Autorennen Kampf um die Formel 1
Hamburg - Das Hotel Mövenpick am Flughafen in Genf beherbergte am vergangenen Dienstag eine Gruppe hochkarätiger Gäste die Vertreter der führenden Autohersteller, die sich am Formel-1-Zirkus beteiligen. Paolo Cantarella (Fiat-Ferrari), Jürgen Hubbert (Mercedes-Benz), Burkhard Göschel (BMW) und Wolfgang Reitzle (Jaguar) waren gekommen, um gemeinsam mit Juristen über die Zukunft der Rennserie zu beraten.
Das Ergebnis der Zusammenkunft, das Cantarella am Mittwoch verkündete, sorgte für knallige Schlagzeilen ("Crash in der Formel 1", "Süddeutsche Zeitung"), erregte Kommentare (Formel-1-Organisator Bernie Ecclestone: "Was ich in 30 Jahren aufgebaut habe, kann in sechs Monaten zerstört werden") und für einen Kurssturz der Aktie des Rechtevermarkters EM.TV, die zeitweise mehr als 20 Prozent ihres Wertes verlor.
Mit ihrer in Genf getroffenen Vereinbarung haben die Autokonzerne im Kampf mit dem Medienimperium des Leo Kirch um die Vorherrschaft bei dem Milliardengeschäft Formel 1 eine neue Runde eingeleitet. Cantarella kündigte an, die Autohersteller würden eine Gesellschaft gründen, die "so schnell wie möglich" eine eigene Weltmeisterschaft für "einsitzige offene Rennwagen" aufbaut.
Es wäre eine neue Rennserie, in der ab 2007 Ferrari, Mercedes, BMW, Jaguar, Renault, Toyota und Honda um den Titel fahren könnten. Die dann anders heißt, aber den Zuschauern all das bietet, was bislang weltweit rund 300 Millionen Menschen vor die Fernsehschirme lockt, wenn ein Formel-1-Rennen stattfindet: spannende Zweikämpfe, spektakuläre Unfälle, Tränen des Weltmeisters vor laufenden Kameras und gelegentlich ein Boxenluder, das für Unruhe im Fahrerlager sorgt.
Die Folgen einer Konkurrenzveranstaltung zum Formel-1-Zirkus wären vor allem für zwei Unternehmen fatal sie würde "nicht nur dem ohnehin angeschlagenen einstigen Börsenstar EM.TV den Todesstoß versetzen, sondern auch Kirch in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten bringen" ("Financial Times Deutschland"). Beide haben zusammen insgesamt 2,7 Milliarden Dollar ausgegeben, um 75 Prozent an Ecclestones Firma Slec zu bekommen, die alle Fernsehrechte an der Formel 1 vermarktet. Wenn Schumacher und Co. aber nicht mehr in der Formel 1 fahren, sondern in einer anderen Rennserie, hätten Kirch und EM.TV mit ihren Milliarden, die teilweise mit Krediten der Bayerischen Landesbank finanziert sind, einen Totalschaden erlitten.
Kirch-Geschäftsführer Dieter Hahn bemühte sich, die Ankündigung der Autobosse nur als weitere Karte in einem großen Poker um Macht und Milliarden erscheinen zu lassen. Hahn bot den Autoherstellern an, sie könnten 25 Prozent der Anteile an der Slec übernehmen und Vetorechte bei "Schlüsselentscheidungen" bekommen. Damit könnten die Hersteller verhindern, dass die Rennen nicht mehr im Free-TV zu sehen wären.
