht Gefahr!

Mit dem Chart präsentierte VW-Vorstand Bernd Pischetsrieder, der im April nächsten Jahres die Nachfolge des VW-Chefs Ferdinand Piëch antritt, seine Bestandsaufnahme der Modellpolitik. Und die fiel wenig schmeichelhaft aus.

Auf der Längsachse waren die Fahrzeugklassen vom Kleinwagen bis zum Luxusmodell aufgetragen, auf der Senkrechten die Fahrzeugtypen vom Stufenheck über Geländewagen, Familienvans bis hin zu Cabrios. Blaue Punkte besetzten alle Felder, auf denen Europas führender Autokonzern mit seinen Marken vertreten ist. Da knubbelten sich Volkswagen und seine Töchter Audi, Seat, Skoda bei kompakten Stufenheckautos. Bei Geländewagen, Roadstern und Vans dagegen, die seit Jahren die größten Wachstumsraten verzeichnen, ist der Konzern meist gar nicht vertreten. Giftgrün eben.

"Als globaler Hersteller", so Pischetsrieder, "muss man breiter aufgestellt sein." Derzeit biete der Konzern beispielsweise in der Kleinwagenklasse mit dem VW Polo, dem Skoda Fabia und dem Seat Cordoba gleich drei Modelle mit Stufenheck an, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Man habe "aber leider keinen Roadster in dieser Größe".

Die Überraschung bei den Führungskräften hätte größer kaum sein können. Der einstige BMW-Vorsitzende gilt in der Branche zwar als exzellenter Fachmann, aber auch als etwas weich im rauen Konzerngeschäft. In München hatte sich Pischetsrieder noch Jahre, nachdem er die Führung übernommen hatte, kaum getraut, Entscheidungen seines Vorgängers Eberhard von Kuenheim zu korrigieren. Doch jetzt kritisiert er die Modellpolitik Piëchs schon zu dessen Amtszeit.

Pischetsrieder präsentierte seine Bestandsaufnahme zwar freundlichst im Ton, als gehe es lediglich darum, die erfolgreiche Arbeit seines Vorgängers fortzusetzen. Auf viele der anwesenden Führungskräfte aber wirkte es wie eine kritische Bilanz der bisherigen Politik und das Versprechen eines Kurswechsels. Piëch saß in der ersten Reihe und lächelte scheinbar zufrieden, als sei er exakt der gleichen Meinung.

"Sobald der Nachfolger feststeht, ist der alte König tot, mausetot", hatte Piëch einst gesagt. Dass dies jetzt auf ihn zutrifft, ist schwer vorstellbar, zumal Piëch Aufsichtsratsvorsitzender des Konzerns werden will. Doch der Wachwechsel, so viel ist klar, hat in Wolfsburg bereits begonnen. Götterdämmerung light.

Zwar ist unvergessen, dass Piëch in seiner Amtszeit VW saniert und den Gewinn kontinuierlich gesteigert hat (siehe Grafik). Aber plötzlich kritisiert selbst der Konzernbetriebsratsvorsitzende Klaus Volkert, jahrelang treu ergebener Gefolgsmann Piëchs, dessen Modellpolitik scharf. Wenn der VW-Chef heute im Aufsichtsrat über seine Pläne für die Luxusmodelle von Bentley und Bugatti abstimmen ließe, würde er "keine einzige Stimme" dafür bekommen. Statt immer neue Luxusmodelle zu entwickeln, solle der Konzern lieber das Stammgeschäft stärken. Neben einem Einsteigerauto für weniger als 15 000 Mark fehle es auch an preiswerten Geländewagen und Coupés.

"Na ja, Herr Volkert hat im nächsten Frühjahr Wahlen vor sich", versuchte Piëch abzuschwächen. Inzwischen aber weiß er, dass sein Großaktionär, das Land Niedersachsen, der gleichen Ansicht ist wie die Arbeitnehmervertreter. Ministerpräsident Sigmar Gabriel hat gegenüber Vertrauten mehrfach erklärt, dass er die Kritik des VW-Betriebsrats gänzlich teile.

Gabriel, in dessen Land fünf VW-Werke angesiedelt sind, bemängelt, dass der Konzern sich zu sehr auf Luxusmodelle konzentriere und das Stammgeschäft vernachlässige. Dort droht ihm zum Ende der Ära Piëch Gefahr. Bei abschwächender Konjunktur geht die Nachfrage in der Kompaktklasse am ehesten zurück. Zudem wird der Wettbewerb für VW dort immer härter.

