Autoindustrie: Pubertierende Bosse - DER SPIEGEL
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Autoindustrie Pubertierende Bosse

Schlagabtausch im VW-Konzern: Firmenchef Ferdinand Piëch fühlt sich angegriffen und schlägt zurück. Der Audi-Vorsitzende Franz-Josef Paefgen muss drei Tage vor der Hauptversammlung um seinen Job bangen.
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Der Mann kann auf steigende Absatz- und Umsatzzahlen verweisen, auf eine Rendite von 4,8 Prozent, auf Vergleichstests, die dem neuen Audi A 4 bescheinigen, er sei besser als die C-Klasse von Mercedes-Benz. Und doch muss sich Audi-Chef Franz-Josef Paefgen seit Donnerstag vergangener Woche fragen, ob er seinen Job noch lange ausüben kann.

Am Rande der Vorstellung des VW-Passat mit einem Achtzylindermotor hatte VW-Vorstandsvorsitzender Ferdinand Piëch die Tochter Audi harsch kritisiert. "Die Marke verhält sich viel zu konservativ, da herrscht Stillstand", ließ sich der Konzernboss von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zitieren. Innovativere Technik und interessanteres Design erwarte er von der VW-Tochter, der er auch Richtungslosigkeit vorwirft: Audi sei "in der Pubertät und weiß noch nicht, wohin".

Bei einem Abendessen mit Autotestern wurde er noch deutlicher. Innerhalb des VW-Konzerns sei Audi "die Zentrale der Oberbedenkenträger", sagte Piëch, in Ingolstadt herrsche "allgemeine Lethargie".

Jetzt herrscht dort vor allem größtmögliche Aufregung. Paefgen und die meisten Mitarbeiter rätseln, was Piëch mit seiner Attacke erreichen will. Bereitet er die Ablösung des Audi-Chefs vor und ersetzt ihn, wie seit längerem vermutet wird, durch den erfolgreichen VW-Entwicklungschef Martin Winterkorn?

Anlass zur Kritik an der Entwicklung bei Audi gibt es durchaus. Das Debakel um den ins Schleudern geratenen Roadster TT schadete dem Image, und der schwache Absatz des kleinen Aluminium-Autos A 2 schwächt das Ergebnis. In wichtigen Wachstumsmärkten wie bei den Geländewagen ist Audi, im Gegensatz zu Mercedes-Benz und BMW, gar nicht vertreten. Und das Topmodell, der seit sieben Jahren angebotene Audi A 8, wird viel zu spät, erst Ende nächsten Jahres, erneuert.

Doch dies allein mag kaum erklären, warum Piëch seinen Paefgen öffentlich kritisiert. Herausgefordert fühlt sich der VW-Boss, so Vertraute, vor allem durch einen Artikel im "Manager Magazin", in dem Piëch vorgeworfen wird, er bremse die Entwicklung bei Audi, seit er in Wolfsburg regiert. Grund: Piëch wolle seine Pläne für Luxusmodelle der Marke Volkswagen besser durchsetzen. Audi dürfe keinen Geländewagen bauen, weil VW einen entwickle, und die Tochter müsse auch den neuen A 8 später auf den Markt bringen, damit Volkswagen zuvor sein erstes Luxusmodell, den D 1, vorstellen könne. Das will der VW-Vorsitzende offenbar nicht auf sich sitzen lassen. "Ich rede bei keiner unserer Gesellschaften so wenig rein wie bei Audi", sagt er.

So konnte Paefgen es ablehnen, den von VW entwickelten Achtzylindermotor für den A 4 zu übernehmen. Schmerzhaft für Piëch: Wenn der Antrieb nur im Passat und in einem Skoda-Modell eingebaut wird, kann er kaum auf rentable Stückzahlen kommen.

Aber es gibt auch Belege dafür, wie die Konzernregie Audi schwächt. So musste Audi für 812 Millionen Mark von der VW-Beteiligungsgesellschaft die italienische Vertriebsorganisation Autogerma übernehmen. Eine Summe, die Audi-Entwickler lieber für den Entwurf neuer Modellvarianten hätten.

In der Branche gilt der Job an der Audi-Spitze längst als "mission impossible". Pocht der Audi-Chef auf Eigenständigkeit, kriegt er Ärger mit der Konzernzentrale in Wolfsburg. Beugt er sich deren Wünschen zu eilfertig, bekommt er die eigene Mannschaft nicht hinter sich. In den vergangenen acht Jahren scheiterten daran bereits Franz-Josef Kortüm und Herbert Demel. Paefgen hofft noch, dass Piëch ihm nur einen Warnschuss verpassen wollte und er noch Bewährung bis zum Sommer nächsten Jahres bekommt, wenn Piëch in den Aufsichtsrat wechselt.

Zunächst wird nun eine über Jahre hinweg langweilige Veranstaltung plötzlich interessant: die Audi-Hauptversammlung am Donnerstag dieser Woche. Die wenigen freien Audi-Aktionäre, die dort vertreten sind, werden eine Reihe kritischer Fragen stellen. Piëch sitzt als Audi-Aufsichtsrat auf der Bühne und kann sich alles in Ruhe anhören. Als ein Mitarbeiter ihn darauf hinwies, dass die Veranstaltung wohl recht laut und womöglich recht ärgerlich wird, antwortete der VW-Boss nur: "Das weiß ich, und das will ich."

DIETMAR HAWRANEK