Bad Banker Kvarnström "Geschwindigkeit ist jetzt entscheidend"
SPIEGEL ONLINE: Herr Kvarnström, in der Finanzbranche gelten Sie als Sanierungsexperte, unter anderem haben Sie die Bad Bank der Dresdner Bank geleitet. Wenn Sie dieser Tage die Zeitung lesen - bekommen Sie es mit der Angst zu tun?
Kvarnström: Angst nicht, aber ich bin besorgt. Die Lage ist ernster als ich noch im Dezember gedacht hätte. Natürlich war schon im Herbst klar, dass es schlimm werden würde. Aber ich dachte, der Abschwung würde kontrollierbarer sein und dass wir im Sommer den Tiefpunkt erreicht hätten. Das ist leider nicht der Fall
SPIEGEL ONLINE: stattdessen pumpt auch der deutsche Staat Milliarden in die Banken, ohne das der Niedergang der Branche bislang gestoppt ist. Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der Bundesregierung?
Kvarnström: Alle versuchen ihr Bestes, um das Vertrauen in den Finanzmarkt wieder herzustellen - denn darum geht es. Aber die Turbulenzen im Bankensystem gehen trotzdem weiter. Vielleicht hätte die Regierung früher handeln sollen. Es gab schließlich schon vor über einem Jahr Signale, die eine ernsthafte Systemkrise sehr wahrscheinlich machten.
SPIEGEL ONLINE: Banker und Politiker geben oft den 15. September als den Tag an, ab dem es richtig abwärts ging - da ließ die US-Regierung die Investmentbank Lehman Brothers pleite gehen. Für Sie ist das nicht der Scheidepunkt?
Kvarnström: Vielleicht wäre das Vertrauen nicht so abrupt verpufft, hätte die US-Regierung Lehman gerettet. Die Pleite hat vielen die Augen geöffnet. Bei einer Wirtschaftskrise zum Beispiel dauert es auch, bevor die Menschen das, was sie in der Zeitung lesen, persönlich bewegt. Das kommt erst, wenn der Nachbar oder man selbst den Job verliert. Ähnlich erging es Bankern und Anlegern bei der Lehman-Pleite - erst da haben viele verstanden, was wirklich los ist. Trotzdem glaube ich, es gab schon davor Warnsignale. Die Probleme bei der UBS etwa oder bei der Citigroup waren offensichtlich.
SPIEGEL ONLINE: Wie ernst ist die Lage der deutschen Banken jetzt?
Kvarnström: Ich glaube, Deutschland hat aufgrund der Struktur des Sektors ein spezielles Problem. Deutschland ist overbanked: Es gibt zu viele Banken und im Vergleich zur angelsächsischen Konkurrenz sind sie extrem klein. Natürlich kann man sagen, Probleme oder gar der Kollaps einer Bank haben schlimmere Auswirkungen, wenn es nur wenige große Geldinstitute gibt. Dennoch wären große Institute effizienter, wenn es um die Krisenbewältigung geht. Wir brauchen dringend eine Konsolidierung des Bereichs - das gilt besonders für die Landesbanken, wo auch die Geschäftsmodelle überprüft werden müssen.
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland wird derzeit heiß über die Gründung einer oder mehrerer Bad Banks diskutiert, die ausfallgefährdete Papiere übernehmen und so die Bank-Bilanzen von dem riskanten Ballast befreien sollen. Wäre das die Lösung?
Kvarnström: Es macht kaum Sinn, eine landesweite Bad Bank zu gründen. Der Aufbau wäre eine Herkulesaufgabe und zu komplex angesichts der akuten Probleme. Ich habe in Schweden während der Krise in den neunziger Jahren eine Bad Bank für die Nordbank, die heutige Nordea, aufgebaut - die Securum. Allein die Bewertung der Papiere, die notwendig ist für die legale Abspaltung, dauerte bestimmt sechs Monate. Bei einer einzigen Bank! Außerdem glaube ich, dass die Diskussion über eine staatliche Bad Bank die deutschen Geldinstitute paralysiert - es scheint zumindest so, als ob sie warteten, dass der Staat vielleicht doch noch etwas unternimmt. Dabei wäre es jetzt höchste Zeit, sofort zu handeln.
SPIEGEL ONLINE: Was können die Banken denn unternehmen?
Kvarnström: Jede Bank sollte so schnell wie möglich ihre eigene Bad Bank aufbauen - oder ihren eigenen Restrukturierungs-Bereich, das hört sich netter an. Schließlich wissen sie selbst am besten, welche Risiken in ihren Büchern liegen.