Volkswagen ist in Europa derzeit zwar um Klassen erfolgreicher als die Rivalen Ford, Opel und Fiat. Doch Mercedes-Benz und BMW drängen in die von Volkswagen dominierte Kompaktklasse. Mercedes ist mit der A-Klasse bereits recht erfolgreich und verkauft zudem von seinem Smart in Deutschland schon mehr Autos als VW von seinem Lupo. BMW ist mit dem neuen Mini viel versprechend gestartet und entwickelt eine 1er-Reihe, die den Golf angreift. Zugleich besetzen Rivalen wie Peugeot und Renault immer mehr Marktnischen, in denen VW nicht vertreten ist. Das wichtigste Modell des VW-Konzerns, der Golf, ist in die Jahre gekommen. Sein Absatz geht auf dem Heimatmarkt schon zurück. Dennoch gibt es bis zu seiner geplanten Ablösung 2003 kein Facelifting mehr, mit dem Hersteller ein Auto vor Ende der Laufzeit üblicherweise durch leicht geänderte Optik wieder etwas auffrischen. Der Golf-Ableger Bora ist ein Flop. Das Golf-Cabrio basiert noch auf dem Vorgängermodell. Seine Produktion muss Anfang nächsten Jahres eingestellt werden.

Pischetsrieder sieht die Probleme, und er weiß auch, dass es Jahre dauern wird, bis er die Modellpalette des Konzerns so ausgebaut hat, wie er es für nötig hält. Deshalb will er schon vor seiner offiziellen Amtsübernahme im nächsten April Einfluss auf die Investitionsplanung nehmen, die der Aufsichtsrat am 23. November verabschieden soll. In den Besprechungen zur "Planungsrunde 50" für die Jahre 2002 bis 2006 sagt Piëch oft: "Des müssen S' mit Herrn Pischetsrieder besprechen."

Kaum einer in Wolfsburg hätte für möglich gehalten, dass Piëch so früh Teile der Macht abgibt. Aber einerseits: Was bleibt ihm anderes übrig, wenn das Land Niedersachsen und die Arbeitnehmervertreter, die zusammen die Mehrheit des Aufsichtsrats stellen, dies so wünschen? Und andererseits: Wenn Piëch seinem Nachfolger jetzt ins Lenkrad greift, kämen vielleicht Zweifel daran auf, ob es sinnvoll ist, ihn im nächsten Jahr zum Aufsichtsratsvorsitzenden zu wählen. Lange genug nährte er den Verdacht, dass er die Macht nicht abgeben und den Konzern vom Aufsichtsrat aus weiterregieren will.

Ministerpräsident Gabriel hat dem VW-Chef deutlich signalisiert, dass dies nicht gewünscht ist. Und Gabriel hat dem VW-Vorstand bereits gezeigt, dass das Land Piëchs Pläne durchaus kritisch verfolgt.

Fast zum Eklat war es gekommen, nachdem der VW-Vorstand noch vor der Aufsichtsratssitzung per Pressemitteilung die Höhe der Dividende für das abgelaufene Jahr verkündete. In der Sitzung des Kontrollgremiums monierte Gabriel dann, der Vorstand hätte zuvor wohl mit dem Hauptaktionär darüber reden müssen. Er schlage eine Erhöhung der Dividende vor. Der Vorstand korrigierte seine eigene Mitteilung und beschloss, die Dividende heraufzusetzen.

Pischetsrieder achtet sorgsam darauf, dass sich solche Peinlichkeiten nicht wiederholen. Nie kritisiert er seinen Vorgänger direkt. Dennoch macht er deutlich, dass er einiges grundsätzlich ändern will.

Piëch ließ die einzelnen Marken gezielt gegeneinander antreten, was dazu führte, dass sie oft gleiche Fahrzeugtypen auf den gleichen Plattformen bauten und sich die Kunden gegenseitig abspenstig machten. Pischetsrieder will, dass sich die Marken künftig ergänzen. Damit der neue VW-Chef dies durchsetzen kann, sollen die einzelnen Marken ihre Entscheidungsfreiheit über die Modellpolitik verlieren.

Volkswagen führt die "klassischen" Marken Skoda und Bentley, Audi steht an der Spitze der "sportlichen" Marken Seat und Lamborghini. Pischetsrieder selbst wird neben seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender des Konzerns die Gruppe der klassischen Marken anführen. An die Spitze der sportlichen rückt Martin Winterkorn, der den von Piëch heftig attackierten Audi-Chef Franz-Josef Paefgen ablösen wird.

Bei Piëchs intern höchst umstrittenen Luxusprojekten, der Entwicklung eines Bentley in der 300.000-Mark-Klasse und eines Bugatti, der fast zwei Millionen Mark kosten soll, wird der neue VW-Vorsitzende keine gravierenden Kurskorrekturen vornehmen. Lediglich der einst geplante Bau einer Fertigungsstätte für den Bugatti im französischen Molsheim wird gestrichen. Das Fahrzeug, das schneller als ein Formel-1-Wagen wird, soll im Prototypenbau in Wolfsburg montiert werden.

Die Begeisterung für ein solches Wahnsinnsauto, das sich mit mehr als 1000 PS und einer Spitzengeschwindigkeit von über 400 Stundenkilometern allenfalls auf Salzseen austoben kann, teilt Pischetsrieder mit seinem Vorgänger. Da trifft seine Aussage, mit der Pischetsrieder sonst die Differenzen zum amtierenden VW-Boss herunterzuspielen versucht, einmal zu: "Der große Unterschied zwischen Herrn Piëch und mir ist: Ich habe einen Bart."

DIETMAR HAWRANEK