Seit dem Einstieg Kirchs fürchten die Automobilfirmen, das Engagement des Medienunternehmers habe nur ein Ziel: Er wolle die Liveübertragungen der Formel 1 langfristig exklusiv in seinen Pay-TV-Sender Premiere World lenken, der im vergangenen Jahr einen Verlust von 1,3 Milliarden Mark erwirtschaftete und dringend Attraktionen braucht, um neue Abonnenten zu gewinnen. Dort aber wäre nur ein Bruchteil der 14 Millionen Zuschauer zu erreichen, die beispielsweise am vorvergangenen Sonntag bei RTL den Großen Preis von Brasilien sahen und die Sponsoren und Werbepartnern als Basis für ihre Zahlungen dienen. Tatsächlich wurde innerhalb der Kirch-Gruppe im Herbst 2000 diskutiert, die attraktive Formel 1 komplett ins Pay-TV zu holen. "Die exklusiv zu zeigen, wäre mein Wunsch", erklärte Premiere-Sportchef Carsten Schmidt.
Inzwischen versichert Kirch-Manager Hahn, dies sei nicht geplant. Den Autofirmen aber reicht das nicht. "Die Führung der Formel 1 durch ein Medienunternehmen", so Mercedes-Chef Hubbert, "steht für eine ungewisse Zukunft." Er fürchtet Boxenstopps im Zehn-Runden-Takt und 25 statt 17 Rennen pro Saison, wenn es die Quoten von Kirch oder anderer Sender erfordern. Die Autohersteller wollen auch deshalb hart bleiben, weil sie die Gelegenheit nutzen wollen, das gesamte Renngeschäft auf eine andere unternehmerische Basis zu stellen.
Schon länger stört die Autobosse, dass die Formel 1 für viele Beteiligte ein großes Geschäft ist, für Fahrer wie Schumacher, die bis zu 80 Millionen Mark im Jahr kassieren, für Fernsehsender wie RTL, denen die Liveübertragungen durch Werbeeinnahmen einen Gewinn von mehr als 100 Millionen Mark einbringen, und vor allem für Chefvermarkter Ecclestone, der im vergangenen Jahr Schätzungen zufolge rund 300 Millionen Mark Gewinn einstrich. "Es gibt nur einen, der zahlt", so ein Automobilmanager, "und das sind wir." Die Hersteller investieren in dieser Saison zusammen mehr als eine Milliarde Mark in den Rennzirkus.
Der unumstrittene Weltmeister im Kassieren ist seit jeher Ecclestone. Der eher mäßig begabte Hobbyrennfahrer hat die Formel 1 zu einem Wirtschaftsunternehmen aufgebaut, er organisiert und vermarktet sie. Ecclestone lässt Teams und Übertragungstechnik mit Jumbos zu den Übersee-Rennen fliegen, er reserviert die Hotels, er lässt die Programmhefte drucken. Vor allem aber hat Ecclestone ein schwer durchschaubares Firmengeflecht geschaffen, das ihm seine Einnahmen sichert.
Der Firma Allsport etwa obliegt die Vermietung der Werbebanden und die Bewirtung der Sponsorengäste, deren VIP-Karte bis zu 4000 Dollar kostet. Allein in Hockenheim spielt der so genannte Paddock-Club rund 30 Millionen Mark ein, weshalb Ecclestone einen Gewinnabführungsvertrag mit dem Schweizer Dienstleister geschlossen hat.
Bei ihrem Genfer Treffen sind sich die Hersteller einig geworden, dass sie sich nicht mehr, wie ursprünglich mal geplant, an der Vermarktungsfirma Slec beteiligen wollen. Denn mit dem Anteil an der Slec hätten die Firmen nur Zugriff und Einfluss auf einen Teil des Geschäfts rund um die Formel 1.
Die Autofirmen, so ein Beteiligter zum SPIEGEL, "sind fest entschlossen, eine eigene Rennserie aufzubauen", bei der die Vermarktungsrechte dann nicht mehr auf mehrere Unternehmen wie Slec, Allsport und andere verteilt sind, sondern in einer Firma vereint. Von deren Einnahmen sollen dann die Rennteams und die Hersteller ihren Anteil bekommen.
