Bahn-Tarifstreit Schell frustriert die Lokführer
Berlin Die Zugführer können ihre Enttäuschung kaum verbergen. Die kleine Gruppe hatte sich extra vor dem dbb-Forum in Berlin postiert, trotz der beißenden Kälte nur, um GDL-Chef Manfred Schell und seiner Gefolgschaft auf dem Weg zur Pressekonferenz ein paar aufmunternde Worte zuzurufen.
GDL-Chef Schell bei Pressekonferenz: Zentrale Streik-Themen kaum noch erklärbar
Foto: DPAJetzt haben die Männer die Fahnenstangen achtlos über die Schultern gelegt. Sie wirken verstört. Schell hat gerade auf der Pressekonferenz Dutzende Gründe aufgezählt, warum das neue Tarifangebot der Bahn die "fünfte oder sechste Mogelpackung" ist. Seine Augen waren rot vor Müdigkeit, vor Empörung hielt es ihn kaum mehr auf dem Stuhl, der Scheitel verrutschte. Und dann erklärte er, an den Verhandlungstisch mit dem Bahnvorstand zurückkehren zu wollen. Trotz alledem.
Einer der Männer draußen versucht ein Lächeln. Enttäuscht sei man wohl, viele Kollegen wären doch sofort bereit zum unbefristeten Streik. "Aber vielleicht muss man ja irgendwann wieder reden." Er wirkt nicht überzeugt. Schell hat für die Frage, warum man sich denn auf dieser Basis auf neue Verhandlungen einlässt, einen seiner typischen Sprüche parat: "Es könnte sein, dass der Heilige Geist über den Vorstand kommt und ihn erleuchtet."
Der Politikwissenschaftler Hans-Peter Müller von der Berliner Fachhochschule für Wirtschaft glaubt, dass der Beamtenbund Druck auf die GDL gemacht hat. Er soll der Gewerkschaft angeblich Streikgelder überweisen - Schell bestreitet das. Auch Müllers Frankfurter Kollege Josef Esser glaubt: "Die GDL hat genug Geld." Doch "warum die GDL noch eine Woche wartet, bevor sie mit dem unbefristeten Streik anfängt, ist mir auch ein Rätsel", fügt er hinzu. "Die Positionen sind doch immer noch vollkommen unvereinbar." Vielleicht gebe es interne Streitigkeiten. Oder die GDL wolle weg vom Nein-Sager-Image.
Riskante Taktik
Kurz vor dem Ende seiner Pressekonferenz sagt Schell Bezeichnendes: Man müsse der Öffentlichkeit neue Streiks erklären können. Dazu sei es geboten, erst einmal mit der Bahn zu reden erst dann könne man wieder sagen: So geht es nicht. Eine riskante Taktik. Denn die zentralen Streitthemen sind so kompliziert, dass sie Nicht-Experten kaum noch zu vermitteln sind. Es scheint, als würde vor allem um Worte gefeilscht: eigener Tarifvertrag, eigenständiger Tarifvertrag?
Bahn-Chef Hartmut Mehdorn besteht darauf, die Vereinbarungen mit den Lokführern müssten "ins gesamte Tarifgefüge" passen. Schell sagt, er wolle Arbeitszeiten und Lohn für die Lokführer vollkommen unabhängig von den zwei Konkurrenzgewerkschaften verhandeln, alles andere - "und das sind 80 Prozent" - gemeinsam. Es geht um interne Kooperationsverträge, ob wann man sie abschließt und was drin stehen muss.
Nun hat die Bahn auch noch bis zu 13 Prozent mehr Gehalt geboten. Ein griffiger Wert. Schwerer erklärbar ist, dass sich das Plus gegenüber dem Abschluss mit den Konkurrenzgewerkschaften Transnet und GDBA durch 2,5 Prozentpunkte Zulagen und vor allem 5 Prozentpunkte bezahlte Überstunden ergibt. Die GDL hingegen verlangt weniger Arbeit und mehr Grundgehalt, damit auch die Rentenansprüche steigen.
Bahn-Management spekuliert auf Meinungsumschwung
Die Bahn setzt nun voll darauf, dass sich die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten wendet. Theatralisch bot Personalvorstand Margret Suckale Schell in der Polit-Talkrunde von Anne Will neue Gespräche an. Heute erklärte sie mit ernsten, großen Augen, man hätte ja gerne morgen schon verhandelt. Der 3. Dezember sei auch in Ordnung, man erwarte ja nur, dass ernsthaft und zielorientiert geredet werde. "So lange, bis wir den von ganz Deutschland ersehnten Kompromiss erzielen." Dabei hat die Bahn ihr Angebote im Vergleich zu früheren kaum verbessert.
Schell machte unmissverständlich klar: Erst einmal gibt es nur eine Verhandlungsrunde. Wenn der Bahn-Vorstand den GDL-Vorstellungen vom eigenständigen Tarifvertrag nicht entgegenkomme, seien die Gespräche wieder vorbei. Nun ist die zentrale Frage, ob die Bahn ausgerechnet in diesem Punkt mehr Kompromissbereitschaft zeigt als in den vergangenen Monaten.
Kommt die Wende? Politikwissenschaftler Müller glaubt, es gehe nur noch darum, "wie man die Kehrtwende von Konfrontation zu Verhandlungen schafft". Deshalb müsse Schell vor der Drehung ausreichend zerknirscht wirken, "damit er noch glaubwürdig ist." Gewerkschaftsexperte Esser dagegen ist sich sicher: "Da rasen zwei Züge aufeinander zu und beide hoffen, dass der andere noch bremst." Die Bahn muss schließlich nicht nur die GDL zufrieden stellen, sondern auch die Konkurrenzgewerkschaft Transnet.
Klar ist: Die GDL steckt in der Zwickmühle. "Für sie geht es um Sieg oder Untergang", sagt Esser. "Und alles andere als der eigenständige Tarifvertrag ist kein Sieg, da kommen sie nicht mehr raus."