Bahn-Tarifstreit "Der ausgemachte Feind bin jetzt ich"
SPIEGEL ONLINE: Herr Schell, das Scheitern der Gespräche zwischen GDL, GDBA und Transnet kam plötzlich woran lag's?
Schell: Das müssen Sie nicht mich fragen. Wir hatten gestern alle drei ein Treffen, gemeinsam mit den Moderatoren Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf. Da schien die Welt noch in Ordnung, keine Spur von Disharmonie. Die andere Seite hat sogar noch mal bestätigt, dass sie keinerlei Einwände gegen den Start der geplanten Verhandlungen zwischen Bahn und GDL über die Lokführergehälter hat.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen damit sagen, alles war in Ordnung und Sie wurden von dem Abbruch der Gespräche vollkommen überrascht?
Schell: So ist es. Im Anschluss an das Gewerkschaftstreffen sprachen wir mit Bahn-Vertretern - da kam plötzlich die Erklärung der Transnet, dass unsere Gespräche beendet sind. Weil wir angeblich Vereinbarungen unterlaufen. Das ist ein abgekartetes Spiel zwischen der Bahn und den anderen beiden Gewerkschaften.
SPIEGEL ONLINE: Transnet, GDBA und Bahn sollen sich gegen Sie verbündet haben? Die Forderung lautet doch nur, dass alle Gewerkschaften einen Kooperationsvertrag abschließen, bevor die GDL die Tarife der Lokführer verhandelt.
Schell: So ein Abkommen wurde zwischen uns doch längst verhandelt. Aber das braucht Zeit. Und selbst Geißler und Biedenkopf halten es nicht für zwingend, dass der Vertrag noch vor den Verhandlungen unterschrieben wird. Da geht es um Mechanismen für die Zusammenarbeit, die erst 2009 wichtig werden. Den Abschluss jetzt zu verlangen, ist ein Vorwand. Und ich hoffe sehr, dass sich die Moderatoren dazu äußern werden. Die beiden müssen ja genauso düpiert sein, wie wir es sind.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr nach Verschwörungstheorie. Führen Sie nicht einfach einen Machtkampf mit Transnet-Chef Norbert Hansen auf Kosten der Bahnbelegschaft?
Schell: Hier geht es nicht um Macht, ich will doch nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern schlicht eine angemessene Entlohnung für eine unterbezahlte Berufsgruppe. Die GDBA und Transnet haben 4,5 Prozent Lohnerhöhung verhandelt. Die Bahn tönt ja immer, das sei der höchste Tarifabschluss in der Geschichte. Aber bei 1500 Euro netto bedeutet der Abschluss höchstens 62 Euro mehr pro Monat. Damit ist doch einem Lokomotivführer nicht gedient, der Verantwortung trägt. Dessen Frau wegen seiner Schichtdienste selbst nicht arbeiten kann, wenn Kinder da sind.
SPIEGEL ONLINE: Aber so viel zu verlangen, dass Transnet und GDBA das nicht akzeptieren können, ohne selbst als Schwächlinge dazustehen, ist auch keine Lösung.
Schell: Da wird immer davon gefaselt, dass wir angeblich 31 Prozent mehr wollen das ist doch Unsinn. Wir wollen eine Erhöhung von 1970 Euro auf 2500 Euro Bruttoeinstiegsgehalt. Das sind 2000 Euro netto. Es wird ja wohl keiner ernsthaft behaupten wollen, dass wir damit nach den Sternen greifen. Ich will, dass man mit uns darüber redet - aber solche Gespräche fanden bisher nicht statt, und wenn, dann waren sie wertlos.
SPIEGEL ONLINE: Allerdings wird die Öffentlichkeit kaum Verständnis dafür haben, wenn Sie sich nach dem aufwendigen Vermittlungsverfahren und all dem Hin und Her jetzt nicht einigen.
Schell: Natürlich, der ausgemachte Feind bin jetzt ich. Bahnchef Hartmut Mehdorn hat ja schon den Ausspruch geprägt, dass ich die Bevölkerung terrorisieren wolle.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie nach dem Ablauf der vereinbarten Friedenspflicht am 30. September trotzdem streiken auch wenn ganz Deutschland gegen Sie ist?
Schell: Die Gegenfrage ist: Sollen wir alles das, was wir als notwendig und gerecht ansehen, opfern, weil die Öffentlichkeit gegen uns ist? Dann könnten Herr Mehdorn und Herr Hansen sich zurücklehnen und sich freuen, dass wir kapitulieren. Ihr Spiel wäre schön aufgegangen.
SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie davon aus, dass es zum Streik kommt?
Schell: Ja, zumindest wenn die Bahn sich weiter so verhält wie jetzt. Und die Befürchtung habe ich. Wir haben das Unternehmen heute aufgefordert, in der kommenden Woche mit uns die Tarifverhandlungen zu führen wie geplant. Das darf jetzt nicht mit dem Hinweis auf Sondierungsgespräche oder irgendwelche Arbeitsgruppen verzögert werden. Erkennen wir aber die gute Absicht der Bahn, sind wir wieder zu Verhandlungen bereit. Wir sind ja nicht freudiger Erwartung, dass wir jetzt streiken dürfen. Aber um einen Arbeitskampf zu vermeiden, muss Ende kommender Woche etwas Handfestes auf dem Tisch liegen.
SPIEGEL ONLINE: Wie lange halten Sie einen Streik denn durch?
Schell: Länger als Herr Mehdorn. Auch wenn er glaubt, dass er die Ressourcen hat, den Verkehr weitgehend am Laufen zu halten. Er fabuliert da vom Einsatz ausländischer Lokführer - so einen Schwachsinn habe ich ja in meinem Leben noch nicht gehört.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nicht Angst, dass die Lokführer langsam mürbe sind, Ihnen abtrünnig werden und zu Transnet und GDBA überlaufen?
Schell: Im Gegenteil. Deren Geduld ist massiv strapaziert. Die wollen wissen, wie lang wir bei diesem Hin und Her noch mitmachen. Also, wir sind weiterhin sehr kampfbereit.
Das Interview führte Anne Seith.