Viele Beobachter wie Medienanalyst Friedrich Schellmoser von der HypoVereinsbank werteten den Vorstoß der Industrie vergangene Woche noch als "Säbelrasseln". Sie halten es für unwahrscheinlich, dass die Autofirmen bei der Formel 1 aussteigen. So könnten die Hersteller für eine neue Rennserie kaum die bisherigen Formel-1-Rennstrecken nutzen, weil die durch Verträge langfristig gebunden seien.
Doch die Industrie hat längst weiter geplant. Für fast jede Formel-1-Strecke gibt es im gleichen Land eine Alternative. "Wenn sich die Teams einig sind, fahren wir nicht in Barcelona, sondern in Valencia und statt auf dem Hockenheimring auf dem Lausitzring. Wir nennen es nicht Formel 1, sondern Formel @", sagt ein britischer Teamchef.
Ob dies der neue Name der Rennserie wird, kann bezweifelt werden. Dennoch scheuen die Autohersteller vor einem Ersatz des Markennamens Formel 1 nicht grundsätzlich zurück. Der Fußball-Europapokal wurde schließlich auch in Champions-League umbenannt, ohne dass deshalb weniger Zuschauer die Spiele sehen. Entscheidend scheint nur, dass die Spitzenmannschaften dabei sind.
Die Erfahrungen der Autoindustrie mit dem Versuch, eigene Rennserien zu organisieren, sind bislang allerdings eher ernüchternd. So hatten Audi, BMW, Opel und Mercedes-Benz Ende der achtziger Jahre die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft an sich gerissen. Mit rührenden Aktionen versuchten die Hersteller, die Rennen spannend zu halten. Siegreiche Autos wurden beim nächsten Lauf mit Zusatzgewichten belastet. Es half alles nichts. Schließlich gaben die Firmen im Streit um die Regularien die Serie wieder auf.
Ihre Alternative zur Formel 1 wollen die Hersteller deshalb erst gar nicht selbst organisieren. Ein Komitee wie der Internationale Automobil-Verband FIA, der derzeit das Reglement für die Formel 1 aufstellt und überwacht, würde von den Firmen damit beauftragt.
Wenn den großen Autokonzernen das Projekt tatsächlich gelänge, wäre neben Medienunternehmer Kirch vor allem Formel-1-Macher Ecclestone betroffen, dem dann fast die gesamte Geschäftsgrundlage entzogen würde.
Noch macht der 70-Jährige in Optimismus. Die nächsten fünf Jahre will er weiterhin Chef der Slec bleiben und gemeinsam mit Kirch eine Option nutzen, um vom Internationalen Automobilverband FIA für 360 Millionen Dollar die Fernsehrechte an der Formel 1 vom Jahr 2007 an zu kaufen für 100 Jahre.
Den Plänen der Autofirmen gibt Ecclestone wenig Chancen. Große Sponsoren und Fernsehgesellschaften würden ihr Interesse verlieren, wenn die Serie in zwei rivalisierende Veranstaltungen aufgeteilt würde.
Ecclestone und Kirch hoffen, dass die Front der Autohersteller nicht geschlossen bleibt. Wer sage denn, dass alle so hart blieben wie DaimlerChrysler mit dem Konzernchef Jürgen Schrempp und dem Rennsportleiter Norbert Haug?
Doch wenn die Autokonzerne Ernst machen, gibt es wohl nur eine Serie: die der Hersteller, mit den bekannten Teams und den populären Fahrern. Ecclestone und Kirch hätten dann für ihr vieles Geld den schönen Namen Formel 1 und sonst gar nichts.
Zumindest einer, der in Deutschland und Italien für einen guten Teil der Formel-1-Begeisterung verantwortlich ist, beobachtet den Machtkampf um die Zukunft der Serie recht gelassen. Weltmeister Michael Schumacher würde es nicht stören, wenn sich 2007 alles ändert: "Ich glaube nicht, dass ich dann noch Formel 1 fahre."
DIETMAR HAWRANEK, HANS-JÜRGEN JAKOBS, ALFRED WEINZIERL