SPIEGEL ONLINE: Vielleicht ist manchen Banken gar nicht so sehr daran gelegen, ihre Problemzonen derart offen zu zeigen .
Kvarnström: Die Regierung muss eben entsprechende Anreize setzen. Sie hätte das schon längst tun sollen, bei dem ganzen Geld, das in den Sektor gepumpt wird. So bekäme der Staat auch endlich einen genauen Überblick über das Ausmaß des gesamten Problems. Und die Chancen würden steigen, das Ausbluten der Branche zumindest etwas stoppen zu können.
SPIEGEL ONLINE: Aber sollte die Regierung das Risiko für die Gift-Papiere nicht zumindest zeitweise übernehmen, um besonders betroffen Banken vor dem unmittelbaren Absturz zu retten?
Kvarnström: Das ist eine schwierige Frage. Meiner Meinung nach können Sie nicht in einer Bank sitzen und sagen: Alle guten Äpfel für unsere Anteilseigner, alle fauligen für den Staat. Trotzdem bedarf es sicher einer finanziellen Unterstützung für die Gift-Papiere. Schon allein, damit sie nicht ad hoc für einen Ramsch-Preis verkauft werden müssen. Ich würde für eine Lösung plädieren, bei der Staat und Bank letztlich gemeinsam für die Risiken aufkommen und bei der der Steuerzahler sein eingesetztes Kapital zurück erhält. Das Wichtigste ist: Die Good Banks müssen so gestaltet werden, dass sie überlebensfähig sind - dann können sie diese Kosten auch irgendwann tragen. Und vor allem gilt: Es muss schnellstens etwas passieren. Geschwindigkeit ist jetzt entscheidend. Deshalb müssen die Lösungen auch so einfach wie möglich sein.
SPIEGEL ONLINE: Würden Sie noch einmal eine der Bad Banks leiten, wenn Sie die Wahl hätten?
Kvarnström: Ich habe mich entschieden, bei solchen Projekten zu beraten, bis sie funktionieren. Ich bin 61 und war lang genug Kapitän - jetzt will ich lieber Lotse sein.
SPIEGEL ONLINE: Wer müsste eine Bad Bank steuern? Investmentbanker? Die verstehen die komplizierten Papiere sicherlich am besten, mit denen sie die Banken ins Verderben gestürzt haben.
Kvarnström: Investmentbanker hatten wir zumindest bei der Dresdner Bank tatsächlich im Team. Aber es dürfen nicht nur Finanzexperten dazu gehören, sondern auch Leute aus den relevanten Industrien, die die den Papieren zugrunde liegenden Werte verstehen und bewerten können. Hotels und Immobilien zum Beispiel. Die Bewertung von Derivatpapieren ist extrem komplex. Hierfür bedarf es spezieller Erfahrungen und Kompetenzen.
SPIEGEL ONLINE: Es gab im Zuge dieser Krise viel Kritik am Verhalten der Banker-Gilde - sind Sie enttäuscht von Ihren Kollegen, jetzt, wo das Ausmaß der Probleme sichtbar wird?
Kvarnström: Nein. Die Krise hat einfach alle mitgerissen. Natürlich, es gab Gier in der Branche. Jeder wollte mehr Geld machen, mehr Boni kassieren. Die ganze Atmosphäre war danach. Aber auch die Regulierer haben mit der Geschwindigkeit, mit der sich diese gewaltigen Finanzmärkte entwickelten, nicht Schritt gehalten, die wahren Risiken der immer komplizierteren Finanzprodukte nicht erkannt. Das deutsche Governance Modell und die Aufsichtsräte wurden ebenso wenig angepasst an die neuen Gegebenheiten. Trotzdem haben sich viele Banker an bewährten Risiko-Modellen orientiert. Das Problem ist: Sie funktionieren nicht mehr, wenn der ganze Markt aus dem Lot gerät.
SPIEGEL ONLINE: Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagte einmal, er habe beim Blick in die Bilanzen der Krisenbank HRE in den Abgrund geblickt. Sie haben sich im Laufe ihrer Karriere sicher schon ziemlich viele Bank-Bücher genau angesehen. Kennen Sie das Gefühl?
Kvarnström: Für die Gegenwart will ich das nicht kommentieren, schließlich geht es um meine potentiellen Klienten als Berater. Für die Vergangenheit kann ich sagen: Natürlich erlebt man Überraschungen. Wenn alles glatt und hübsch funktioniert, entwickeln die Leute eine laxe Haltung und verlieren ein bisschen das Gefühl für Gefahren. Das liegt nun mal die Natur des Menschen.